Ärzt*in für Wien: Die „Million-Dollar-Frage“ gleich zu Beginn: Mit welchen Themen wird man in der Wissenschaft erfolgreich?
Hansson: Grob skizziert, würde ich als Medizinhistoriker sagen, es war lange Zeit die Dissertation, die über den kommenden Erfolg entschieden hat. Dies konnte mein Team in einem laufenden interdisziplinären Projekt über die europäische Geschichte der medizinischen Dissertation deutlich sehen. Mittlerweile ist sie aber „nur mehr“ so etwas wie der Führerschein, sie bringt einen nicht unbedingt weiter. In aktuellen Untersuchungen zeigte sich, dass eher die frühe Postdoc-Phase entscheidend ist. Hier ist der Flaschenhals, wo sich die Spreu vom Weizen trennt.
Ärzt*in für Wien: Was braucht es für diese erfolgreiche Postdoc-Phase?
Hansson: Drei Faktoren werden in der neueren Forschung betont. Erstens, die Wanderjahre. Im Idealfall geht man ins Ausland, auf jeden Fall weg von dem Institut, wo man seine Dissertation gemacht hat. Nummer zwei sind Themenwechsel, man sollte kein „One-Trick Pony“ bleiben, sondern zeigen, wie flexibel man ist. Und das Schwierigste ist: Man sollte in der frühen Postdoc-Phase ein sogenanntes „Hit Paper“ veröffentlichen, also eine Publikation, die stark wahrgenommen wird in der Wissenschaftscommunity und die häufig zitiert wird. Wenn man diese drei Dinge schafft, sollte einer akademischen Karriere nichts mehr im Wege stehen.
Ärzt*in für Wien: Ihr großes Thema ist die Forschung rund um Preise, also Auszeichnungen.
Hansson: Genau. Wir versuchen der aktuellen Relevanz von Preisen nahezukommen. Es gibt gerade im medizinischen Bereich eine enorme Inflation, alleine in Deutschland liegt man mit den Preisen der medizinischen Fachgesellschaften bei 1500 Auszeichnungen. Preise sind wichtig für die Sichtbarkeit, sie vergrößern das wissenschaftliche Netzwerk und erhöhen die Chancen auf weitere Preise. Mittlerweile gilt das aber nur noch für die richtig großen Auszeichnungen.
Ärzt*in für Wien: Apropos, der bekannteste Preis ist sicherlich der Nobelpreis. Gibt es für Sie den idealen Nobelpreis-Kandidaten, wenn man sich die Historie dieses Preises anschaut?
Hansson: Die Vergabe des Nobelpreises und die Kriterien dafür, sowie alles, was hinter den Kulissen passiert, hat sich seit 1901, als der erste Preis verliehen wurde, kaum geändert. Wenn wir uns auf den Medizinnobelpreis beschränken, ist es so, dass Personen gezielt eingeladen werden, um Nominierungen einzureichen. Ich war dazu im Stockholmer Nobelpreisarchiv am Karolinska Institut und habe mir die Nominierungen bis Mitte der 70er-Jahre angeschaut. Einerseits gibt es auf diese Frage eine sehr einfache Antwort, nämlich Alfred Nobels Testament. In dem steht, dass die Person mit dem „greatest benefit to human kind“, also dem größten Nutzen für die Menschheit, den Preis bekommen soll. Andererseits ist das eine knifflige Aufgabe für die Jury, genau diese Person auszuwählen. Ich habe mit meinem Buch („Wie man keinen Nobelpreis gewinnt“, Gräfe & Unzer, Anm. d. Red.) versucht, diese Frage auf den Kopf zu stellen. Um es kurz zu machen: Ein Kriterium dafür, den Preis nicht zu erhalten, ist etwa, wenn man zu sehr Mainstream ist. Wenn es zu viele vorgeschlagene Personen zu einem Thema gibt etwa, wie es in den 50er-Jahren bei der Herzchirurgie mit vielen hervorragenden Kandidaten der Fall war. Für die Jury war es deshalb schwierig, hier eine einzige, ausschlaggebende Person auszuwählen. Das genaue Gegenteil gibt es allerdings genauso, nämlich wenn man als zu visionär gilt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde zum Beispiel ein Chirurg namens Themistocles Gluck nominiert, der sich mit künstlichen Gelenken beschäftigt hat, damals quasi Science-Fiction. Zu stark umstrittene Thesen wiederum sind ebenfalls kein Erfolgsrezept. Der Österreicher Eugen Steinach meinte zum Beispiel, eine Sterilisation beim Mann sei eine Verjüngungskur, tatsächlich war das damals auch in Mode. Dem Nobelpreis-Komitee erschien das aber doch zu spekulativ und kontrovers.

Der Nobelpreis wurde 1901 das erste Mal vergeben. Das Preisgeld beträgt 11 Millionen schwedische Kronen (996.000 Euro). Foto: Nobel Prize Outreach/Clément Morin
Ärzt*in für Wien: Welche Wissenschafterinnen und Wissenschafter sind denn Ihrer Meinung nach völlig zu Unrecht beim Nobelpreis nicht berücksichtigt worden und warum?
Hansson: Grundsätzlich kann man sagen, das Nobelpreis-Komitee findet die Grundlagenforschung interessanter als die Therapie, möge sie noch so bahnbrechend sein. Emil von Behring ist eine Ausnahme, er bekam den allerersten Nobelpreis für sein Diphterieserum, allerdings hatte er auch an der Forschung intensiv mitgewirkt. Diejenigen, die eine wirksame klinische Therapie wie etwa die Dialyse entwickelt hatten, gingen leer aus. In der Jury saßen auch immer mehr in der Grundlagenforschung tätige Ärztinnen und Ärzte, vielleicht spiegelt sich das darin.
Ärzt*in für Wien: Wie wichtig ist der Nobelpreis noch?
Hansson: Für mich ist das nach wie vor eine offene Frage, warum ausgerechnet dieser Preis als das Nonplusultra gilt. Es ist weder die Tradition noch das Geld, denn es gibt ältere und besser dotierte Preise. Aber kein Forschungspreis bekommt so viel mediale Sichtbarkeit. Auf schwedisch gibt es eine Metapher, die übersetzt „das selbstspielende Klavier“ heißt. Der Nobelpreis hat also eine Art Schneeballeffekt. Egal, was die Jury in Stockholm macht, alle berichten darüber.
Ärzt*in für Wien: Es gibt den sogenannten Matilda-Effekt, sprich die Unsichtbarkeit von Frauen in der Wissenschaft aus strukturellen Gründen. Sind Frauen noch immer so unterrepräsentiert in der Wissenschaft?
Hansson: Dazu wird mit der „Leaky Pipeline“ argumentiert, sprich: Frauen gehen dem System überproportional verloren auf dem karrieretechnischen Weg nach oben. Als Beispiel: In Ländern wie Deutschland oder Österreich studieren mehr Frauen als Männer Medizin. Bei der Dissertation ist dieser Anteil noch ausgewogen, aber bei der Habilitation ist der Männeranteil schon deutlich höher. Wenn wir uns die Preise gezielt anschauen, dann ist es so, dass 2000 ein Großteil der Preise an Männer ging, 2020 war das aber anders. Man könnte sagen: Hier hat sich viel getan, die Frauen wurden sichtbarer. Allerdings liegt der Teufel im Detail: Die Frauen bekommen nämlich nicht unbedingt die Top-Preise.