Gesundheitswesen der Zukunft gestalten

Der Schlüssel liegt in der Stärkung des niedergelassenen Bereichs

Korinna Schumann, Johannes Steinhart und Melanie Kuhrn suchten beim Europäischen Forum Alpbach 2026 nach Lösungswegen, wie das Gesundheitssystem den zukünftigen Ansprüchen gerecht werden kann und wie Daten eine moderne Versorgung und den ärztlichen Alltag unterstützen können.

Katharina Hemmelmair
Teilnehmer*innen Diskussion
Melanie Kuhrn, Johannes Steinhart, Korinna Schumann und Michaela Fritz (v.l.) beim Europäischen Forum Alpbach 2026
Ärztekammer für Wien
„Unser solidarisches Gesundheitssystem, das allen Menschen unabhängig von Einkommen, Alter und Herkunft Zugang zu medizinischer Versorgung gewährt, ist unser höchstes Gut.“
Johannes Steinhart

„Wie sollte das Gesundheitswesen in Zukunft organisiert sein?“ – dieser Frage gingen Gesundheitsministerin Korinna Schumann, Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, und Melanie Kuhrn, Health Expertin für Digitalisierung und Dateninfrastrukturen, unter der Moderation von Michaela Fritz, Vizerektorin für Forschung und Innovation der Medizinischen Universität Wien, beim Europäischen Forum Alpbach nach. Das Gesundheitssystem steht vor großen Herausforderungen: Personalmangel bei gleichzeitig steigender Nachfrage nach ärztlicher Versorgung erhöht den Druck auf das System. Veränderungen in der Versorgung, sowohl in den Spitälern als auch in der Primärversorgung, und der verstärkte Einsatz digitaler Technologien werden daher immer wichtiger. Doch wie kann diese Entwicklung gelingen?  

„Unser solidarisches Gesundheitssystem, das allen Menschen unabhängig von Einkommen, Alter und Herkunft Zugang zu medizinischer Versorgung gewährt, ist unser höchstes Gut“, stellt Steinhart gleich zu Beginn klar. „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dieses solidarische System zu sichern und weiterzuentwickeln.“ 
Für Steinhart ist eine starke niedergelassene kassenärztliche Versorgung ein wesentlicher Bestandteil eines leistungsfähigen und solidarischen Gesundheitssystems. „Durch eine flächendeckende, niederschwellige und präventive Versorgung leistet der kassenärztliche Bereich einen essenziellen Beitrag dazu, die Gesundheit der Bevölkerung langfristig zu erhalten.“ Das gelte einerseits für die wohnortnahe Betreuung einer immer älter werdenden Gesellschaft. Andererseits braucht es einen starken niedergelassenen Bereich, um den Ausbau der Tagesmedizin zu ermöglichen. „Wenn die teuren Betten in den Spitälern seltener gebraucht werden, dann erspart sich am Ende des Tages das Gesundheitswesen eine Menge Geld. Aber damit die Ordinationen Leistungen übernehmen können, die in der Vergangenheit in den Spitälern erledigt wurden, müssen dafür vorher ausreichend Ressourcen zur Verfügung gestellt werden“, sagt Steinhart.
Die Lösung kann aber nicht aus Zwangsmaßnahmen im Wahlarztsystem bestehen. Denn, so Steinhart: „Wahlärztinnen und -ärzte leisten einen unverzichtbaren Beitrag und springen dort ein, wo das Kassensystem Lücken hinterlässt. Sie sind versorgungsrelevant, ermöglichen eine raschere Betreuung und entlasten den Kassenbereich.“ 

Gesundheitsministerin Schumann betont: „Wir müssen Schritte setzen, um das öffentliche Gesundheitssystem zu stärken. Wir haben ein gutes öffentliches System, Teile davon sind aber in Schieflage geraten. Ziel ist, den Menschen das Vertrauen in das System zurückzugeben. Ich bin überzeugt, dass uns das gelingt. Wesentlicher Teil dieser Gesundheitsreform ist der Ausbau der Primärversorgung. Einen Fokus legen wir außerdem auch auf Prävention. Krankheiten können so früh erkannt und besser behandelt werden.“
Mit Hinblick auf den Start der Diagnosencodierung in den Ordinationen sagt Präsident Steinhart: „Die Erfassung strukturierter Diagnosen ist per se wichtig und sinnvoll. Wichtig war aber auch, dass die Ärztekammer das Ministerium von einer Einführungsphase überzeugen konnte. Dennoch gibt es weiterhin noch einiges zu tun, bis die Diagnosencodierung den Anforderungen der täglichen Praxis genügt und sinnvolle Daten liefert. Das System muss weiterentwickelt und modernisiert werden, damit auch beispielsweise Verdachtsdiagnosen erfasst werden können.“

Melanie Kuhrn, Health Expertin für Digitalisierung und Dateninfrastrukturen, bestätigt, dass es hier noch offene Themen gibt, die man noch in Angriff nehmen müsse: „Dass wir Daten brauchen, ist heutzutage jedem klar. Aber mit welchem System gearbeitet wird und wie die Ausgestaltung in der Praxis ausschaut, daran müssen wir noch arbeiten. Wir müssen klären, was zu tun ist, wenn eine Diagnose nicht ins System passt, wenn es sich um eine Verdachtsdiagnose handelt oder etwa wenn sich eine Diagnose im Nachhinein ändert.“ 

 

Egal welche Maßnahmen notwendig sind, um die Zukunft des Gesundheitswesens zu gestalten und bei welchen Hebeln angesetzt werden kann, für Steinhart steht fest, dass die Patientensicht stets im Mittelpunkt stehen muss. „Das österreichische Gesundheitssystem zählt zu den besten weltweit. Das darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Veränderungen müssen die Versorgungsqualität sichern und gleichzeitig praxistauglich sein. Dafür braucht es die Ärzteschaft, denn wir Ärztinnen und Ärzte kennen das System am besten, da wir täglich darin arbeiten“, sagt Steinhart.

„Wir müssen Schritte setzen, um das öffentliche Gesundheitssystem zu stärken. Wir haben ein gutes öffentliches System, Teile davon sind aber in Schieflage geraten.“
Korinna Schumann
„Dass wir Daten brauchen, ist heutzutage jedem klar. Aber mit welchem System gearbeitet wird und wie die Ausgestaltung in der Praxis ausschaut, daran müssen wir noch arbeiten.“
Melanie Kuhrn