Ärzt*in für Wien: Bei der Keynote, die Sie anlässlich des „Hot in the city“-Aktionstags der Kammer gehalten haben, ging es um Treibhausgase. Was hat das mit dem Gesundheitswesen zu tun?
Huppmann: Die Treibhausgase sind dafür verantwortlich, dass die Erde sich erhitzt. Wesentlich schneller und zwar radikal schneller als jemals in der Geschichte der Menschheit. Und es ist wichtig, als ersten Schritt Verständnis in der Bevölkerung zu schaffen, dass es tatsächlich unsere Treibhausgasemissionen sind, die den Klimawandel antreiben. Zu 100 Prozent.
Als zweiten Schritt müssen wir darüber kommunizieren. Einerseits, was das für uns gesundheitlich bedeutet. Welche Gesundheitsfolgen gibt es durch die steigende Hitze, vor allem in der Stadt? Die Hitze ist ja eine massive Belastung, auch die fehlende Abkühlung in der Nacht. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass die fehlende Regenerationsphase in der Nacht vor allem für ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen tatsächlich lebensgefährlich werden kann. Und das ist der zweite Schritt, den wir in der Kommunikationsarbeit machen müssen. Den Menschen erklären, warum Hitze für wirklich jeden einzelnen von uns gesundheitsgefährdend ist. Eine Erderwärmung um eineinhalb, zwei Grad, das klingt nicht dramatisch. Und hier haben wir ein Messagingproblem. Wir müssen erklären, warum diese zwei Grad globale Erhitzung für uns, egal ob in Graz, Wien oder Innsbruck, ein großes Problem sind, dem wir uns aktiv widmen müssen.
Der dritte wichtige Schritt ist, was das Gesundheitswesen dazu beitragen kann, Emissionen zu reduzieren. Gesundheit ist ein großer wirtschaftlicher Sektor, der aufgrund des Energie- und Ressourcenverbrauchs auch sehr viel zum Klimawandel, zu den Emissionen, beiträgt, in den Spitälern zum Beispiel.
Ärzt*in für Wien: Wie sieht es mit Narkosegasen aus – sind das wirklich solche Emissionstreiber?
Huppmann: Sie sind ein wichtiger Aspekt. Wir haben CO2 als mengenmäßig wichtigstes Treibhausgas, das auch „quasi für immer“ in der Atmosphäre bleibt. Und dann gibt es andere Treibhausgase, die von der Menge her zwar geringer sind, aber von der Wirksamkeit wesentlich stärker. Dazu gehört zum Beispiel Methan, aber auch diverse Narkosegase wie zum Beispiel Lachgas, das wesentlich potenter als Kohlendioxid ist.
Ärzt*in für Wien: Was wären denn Ansätze, Spitäler klimafreundlicher zu machen?
Huppmann: Zum Beispiel kann man erneuerbare Energien bei der Bauweise, auf der Architekturebene, mitdenken. Vor zehn, 20 Jahren hat man überall riesengroße Glasfronten eingebaut, ohne zu bedenken, wie intensiv man dadurch innen klimatisieren muss. Da wurde viel in die falsche Richtung gebaut, da muss man gegensteuern.
Ärzt*in für Wien: Was können Ärztinnen und Ärzte in der Niederlassung an praktischen, klimafreundlichen Maßnahmen umsetzen?
Huppmann: Ein total unterschätzter Treiber unserer Emissionen ist die Mobilität, sprich der Verkehr. Eine Überlegung, der man sich in der Praxis stellen kann, ist, wie man Patientinnen und Patienten dazu bekommt, etwa mit dem Fahrrad in die Ordination zu fahren oder zu Fuß zu kommen. Die einfachste Methode ist, einen Fahrradständer vor die Tür zu stellen. Man „nudged“ damit auch andere Menschen in diese Richtung, öfter mit dem Rad zu fahren. Und bei der aktiven Mobilität gibt es ja auch eine Menge Co-Benefits neben der Emissionsersparnis: Weniger Platzbedarf in der Stadt zum Beispiel für Autoparkplätze. Und natürlich gibt es viele gesundheitliche Vorteile für die Patientinnen und Patienten.
Ärzt*in für Wien: Sie haben den Ruf, dieses eher sperrige Thema sehr gut auf eine verständliche Ebene herunterbrechen zu können. Wie ist da Ihr Zugang, wie möchten Sie den Menschen dieses Thema vermitteln?
Huppmann: Ich glaube, es geht um die Balance zwischen einer Kommunikation der Dringlichkeit sowie dem Aufzeigen der möglichen Handlungsoptionen. Die Klimakrise ist etwas, das uns die nächsten Jahrzehnte intensiv beschäftigen wird und die von uns allen Veränderungen erfordert. Das Abwägen der individuellen Möglichkeiten, die jemand hat, und dabei die strukturellen Notwendigkeiten nicht außer Acht zu lassen, darum geht es. Ganz wichtig ist es, den Menschen keine persönliche Schuld zu geben.
Ärzt*in für Wien: Wie soll man den Mittelweg aus einer Politik, die Vorgaben machen muss und einer gefühlten Bevormundung der Bürgerinnen und Bürger finden?
Huppmann: Dabei geht es ganz stark um persönliche Werte. Wo habe ich eine gemeinsame Basis? Sonst wird man tatsächlich schnell als bevormundend wahrgenommen und das erzeugt Ablehnung. Ein großes Problem in der Kommunikation ist, dass wir ein verzerrtes Selbstbild haben. In Österreich sehen wir uns als Umwelt- und Klimamusterland, saubere Seen, grüner Strom und in der Werbung spricht das Bio-Schweinchen mit dem Bauern. Dabei haben viele Leute natürlich wenig Ahnung von Massentierhaltung oder woher unsere Energie tatsächlich kommt. Das ist ein sehr gutes Beispiel für unser verzerrtes Selbstbild. Denn fast zwei Drittel der Energie, die wir in Österreich verbrauchen, sind importiertes fossiles Öl und Gas.
Dieses Selbstbild zurechtzurücken ist schwierig, weil man sehr schnell als Angreifer wahrgenommen wird. Deswegen ist es umso wichtiger, diese gemeinsamen, positiven Werte zu betonen, wie wichtig etwa Umweltschutz und Energieunabhängigkeit sind. Dann kann man Schritt für Schritt versuchen, sowohl die infrastrukturellen Rahmenbedingungen zu setzen als auch das persönliche Verhalten der Menschen zu beeinflussen.
Ärzt*in für Wien: Welche Handlungsoptionen haben Durchschnittsbürgerinnen und -bürger?
Huppmann: Ein großer Hebel liegt zum Beispiel in der Mobilität, durch Umstieg auf aktive Mobilität, den öffentlichen Verkehr und E-Mobilität. Ein anderes großes Thema ist Raumwärme, also das Heizen, weil wir eben noch sehr viele Gas- und Ölthermen haben, vor allem in Mietwohnungen.
Ärzt*in für Wien: Und was sind die Baustellen, die Ihnen persönlich in Bezug auf das Klima und die Gesundheit am meisten Sorgen bereiten?
Huppmann: Auf jeden Fall die Klimagerechtigkeit. Wir haben eine doppelte Ungerechtigkeit rund um die Auswirkungen der Erderhitzung. Die Personen, die am wenigsten zu den Emissionen beigetragen haben, wie etwa einkommensschwache Haushalte, sind gleichzeitig diejenigen, die am meisten unter den Auswirkungen leiden. Sie leben statistisch betrachtet in dicht verbauten Gebieten in kleinen Wohnungen und haben kein Geld für eine Klimaanlage oder andere Maßnahmen. Deswegen halte ich es für wahnsinnig wichtig, dass wir politisch und gesellschaftlich gegensteuern. Einerseits durch Subventionen und Förderungen und andererseits durch Anpassungsmaßnahmen, zum Beispiel gegen die Hitze in der Stadt. Lärm, zu wenig Grünflächen, das sind alles Themen in der Stadt, um die man sich dringend kümmern muss.