„Ich kann Sie beruhigen: Wir Chirurginnen und Chirurgen werden nicht durch Künstliche Intelligenz ersetzt, der Mensch bleibt letzte Instanz“, so der renommierte Neurochirurg Karl Rössler in der aktuellen Podcast-Folge. Er muss es wissen, denn in seinem Fach sind die Entwicklungen in Sachen KI und Technologien im Operationssaal rasant. Im Gespräch mit Radio Wien-Moderatorin Heidi Heinzl spannt Rössler einen Bogen von den Anfängen der Künstlichen Intelligenz in der Neurochirurgie hin zur fast nach Science Fiction anmutenden Entwicklung dieser Tage. Schon in den 1990er-Jahren sind dabei erste Meilensteine gesetzt worden: Eine immer bessere Bildgebung und die Möglichkeit, diese auch direkt im Operationssaal zu verwenden, waren damals eine Innovation. Auch Neuronavigation, bildgeführtes Operieren und iMRI, also während einer Operation MR-Bilder zu machen und sich vom Fortschritt des Eingriffs in Echtzeit zu überzeugen, entwickelte sich in dieser Zeit.
Momentan bewegt sich die Entwicklung laut Rössler hin zu Augmented Reality, bei der etwa virtuelle 3D-Bilder aus CT- oder MRT-Daten direkt in das Sichtfeld der Chirurgin oder des Chirurgen eingeblendet werden, und robotischen Assistenzsystemen. „Diese Systeme sind nicht mehr wegzudenken aus der modernen Neurochirurgie. Dadurch ist alles viel sicherer geworden, Hautschnitte und Öffnungen sind kleiner geworden und Belastungen für das Gehirn weniger.“ Warum diese Entwicklung für die Neurochirurgie Gold wert ist, hat auch damit zu tun, dass das Gehirn während eines Eingriffs einen sogenannten Brain Shift vollzieht. Darunter versteht man die Verschiebung des Gehirns während der Operation, was bedeutet, dass jegliche Vorausplanung ungenau werden kann. Das Team braucht sozusagen intraoperative Echtzeitdaten und eine maximal präzise Darstellung des Geschehens. KI-Tools und Möglichkeiten liefern dabei wertvolle Informationen.
Futter für die Künstliche Intelligenz
Apropos: Für Rössler liegt die aktuelle Herausforderung genau dort. Es gelte, diese Systeme laufend mit Daten und Wissen zu füttern. „Je mehr solcher Geräte verwendet werden und je größer die Patientenanzahl ist, die man damit untersucht, desto besser kann man die Genauigkeit eichen.“ Beispiel Tumorchirurgie: Aktuell kann hier schon während der Operation Gewebe entnommen werden, das durch eine Art Spektrometer geschickt wird. KI vergleicht dieses Gewebe dann in Echtzeit innerhalb einer halben Minute mit einer Bibliothek an schon vorhandenen Spektren und liefert damit wichtige Informationen über den Tumor. Größter Vorteile ist die enorme Schnelligkeit dieses Verfahrens, Grenzen gibt es allerdings bei der Zuverlässigkeit der Daten. Dabei kommt es nämlich auf den Umfang der schon vorhandenen „Bibliothek“ an: Gibt es bereits viele Vergleichsdaten, funktioniert die Bewertung und Einschätzung viel besser also dort, wo noch Lücken sind.
Was sich Rössler künftig von der Künstlichen Intelligenz wünscht, ist eindeutig: „Vorrangig mehr Zeit durch standardisierte Abläufe im Operationssaal, denn durch diesen Zeitgewinn können wir mehr Patientinnen und Patienten versorgen."
Fact Box
Karl Rössler ist Neurochirurg und leitet die Universitätsklinik für Neurochirurgie der MedUni Wien. Jährlich werden dort rund 2500 operative Eingriffe vorgenommen und an die 10.000 Behandlungen in den dazugehörigen Spezialambulanzen durchgeführt. Zudem bietet sie eine Besonderheit: Österreichweit ist sie die einzige Klinik mit Gamma-Knife (eine hochpräzise, nicht-operative Bestrahlungsmethode in der Neurochirurgie, mit der Erkrankungen im Gehirn gezielt behandelt werden können), einem endovaskulären Operationssaal, einem Operationssaal für intraoperative MRT-Diagnostik sowie für stereotaktische Verfahren plus eine Neurointensivstation unter einem Dach.