Isabella Klaus und Bernd Leitenberger haben ihre Skills beruflich verschmolzen. Die beiden gründeten das Unternehmen „L&K Protect Yourself Workshops“. Isabella Klaus ist Medizinerin, Psychotherapeutin und absolviert gerade beim Österreichischen Bundesheer als Militärassistenzärztin die Facharztausbildung zur Psychiaterin. Bernd Leitenberger ist 2004 zur Polizei gekommen und seit 2007 bei der WEGA (Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung), einer Sondereinheit der österreichischen Bundespolizei. Dort bildet er Kolleginnen und Kollegen im Nahkampf aus. Die WEGA rückt aus, wenn wirklich Feuer am Dach ist.
Das Wissen der beiden wird an Interessierte weitergegeben – in Workshops für Firmen und Private. Was aber lässt sich bei aufkeimender Gewalt tun und welche Strategien gibt es, um Gewalt, sei es verbal oder körperlich, erst gar nicht entstehen zu lassen? Die Antworten haben rund 20 Ärztinnen und Ärzte in den Räumlichkeiten von „benefit Consulting“ in der Krugerstraße in Wien an einem Seminartag im Oktober erfahren.
Üben für den Ernstfall
„Wir wollen auf Situationen vorbereiten, die außergewöhnlich und hoch akut sind und auf die es keine pauschale Antworten gibt. Wir werden oft gefragt, in welchen Situationen es sinnvoller ist zu fliehen, zu deeskalieren, und in welchen es sinnvoller ist zu kämpfen“, sagt Isabella Klaus. Und Bernd Leitenberger ergänzt: „Wir spielen mit den Kursteilnehmenden mehrere typische Gefahrensituationen durch, denn nur, wer so etwas schon einmal durchgespielt hat, wird im Ernstfall richtig agieren können.“ Derartige Situationen passieren leider schon jetzt allzu häufig, daher heißt es, sich zu wappnen. Laut einer Studie, die Ende 2024 von der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien in Auftrag gegeben wurde, machten mehr als die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte bereits Gewalterfahrungen, 37 Prozent der Betroffenen berichteten von regelmäßigen Gewalterfahrungen und jede sechste Person war bereits körperlicher Gewalt ausgesetzt.
Es geht nicht ums Gewinnen
Prinzipiell wird man einen Konflikt immer verbal zu lösen versuchen. „Gute Gesprächsführung ist zielführend, aber nicht einfach, denn es kommt auf Nuancen und subtile Details an, die anderen vielleicht gar nicht auffallen. Außerdem gibt es zwar Floskeln, die man einlernen und in schwierigen Situationen abspulen kann, dies ist allerdings nur ein Aspekt. Als Basis trainieren wir daher die Regulation von akutem Stress, reflektieren über die zugrunde liegende Haltung und lernen, mit unserer Körpersprache zu arbeiten“, sagt Isabella Klaus. „Wenn man allerdings bemerkt, dass sich die Situation nicht beruhigen lässt und die Patientin oder der Patient aggressiv bleibt oder sogar noch aggressiver wird, dann muss ich zurückweichen und vielleicht sogar in die Selbstverteidigung kommen“, sagt Bernd Leitenberger. Ab wann ist man aber ausreichend trainiert, um gegen aggressive und stärkere Personen zu bestehen? „Ich gebe den Teilnehmenden ein paar Selbstverteidigungstechniken mit auf den Weg. Wir haben über Jahre hinweg ein Konzept entwickelt, mit dem ich auch gegen Stärkere bestehen kann. Verteidigung ist vor allem ein Wegkommen aus einer Situation. Es geht nicht ums Gewinnen. Und das lässt sich in ein paar Monaten Training gut meistern“, sagt Leitenberger.
Schrecksekunden reduzieren
All das ist nur dann zu bewerkstelligen, wenn der aufkommende Stress erkannt, interpretiert und reguliert wird – die drei Punkte der Stressregulation. „Es gibt dazu auch Stressregulationstechniken, die man bei uns erlernen kann“, sagt Klaus. Es gibt Stresssituationen, die neben dem Fight (Kampf), Flight (Flucht) auch ein Freeze (Erstarren) hervorrufen. Doch in Notfällen zählt jede Sekunde. Diese Schrecksekunden lassen sich zwar nicht komplett wegtrainieren, aber durch Training deutlich reduzieren. „Wenn ich dieses Freeze von vier Sekunden auf eine halbe senke, dann macht es einen Unterschied. In einem Fall verharre ich bewegungslos, wenn jemand ein Messer zieht, im anderen ergreife ich sehr flott die Flucht und bin aus der Gefahrenzone draußen“, sagt Leitenberger.
Die 3-L-Regel
Gewaltprävention beginnt bei einfachen Dingen, die aber viel bewirken können: Darunter fällt die 3-L-Regel: Licht, Lärm und Leute. Täterinnen und Täter agieren lieber im Dunkeln. Empfohlen wird daher, vor allem abends und nachts auf gut ausgeleuchteten Straßen und Gehwegen zu bleiben – und wenn möglich in Begleitung. Im Fall eines Angriffs ist es ratsam, Lärm zu machen – auch um Aufmerksamkeit und Hilfe herbeizuholen. Und wenn mehrere Leute beisammen sind oder zu einem Streitfall dazukommen, wirkt das deeskalierend.
Für den Schutz des eigenen Lebens und der körperlichen Unversehrtheit gilt das Motto: Mehr ist mehr! Wer im Vorfeld mehr macht und sich besser vorbereitet, der wird für den Ernstfall gewappnet sein und aus heiklen Situationen besser herauskommen.
Zur Info:
Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte unterstützt ihre Mitglieder mit regelmäßig wiederkehrenden Angeboten zu Selbstverteidigungskursen, auf die in Kammer-Rundschreiben hingewiesen wird.
Weitere Kursangebote zur Selbstverteidigung bei Protect Yourself:
Isabella Klaus und Bernd Leitenberger bieten maßgeschneiderte Workshops für Ordinationen, Spitäler und Firmen an. Bei Protect Yourself finden sich auch Selbstverteidigungskurse für Private – die einmal im Monat an einem Samstag und Sonntag jeweils zwei Stunden trainieren können. Darüber hinaus ist auch ein individuell gestaltetes Personal Training möglich. Alle Infos unter: www.protect-yourself.at