Ärzt*in für Wien: Einer breiten Öffentlichkeit wurden Sie vor allem als Expertin während der Coronapandemie bekannt. Sie beschäftigen sich sowohl mit Infektionsprävention als auch mit klinischer Mykologie. Wie greifen diese Bereiche ineinander?
Lass-Flörl: Die übergeordnete Klammer meiner Arbeit ist die Infektionsprävention; wir unterscheiden fünf Gruppen von Infektionserregern: Bakterien, Pilze, Viren, Helminthen und Protozoen. Vor diesem Hintergrund war Corona für mich keine fachliche Abweichung, sondern Teil meiner Routinearbeit, weil es im Kern um die Frage ging, welche Hygienemaßnahmen in Kliniken sinnvoll sind. Viren und Pilze sind aus biologischer Sicht grundlegend verschieden; Pilze sind eigenständige Organismen und verursachen Krankheitsbilder, die sich von Virusinfektionen abgrenzen lassen. Mein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt auf invasiven Mykosen, insbesondere durch Schimmelpilze mit Befall der Lunge. Diese Infektionen sind selten, gehen jedoch mit hoher Morbidität und Mortalität einher und sind vor allem in der Hochleistungs- und Intensivmedizin von zentraler Bedeutung.
Ärzt*in für Wien: Welche Pilze spielen medizinisch die größte Rolle?
Lass-Flörl: Wir unterscheiden im Wesentlichen zwei große Gruppen: Hefepilze, etwa Candida-Spezies, die als Teil der physiologischen Schleimhautflora endogen vorkommen und in dieser Hinsicht mit Bakterien vergleichbar sind, und Schimmelpilze, die primär ubiquitär in der Umwelt vorkommen und deren Sporen aerogen aufgenommen werden. Das höchste Risikopotenzial geht dabei von Schimmelpilzinfektionen bei schwer immunsupprimierten Patientinnen und Patienten aus. Besonders bemerkenswert ist ein „Hybrid“, der erst vor wenigen Jahren beschrieben wurde: Candida auris, eine multiresistente Spezies, die sich hinsichtlich Transmission und Ausbruchsverhalten eher wie ein Bakterium verhält.
Ärzt*in für Wien: Warum nehmen Pilzinfektionen weltweit zu?
Lass-Flörl: Diese Entwicklung ist eng mit der modernen Medizin verknüpft. Die Bevölkerung wird älter, die Therapien werden komplexer, und die Zahl der Patientinnen und Patienten unter immunmodulierenden beziehungsweise immunsuppressiven Behandlungen nimmt kontinuierlich zu, die Risikogruppe expandiert also. Besonders vulnerabel sind Personen nach Organtransplantation oder mit akuter Leukämie. Gesunde Menschen inhalieren kontinuierlich Pilzsporen und eliminieren diese in der Regel ohne klinische Konsequenzen. Bei immunsupprimierten Patientinnen und Patienten kann derselbe Expositionsweg jedoch lebensbedrohliche Infektionen nach sich ziehen. Die Herausforderung besteht darin, dass Pilzsporen ubiquitäre Bestandteile der Umgebungsluft sind und sich eine Exposition nur begrenzt verhindern lässt. Gleichzeitig identifizieren wir durch neue diagnostische Verfahren zunehmend seltene Pilzarten, die bislang kaum im Fokus standen.
Ärzt*in für Wien: Wie gut ist die Medizin therapeutisch auf schwere Pilzinfektionen vorbereitet?
Lass-Flörl: Für die wichtigsten Erreger, etwa Aspergillus-Spezies, stehen wirksame Antimykotika zur Verfügung. Für Infektionen durch Erreger der „zweiten“ und „dritten“ Linie sind die therapeutischen Optionen jedoch deutlich limitiert. Das hängt auch damit zusammen, dass invasive Pilzinfektionen erst seit etwa drei Jahrzehnten als zentrales medizinisches Problem wahrgenommen und systematisch beforscht werden, die Bakteriologie verfügt hier über einen Forschungsvorsprung. Die Mortalität bleibt hoch, weil es sich überwiegend um sehr schwer kranke Patientinnen und Patienten mit deutlich kompromittierter Immunfunktion handelt. Antimykotika können häufig vor allem die weitere Progression kontrollieren; eine nachhaltige Kontrolle der Infektion gelingt meist erst, wenn die Grunderkrankung stabilisiert und die Immunlage verbessert werden kann.
Ärzt*in für Wien: Auch die Landwirtschaft spielt eine Rolle. Warum beginnt Prävention am Acker?
Lass-Flörl: Das ist einer der zentralen Problempunkte. Viele phytopathogene Pilze sind identisch mit jenen Spezies, deren Sporen vom Menschen inhaliert werden. Neue Wirkstoffklassen, die wir derzeit für die Humanmedizin klinisch evaluieren, kommen in der Landwirtschaft zum Teil bereits routinemäßig zum Einsatz. Dadurch entwickeln Pilzpopulationen in der Umwelt Resistenzen, noch bevor wir den entsprechenden Wirkstoff in der Klinik flächendeckend etablieren können. In der Medizin entsteht somit der Eindruck eines „neuen“ Therapeutikums, während in der Natur bereits resistente Stämme zirkulieren. Gleichzeitig stehen wir vor einem Zielkonflikt: Einerseits müssen wir Ernährungssicherheit gewährleisten, niemand möchte, dass Getreide auf dem Feld verschimmelt, andererseits ist ein möglichst gezielter, indikationsgerechter und dosierter Einsatz von Fungiziden erforderlich, flankiert von geeigneten regulatorischen Rahmenbedingungen. Dieses Bewusstsein ist vielerorts noch unzureichend ausgeprägt.
Ärzt*in für Wien: Ist die schwere Pilzinfektion vor allem ein Spitalsthema?
Lass-Flörl: Ja, eindeutig. Patientinnen und Patienten mit invasiven Pilzinfektionen liegen in der Regel auf der Intensivstation und benötigen eine hochkomplexe Diagnostik, häufig einschließlich invasiver Verfahren wie Biopsien. Demgegenüber stehen oberflächliche Mykosen, etwa Tinea pedis oder vulvovaginale Hefepilzinfektionen, die sehr häufig auftreten, aber medizinisch vergleichsweise wenig komplex sind. Weltweit sterben Schätzungen zufolge rund zwei Millionen Menschen pro Jahr an schweren Pilzinfektionen; diese Patientengruppe ist zahlenmäßig klein im Vergleich zur enormen Zahl oberflächlicher Infektionen. Österreich ist diagnostisch gut aufgestellt, insbesondere an den Medizinischen Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck, wo spezialisierte mykologische Zentren angesiedelt sind. Global ist das Thema jedoch nach wie vor deutlich unterrepräsentiert.
Ärzt*in für Wien: Welche Fortschritte gibt es aktuell in Forschung, Diagnostik und Prävention?
Lass-Flörl: Österreich steht kurz vor der Zulassung zweier neuer Antimykotika: Fosmanogepix und Olorofim. Beide Substanzen zeigen Wirksamkeit gegenüber seltenen und multiresistenten Erregern. Diagnostisch setzen wir zunehmend molekularbiologische Verfahren ein, um eine frühzeitige und präzise Erregeridentifikation zu ermöglichen – die Zeit bis zur gesicherten Diagnose ist für das Überleben entscheidend. Im Bereich der Prävention gilt unter anderem: Baustellen auf Krankenhausarealen müssen so geplant und überwacht werden, dass keine mit Sporen kontaminierte Luft in Bereiche mit vulnerablen Patientinnen und Patienten gelangt; Biotonnen haben auf Stationen keinen Platz. Auch Begrünungsmaßnahmen im Krankenhausumfeld erfordern ein strukturiertes Risikomanagement: Mehr Vegetation führt zu mehr Insekten, Vögeln und Nagern und damit über deren Exkremente potenziell zu einer erhöhten mikrobiellen Belastung. Für transplantierte oder anderweitig hochgradig immunsupprimierte Menschen ist das Motto „Zurück zur Natur“ daher nicht zwangsläufig gesund.
Ärzt*in für Wien: Hat die Pandemie das Hygienebewusstsein langfristig gestärkt?
Lass-Flörl: Ich beobachte eher das Gegenteil. Die Pandemie war geprägt von Unsicherheit, politischen Interessenkonflikten und fehlenden klar definierten Zuständigkeiten. Das hat in vielen Bereichen zu einer Ablehnung von Hygienemaßnahmen und zu einem erheblichen Vertrauensverlust geführt. Jetzt sind beträchtliche Anstrengungen nötig, um wissenschaftlich fundierte, evidenzbasierte Maßnahmen wieder glaubwürdig und nachvollziehbar zu vermitteln. Infektionsprävention setzt Klarheit, Konsistenz und eindeutige Verantwortlichkeiten voraus, andernfalls entsteht organisatorisches Chaos. Und Chaos führt erfahrungsgemäß selten zu besserer Hygiene.