Wien-Marathon

Im Wettlauf um die Gesundheit

Beim 43. Vienna City Marathon am Sonntag sind rund 40.000 Läuferinnen und Läufer an den Start gegangen. Ein derartiges Spektakel braucht auch ein medizinisches Notfallkonzept. Acht Notärztinnen und Notärzte und 200 Sanitäterinnen und Sanitäter des Roten Kreuzes haben die Athletinnen und Athleten medizinisch und rettungsdienstlich versorgt.

David Hell
Der Einsatzleiter vom Roten Kreuz steht mit dem Rücken zur Kamera und blickt auf die Läuferinnen und Läufer, die man hinter einer Absperrung auf einer Straße laufen sieht.
Der Marathon unter den Argusaugen des Roten Kreuzes.
Foto: Markus Hechenberger
„Die ersten Vorbereitungen für den Vienna City Marathon haben im Oktober begonnen. Obwohl wir den Marathon schon das dreizehnte Mal begleiten, ist es immer wieder eine Herausforderung und immer etwas anders. Im vorigen Jahr mussten wir zusätzlich Tee kochen, weil es so kalt war, heute werden wir das Kühlbecken für überhitzte Läuferinnen und Läufer brauchen.“
Georg Geczek, RK-Einsatzleiter

Der Marathon 2026 in Wien, offiziell Vienna City Marathon (VCM), kennt viele Gewinner: Die Siegerin bei den Frauen Tigist Gezahagn, den Sieger bei den Herren Fanny Kiprotich und alle Läuferinnen und Läufer, die ihr Ziel erreicht haben. Wichtig ist, dass alle im Falle von gesundheitlichen Problemen rettungsdienstlich bestens versorgt wurden. Dafür haben die insgesamt 320 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (davon 200 Sanitäterinnen und Sanitäter) des Roten Kreuzes und acht Notärztinnen und Notärzte seit den Morgenstunden gesorgt. Die Zeltstadt des Roten Kreuzes war auf der Höhe des ehrwürdigen Café Landtmann nebst dem Burgtheater aufgebaut. Also gleich beim Zieleinlauf. Dort hatte Landesrettungskommandant Georg Geczek die Einsatzleitung für den größten Event, den das Wiener Rote Kreuz betreut. „Die ersten Vorbereitungen für den Vienna City Marathon haben im Oktober begonnen. Obwohl wir den Marathon schon das dreizehnte Mal begleiten, ist es immer wieder eine Herausforderung und immer etwas anders. Im vorigen Jahr mussten wir zusätzlich Tee kochen, weil es so kalt war, dieses Mal werden wir das Kühlbecken für überhitzte Läuferinnen und Läufer brauchen“, sagte Geczek.

Der ärztliche Leiter, Lukas Infanger, blickt freundlich in die Kamera.
Lukas Infanger, Leitender Notarzt beim Vienna City Marathon. / Foto: David Hell

Magische Grenze
Dabei startete der Sonntag mit kühlen 10 Grad. Doch die Wetterbedingungen haben sich rasant geändert und die Temperaturen sind mit zunehmender Zeit nach oben geklettert. „Wir wissen: Je wärmer die Temperaturen, desto höher die Rate an Läuferinnen und Läufern mit hitzebedingten Erkrankungen. Nachdem aber nicht nur die Lufttemperatur, sondern auch die Luftfeuchtigkeit, Wind, Sonnenstrahlung et cetera bestimmen, wie gut unser Körper mit der Belastung zurechtkommt und zum Beispiel durch Schwitzen Hitze abgeben kann, wird heutzutage vor allem mit der Wet Bulb Globe Temperature, kurz WBGT, gearbeitet. Ab 15 Grad Celsius WBGT steigt die Anzahl der Läuferinnen und Läufer mit medizinischen Problemen zunehmend an, ab 21 Grad Celsius WBGT ist dieser Anstieg dann nochmals deutlich steiler und schneller“, sagte der leitende Notarzt beim VCM, Lukas Infanger, kurz vor dem Start im notfallmedizinischen Zelt des Roten Kreuzes. Und er sollte Recht behalten. Vom Zeitpunkt des Erreichens der 21 Grad hielten die Funkgeräte der Rot-Kreuz-Mitarbeiter nicht mehr still: „Unklare Situation auf Kilometer 31,5“ oder „Kollaps am Praterstern“, hieß es da. Dieser Umstand spiegelte sich auch in der Zahl der „Finisher“ wider. Denn dieses Jahr gab es mit rund 8.657 Personen um knapp 600 weniger Zielankünfte als im Vorjahr – bei 13.000 Anmeldungen über die volle Distanz.

Auch manche Routiniers und Profis mussten frühzeitig die Segel streichen und medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. „In erster Linie ist es unser Ziel, möglichst viele Personen rasch wieder fit zu machen, damit sie unbeschadet wieder nach Hause können. Und in den allermeisten Fällen gelingt uns das auch. Ausgestattet sind wir aber so, dass wir auch Intensivbehandlungen wie in einem Krankenhaus durchführen können“, sagte Notfallmediziner, Intensivmediziner und Anästhesist Infanger. Die acht freiberuflichen Notfallmedizinerinnen und Notfallmediziner am VCM verfügen über ausreichend Praxis, Erfahrung mit dem Rettungsdienst, Intensivmedizin und Notaufnahme aus dem Krankenhaus. „Es gibt, glaube ich, kaum einen günstigeren Moment, um beim Sport ein medinisches Problem zu haben, als hier beim Marathon“, sagt Notarzt Infanger. Um all diesen Behandlungsservice anbieten zu können, ist ein enormer Logistikaufwand erforderlich. All die Dinge – zum Beispiel über 50 Behandlungsbetten, Monitore, Blutdruckmesser, Defibrillatoren, Brechbeutel, Coolpacks, Verbände, Desinfektionsmittel, Rettungsdecken, Pflaster, Funkgeräte und so weiter – müssen ja verpackt, herbeigeschafft, sortiert, verteilt und richtig aufgestellt werden. Frank Wimmer, ehrenamtlicher Leiter Support beim Roten Kreuz: „Vom Katastrophenhilfsdienst haben wir Rucksäcke und ganze Fahrzeug-Anhänger, die sonst bei Großschadensereignissen verwendet werden.“ Das zeigt schon die für Österreich einzigartige Dimension dieses Spitzenevents. Und nach dem Motto „besser haben als brauchen“ geht man für die Behandlungsartikel auch auf Nummer sicher: „Mir ist lieber, ich habe mehr Material für die Behandlung mit als wir tatsächlich brauchen. Im besten Fall geht das halt einfach wieder zurück“, sagte Gregor Pichler von der Materialwirtschaft.

Zwischen Pflaster und Kollaps
Der häufigste Notfall bei einem Marathon ist ein belastungsindizierter Kreislaufkollaps. Doch auch kleinere Unbehagen führen die Läuferinnen und Läufer zu den Sanitäterinnen und Sanitätern: ein abgebrochener Fingernagel aufgrund eines Sturzes, ein hartnäckiger Hustenanfall einer völlig erschöpften Läuferin sowie zahlreiche Personen, die einfach nur ein Pflaster benötigen: Blasen am Fuß sowie Schrammen am Ellbogen, an der Hüfte oder am Kinn. „Für jeden einzelnen Betroffenen ist es natürlich wichtig, gleich versorgt zu werden. Dafür haben wir vollstes Verständnis. Wenn viel los ist, reihen wir natürlich nach medizinischer Dringlichkeit“, sagte Robert Dangl, Bezirksrettungskommandant der Bezirksstelle Van Swieten, der gerade in einem Kommandofahrzeug in der Prater Hauptallee unterwegs war.

Zentrale Stelle mit vielen mobilen Einheiten
Rettungsdienstlich organisiert war der Marathon wie folgt: Im Zielraum war die Einsatzleitung des Wiener Roten Kreuzes stationiert. Unterstützt wurde das Wiener Rote Kreuz übrigens von Einheiten aus Niederösterreich und dem Burgenland. Gleich im Zielbereich befand sich das Hauptzelt, in dem alle Notfälle von den Notärztinnen und Notärzten sowie von den Sanitäterinnen und Sanitätern behandelt wurden. 

Eine Triage-Stelle gleich beim Eingang teilt die Personen nach ihren Verletzungs- und Erkrankungsgraden ein. Das Rettungszelt wurde in zwei Bereiche – A (rechts) und B (links) – unterteilt. Die Aufteilung folgte keiner Wertigkeit, sondern nur der Logik des kurzen Weges. Hätte man einen langen Bereich, dann wären die Distanzen zu lang. Mit der Aufteilung war alles näher und übersichtlich beieinander. Dort befanden sich auch die erstmals eingeführten Kühlbecken, um Läuferinnen und Läufer zu behandeln, deren Körpertemperatur nicht rasch genug sinkt. Das Hauptproblem dabei ist, wenn übermäßige Stoffwechselwärmeproduktion die normalen Wärmeabgabemechanismen des Körpers überfordert, entsteht eine Kaskade von Herz-Kreislauf-Versagen bis hin zu Zellschädigung und Multiorganversagen. Die Therapie der Wahl ist hierbei, den Körper – ohne Kopf – rasch in ein eiskaltes Wasserbad zu legen, damit dieser abkühlt. Duschen alleine würde da nicht ausreichen und wäre bei bewusstlosen Patientinnen und Patienten auch kaum durchführbar. Dass diese „Cold Water Immersion“ – also das Eintauchen ins (eis)kalte Wasser – die medizinische Therapie der Wahl bei Patientinnen und Patienten mit belastungsinduziertem Hitzschlag ist, ist aus der Literatur und den Leitlinien bekannt, erzählt der leitende Notarzt Infanger. Aber das konkrete „Wie“ ist natürlich eine logistische Herausforderung. „Für Praxistipps, zum Beispiel welche Art des Beckens sich bewährt hat, habe ich mit dem ärztlichen Leiter des Berlin Marathons sowie einem notärztlichen Kollegen, die dort tätig ist, gesprochen, die mir dankenswerterweise konkrete Praxistipps gegeben haben“, sagte Infanger. Gespeist wurden die aufblasbaren Plastikbecken mit frischem Hochquellwasser direkt aus dem Hydranten (etwa 5 Grad). Bei Bedarf standen auch Eiswürfel griffbereit.

Vor dem Rettungszelt kümmerten sich Sanitäterinnen und Sanitäter unermüdlich um Läuferinnen und Läufer, damit sie nach der Zielerreichung nicht abrupt stehenbleiben oder sich auf den Boden legen. „Wir sind da echt lästig“, sagte eine Sanitäterin einem kraftlosen Läufer, der gerade nach einem Halbmarathon ins Ziel kam. Sein gequälter Gesichtsausdruck mündete aber bald in Dankbarkeit. Denn nach der körperlichen Anstrengung läuft die Herzfrequenz noch weiter hoch. Und wenn man dann stehenbleibt und die Muskel-Waden-Pumpe in den Beinen versagt, die ja das Blut aus den Beinen zurück zum Herzen transportieren soll, kollabieren die Leute. Daher halfen und ermunterten die Sanis die Zielankömmlinge für noch ein paar Schritte. Auch entlang der Strecke gab es einiges zu tun. So versorgten entlang der Strecke positionierte Einsatzteams behandlungsbedürfte Personen und brachten diese bei schlimmeren Beschwerden entweder zum Rettungszelt oder ins Spital. Die mobilen Einheiten waren im klassischen Einsatzwagen, auf Segways, Elektrofahrrädern oder zu Fuß unterwegs. Auch Drohnen kamen zum Einsatz, um immer einen guten Lageüberblick zu haben.

Gesundheit im Vordergrund
Eine wichtige Einrichtung des Marathon-Veranstalters sollten viel mehr Läuferinnen und Läufer nutzen: das VCM Medical Center, das von Rennarzt und Sportmediziner Robert Fritz geleitet wird und das jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer kostenlos am Freitag und Samstag vor dem Renntag zur Verfügung steht. Dabei wird kontrolliert, ob ein Start gesundheitlich sinnvoll ist. Vor allem bei akuten Problemen ist die Untersuchung zu empfehlen – und es gibt sogar eine Umbuchungsmöglichkeit auf das nächste Jahr, falls die Ärztinnen und Ärzte den Start nicht empfehlen. Weiters können alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer medizinische Informationen im Rahmen der Registrierung zum VCM hinterlegen. Diese können dann von einzelnen berechtigten Personen im Falle eines Notfalls über die Startnummer abgefragt werden. Ideal vor allem bei jenen, wo es eine Sprachbarriere gibt. Ebenfalls eine kluge Bestimmung des Veranstalters besteht darin, dass die Marathon-Läuferinnen und -Läufer jederzeit in den Halbmarathon abbiegen können. Wer also merkt, dass die Kräfte schwinden, braucht sich nicht unnötig einer Belastung und Gefahr aussetzen und kann dennoch im Ziel und nicht auf der Trage landen.

Der finale Kraftakt
Schluss war gegen 16 Uhr. Die letzten Schlussläuferinnen und Schlussläufer hatten bis 15.35 Uhr Zeit, ins Ziel zu kommen. Die Rot-Kreuz-Mitarbeiter hatten zu diesem Zeitpunkt schon zehn Stunden intensive Arbeit in den Beinen. Auch sie haben einen Marathon gestemmt und wieder einmal vielen Läuferinnen und Läufern maßgeblich geholfen. All die Dinge, die herbeigeschafft wurden, müssen dann noch feinsäuberlich abtransportiert werden – drei bis vier Tage müssen dafür einkalkuliert werden. Dass es kaum geregnet hat, war ein großes Glück. Denn die Aufbereitung von nassen und schweren Zelten hätte einen Monat gebraucht. Dieser Kelch bzw. diese Wolken sind gerade noch vorbeigezogen.

Der Einsatzleiter steht vor Fahrzeugen des Roten Kreuzes.
Georg Geczek, Einsatzleiter des Roten Kreuzes.

 

Zwei Mitarbeiter des Roten Kreuzes stehen bei einem Einsatzfahrzeug entlang der Rennstrecke.
Robert Dangl und Martin Heinrich beim Einsatz entlang der Strecke (v.l.) / Foto: David Hell

 

 

Im Einsatzfahrzeug des Roten Kreuzes sieht man den Fahrer und Beifahrer. / Foto: David Hell
Im Einsatz entlang der Prater Hauptallee. / Foto: David Hell

 

Drei Personen vom Roten Kreuz stehen dicht beieinander bei einem Einsatzfahrzeug.
Gregor Pichler und Nathan Johannes Gunsam von der Materialwirtschaft und Frank Wimmer, Leiter Support (v.l.). / Foto: David Hell

 

Ein Mann bedient mit einer Fernsteuerung eine vor bzw. leicht über ihm fliegende Drohne.
Dieses Mal kamen auch Drohnen zum Einsatz - um Einsatzorte besser lokalisieren zu können. / Foto: WRK/Markus Hechenberger
Zwei Rot-Kreuz-Mitarbeiter sieht man von hinten auf E-Bikes sitzen und wie sie gerade die Wiener Mariahilfer Straße hinunter fahren.
Auch mit E-Bikes waren die Sanitäterinnen und Sanitäter des Roten Kreuzes unterwegs. / Foto: WRK/Markus Hechenberger

 

Zwei Plastikbecken stehen im Rettungszelt.
Um die Läuferinnen und Läufer im Notfall komplett runterzukühlen ,wurden heuer erstmals Kühlbecken eingesetzt. / Foto: David Hell
Ein Rotes-Kreuz-Mitarbeiter am Funkgerät.
Die Funkgeräte standen am Renntag kaum still und lotsten die Sanitäterinnen und Sanitäter des Roten Kreuzes zum Einsatzort. / Foto: Markus Hechenberger
„Es gibt, glaube ich, kaum einen günstigeren Moment, um beim Sport ein medinisches Problem zu haben als hier beim Marathon.“
Lukas Infanger, Ärztlicher Leiter