Im Haus an der Margaretenstraße 166 im fünften Bezirk schlagen gleich mehrere Herzen. Zum einen schreibt die Gewerkschaft vida auf ihrer Website, dass dort „Das Herz der Eisenbahnerbewegung“ sei. Im selben Haus schlägt ein weiteres Herz: das für obdachlose Menschen. Die Sozialorganisation neunerhaus hat dort ihre Büroräumlichkeiten und 2017 ein topmodernes Gesundheitszentrum errichtet. Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen, Zahnärztinnen und -ärzte, Sozialarbeiterinnen sowie Assistentinnen und Assistenten kümmern sich um Personen, die keinen Zugang zu medizinischer Betreuung haben. Ergänzt werden die Angebote am Standort um eine Tierarztpraxis und ein Café. Stephan Gremmel, Allgemeinmediziner und Geschäftsführer neunerhaus Gesundheit gemeinnützige-GmbH, erklärt, wie sich das alles zusammenfügt.
Ärzt*in für Wien: Herr Gremmel, neunerhaus bietet medizinische Betreuung für obdachlose, wohnungslose und nicht versicherte Menschen an. Wie haben sich Angebot und Nachfrage entwickelt?
Stephan Gremmel: Begonnen hat alles vor 20 Jahren mit einer aufsuchenden Medizin (Anm. d. Red.: aufsuchende Medizin ist die medizinische Versorgung von Menschen direkt vor Ort – auf der Straße, in Notunterkünften oder im häuslichen Umfeld) und mobilen Einheiten, die wir immer noch haben. 2017 haben wir mit dem neunerhaus Gesundheitszentrum unser Angebot unter einem Dach zusammengefasst. Seither stehen uns topmoderne Behandlungsräume sowie ein breites interdisziplinäres Team zur Verfügung. Pro Jahr versorgen wir rund 6000 Menschen über unser gesamtes Gesundheitsangebot – mit steigender Tendenz.
Ärzt*in für Wien: Wie erklärt sich der gestiegene Zulauf?
Gremmel: Zum einen hat sich unser Angebot in Wien herumgesprochen. Zum anderen merken wir im Kontext der Einsparungen, die im Sozial- und Gesundheitsbereich stattfinden, dass viele finanzielle Engpässe haben und dass sich nicht sicher sind, ob sie sich die nächste Miete, Energierechnung oder die nötigsten Nahrungsmittel leisten können. Diese Sorgen und Nöte häufen sich in letzter Zeit.
Ärzt*in für Wien: Sie haben seit Beginn 3651 Kinder medizinisch versorgt. Warum ist die Betreuung von Kindern über Ihre Einrichtung nötig?
Gremmel: Kinder von nicht versicherten Personen sind ebenfalls nicht versichert. Das muss man sich einmal vorstellen. In einem Land wie Österreich ist nicht garantiert, dass alle Kinder und Jugendliche Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen – nur weil die Eltern nicht versichert sind. Für uns ist die Einbeziehung in die allgemeine Krankenversicherung für schwangere Frauen und Kinder dringend notwendig. Hier Gegenargumente zu finden, ist meiner Ansicht nach sehr schwer.
Ärzt*in für Wien: Neben der humanmedizinischen Versorgung gibt es auch die neunerhaus Tierarztpraxis. Warum wurde die eingerichtet?
Gremmel: Einige obdachlose Menschen haben Hunde, Katzen und Kleintiere, die Trost spenden, Struktur geben oder vor Einsamkeit schützen. Sie hängen sehr an diesen Tieren, aber sie können sich in den meisten Fällen die tierärztliche Behandlung nicht leisten. Außerdem kommen unsere Patientinnen und Patienten mit ihren eigenen Anliegen nicht immer auf direktem Weg zu uns. Wenn sie sehen, wie gut ihre Hunde und Katzen behandelt werden, dann lassen sie sich auch auf eine eigene medizinische Behandlung mehr ein. Ursprünglich ist unsere Tierarztpraxis in Kooperation mit der Österreichischen Tierärztekammer entstanden und einzigartig in Österreich.
Ärzt*in für Wien: Sie haben seit 2009 auch eine Zahnarztpraxis – die nun natürlich auch im Gesundheitszentrum untergebracht ist. Wie kam es dazu?
Gremmel: Wir bieten professionelle Zahnmedizin durch angestellte und ehrenamtliche Zahnärztinnen und -ärzte sowie hauptamtliche zahnärztliche Assistentinnen und Assistenten an. Das ist historisch so gewachsen und es gibt immer noch eine Gruppe von sehr engagierten Zahnärztinnen und -ärzten, die ehrenamtlich in der Versorgung mitarbeiten. Wir haben auch einen ehrenamtlichen Zahntechniker, der uns unterstützt, um kleinere Reparaturen bei Prothesen vor Ort zu machen. Wir arbeiten soweit als möglich zahnerhaltend und wo es nötig ist, können wir auch Prothesen anbieten. Die zahnmedizinische Versorgung ist oft lebensverändernd. Wir sehen immer, dass Menschen nach einer Behandlung ein besseres Selbstwertgefühl haben und sich plötzlich um eine Wohnung oder einen Job bewerben oder einfach nur wieder schmerzfrei essen können.
Ärzt*in für Wien: Für wen ist das neunerhaus Café, das sich gleich neben dem Gesundheitszentrum befindet?
Gremmel: Hier sind alle willkommen, die von Dienstag bis Freitag ein gesundes, frisch gekochtes, biologisches und vegetarisches Mittagessen auf freier Spendenbasis haben möchten. Jede und jeder wird gebeten, etwas in die Spendenbox zu werfen. Es bekommen aber auch diejenigen eine Mahlzeit, die nichts beitragen können oder nur ein paar Cent zur Verfügung haben. Ein eigenes Team leistet vor Ort auch im niederschwelligen Umfeld Sozialarbeit und Peerarbeit bzw. leitet auch an das Gesundheitszentrum weiter. Es ist hier alles verzahnt und macht miteinander den größten Sinn.
Ärzt*in für Wien: Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind im Gesundheitszentrum tätig?
Gremmel: Insgesamt haben wir rund 60 angestellte und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Ärzt*in für Wien: Wie viele und welche Ärztinnen und Ärzte sind bei Ihnen beschäftigt?
Gremmel: Einerseits haben wir fix angestellte Ärztinnen und Ärzte aus dem Bereich Allgemeinmedizin. Das sind rund 20 Ärztinnen und Ärzte in einem Ausmaß von etwa acht Vollzeitäquivalenten. Das wechselt häufig und wir haben Kolleginnen und Kollegen, die machen das neben einer eigenen Ordination mit ein paar Stunden und versorgen eine Einrichtung aufsuchend für uns. Dann wiederum haben wir Kolleginnen und Kollegen, die machen das annähernd in Vollzeit und versorgen an unterschiedlichen Stellen – sei es im Gesundheitszentrum, aufsuchend oder am neunerhaus Gesundheitstelefon. Andererseits verfügen wir über ein Netzwerk an Fachärztinnen und -ärzten, die ihre Tätigkeit pro bono für uns erledigen. In der zahnärztlichen Praxis gibt es eine Leitungsstelle und sonst ehrenamtliche Zahnärztinnen und -ärzte. Und in der Tierarztpraxis haben wir eine angestellte Leitung und arbeiten sonst mit ehrenamtlichen Tierärztinnen und -ärzten.
Ärzt*in für Wien: Sie suchen Ärztinnen und Ärzte – welche?
Gremmel: Wir brauchen laufend Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner in Anstellung und ehrenamtlich, niedergelassene Fachärztinnen und -ärzte – vor allem Gynäkologinnen und Gynäkologen. Wir brauchen Personen, die offen sind und auch den Extrameter gehen, wenn es in der Versorgung von Menschen mit ganz besonderen Problemlagen einmal schwierig ist und die den intrinsischen Anspruch haben, sich in der niederschwelligen Versorgung zu engagieren.
Ärzt*in für Wien: Wie ist das Gesundheitszentrum organisiert und finanziert?
Gremmel: Träger ist die neunerhaus Gesundheit GmbH – eine gemeinnützige 100-Prozent-Tochter des Vereins neunerhaus. Diese wird teils durch eine Objektförderung des Fonds Soziales Wien, also über die Wohnungslosenhilfe, finanziert. Andererseits haben wir einen leistungsbezogenen Ambulatoriumsvertrag mit der Österreichischen Gesundheitskasse. Um all die Angebote in der Form durchführen zu können, sind wir auch auf Spendengelder und freiwillige Mitarbeit angewiesen.
Ärzt*in für Wien: Wie ist es generell um den Gesundheitszustand von obdachlosen Menschen bestellt?
Gremmel: Grundsätzlich ist es so, dass unsere Zielgruppe gesundheitlich oft früher im Leben mehrfach belastet ist. Das heißt, wir sehen bei jungen Menschen Multimorbiditäten, natürlich auch viele psychische Belastungen und psychiatrische Erkrankungen. Und wir haben das Thema der chronischen Wunden. Das ist bei der Zielgruppe wirklich ein wichtiges Thema. Mit dem Gesundheitszentrum haben wir die Pflege plus Wundmanagement auch mit an Bord. Das ist ein dreiköpfiges Team, welches auf höchstem Niveau komplexe Wunden behandelt. Und da sind unglaubliche Dinge möglich. Wenn das Vertrauen stimmt und die Menschen mit ihren Wunden regelmäßig zu uns kommen, dann beginnen diese plötzlich zu heilen. Das sind wirklich sehr schöne Erfolge. Denn das ist tatsächlich lebensverändernd für die oder den Einzelnen.
Ärzt*in für Wien: Wie und wann sind Sie zu „neunerhaus“ gekommen?
Gremmel: Ich bin seit elf Jahren bei „neunerhaus“ und habe relativ bald nach meinem Turnus als Allgemeinmediziner begonnen. Zuerst eben auch in der aufsuchenden Medizin über die mobilen Einheiten. Dann habe ich die ärztliche Leitung für mehr als fünf Jahre übernommen. Und jetzt bin ich in der Geschäftsführung der neunerhaus Gesundheit gemeinnützige GmbH.
Ärzt*in für Wien: Was motivierte Sie, bei „neunerhaus“ zu beginnen?
Gremmel: Ich wollte in ganz jungen Jahren ins Ausland, um dort im humanitären Bereich tätig zu sein. Nach der Schule habe ich meinen Zivildienst in Guatemala absolviert. Und dann habe ich in Wien Medizin studiert. Noch während des Turnus habe ich ein Masterstudium begonnen, das sich mit dem Thema der medizinischen Versorgung in ressourcenschwachen Gegenden auseinandersetzt. Und genau in dieser Zeit habe ich erlebt, dass man gar nicht so weit über die Grenzen hinausschauen muss, sondern dass es auch bei uns genug zu tun gibt, um die humanitäre medizinische Versorgung zu verbessern. Das war für mich der Antrieb, bei „neunerhaus“ zu beginnen – und die Notwendigkeit dieser Arbeit hat sich bestätigt.
Spenden und Jobs bei „neunerhaus“
„neunerhaus“ wird vom Fonds Soziales Wien gefördert. Es ist aber auch auf Spenden angewiesen. Seit 2004 ist neunerhaus ständiger Träger des Österreichischen Spendengütesiegels und 2025 wurde es mit dem Fundraising Award ausgezeichnet. Spenden sind hier möglich.
Aktuelle Jobausschreibungen für Ärztinnen und Ärzte und andere Berufsgruppen.