Der NHS in Großbritannien

Zwischen Vorbild und Warteliste

Der National Health Service (NHS) gilt als Herzstück des britischen Sozialstaats. Hohe Identifikation, zentrale Steuerung und standardisierte Patientenpfade zählen zu seinen Stärken. Gleichzeitig kämpft das System mit langen Wartezeiten, Bürokratie und finanziellem Druck. Der Wiener Chirurg Lukas Unger war vier Jahre im englischen Gesundheitssystem tätig und schildert seine Eindrücke vom NHS.

Stefan Eckerieder-Donovan
Zwei Schilder die bei einer Demonstration Zuspruch für den NHS zeigen.
Die Briten sind sehr stolz auf ihren National Health Service (NHS). Dessen Finanzierung ist eines der Hauptthemen in der politischen Diskussion.
Foto: Shutterstock/John Gomez
„Der größte Vorteil ist die hohe Strukturierung des Systems. Das NHS organisiert sowohl die Primärversorgung als auch den niedergelassenen und stationären Bereich.“
Lukas Unger

Für viele Britinnen und Briten ist der National Health Service (NHS) weit mehr als ein Gesundheitssystem – er ist Teil der nationalen Identität. Der staatliche Gesundheitsdienst steht für den Anspruch, allen Menschen unabhängig von Einkommen oder sozialem Status medizinische Versorgung zu ermöglichen. Mit mehr als 1,8 Millionen Beschäftigten zählt der NHS zu den größten Arbeitgebern der Welt. Jede 25. erwachsene Person in England arbeitet für den Gesundheitsdienst. „Die Menschen identifizieren sich sehr stark mit dem System und sind stolz darauf, eines der ersten universellen Gesundheitssysteme der Welt zu haben“, sagt Lukas Unger, Leiter der Kolorektalchirurgie an der Klinischen Abteilung für Viszeralchirurgie der Medizinischen Universität Wien. Nach Forschungsjahren in Cambridge und einer Tätigkeit als Consultant in Oxford berichtete er im Rahmen der Vortragsreihe „Gesundheitssysteme weltweit“ in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien über seine Erfahrungen mit dem britischen Gesundheitssystem.

2025 arbeiteten laut dem Gesundheitsthinktank Nuffield Trust rund 216.000 Ärztinnen und Ärzte im NHS. Sie versorgen rund 69 Millionen Menschen in England, Schottland, Wales und Nordirland und bewältigen jährlich etwa 17 Millionen Notfälle. Die Gesundheitsausgaben des Vereinigten Königreichs beliefen sich 2025 auf etwa 410 Milliarden Euro beziehungsweise 11,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Österreich gab im selben Jahr rund 61,3 Milliarden Euro beziehungsweise 11,9 Prozent des BIP für Gesundheit aus.

Zentral organisiert, aber anfällig für Sparmaßnahmen

Trotz ähnlicher Ausgaben unterscheiden sich die Gesundheitssysteme grundlegend. Während Österreich auf ein sozialversicherungsbasiertes Modell mit gemeinsamer Finanzierung durch Sozialversicherung, Bund, Länder und Gemeinden setzt, wird das NHS überwiegend zentral und steuerfinanziert organisiert. „Der größte Vorteil ist die hohe Strukturierung des Systems. Das NHS organisiert sowohl die Primärversorgung als auch den niedergelassenen und stationären Bereich“, erklärt Unger. Patientenpfade seien dadurch stärker standardisiert, Doppelgleisigkeiten könnten reduziert werden. Der größte Nachteil aus Sicht der Ärztinnen und Ärzte sei hingegen die Bürokratie: „Vor allem die Dokumentationspflichten sind enorm und nehmen sehr viel Zeit in Anspruch.“

Mann mit weißem Hemd
Lukas Unger hat einen Teil seiner Ausbildung in England absolviert und auch im NHS gearbeitet. Foto: MedUni Wien 
 

Die Kehrseite der zentralen Finanzierung zeigt sich insbesondere in Zeiten knapper Budgets. „Seit der Finanzkrise 2008 wurde in das System real, also inflationsbereinigt, immer weniger investiert. Das wirkt sich unmittelbar auf das gesamte System aus“, so Unger. Unter anderem macht sich das in langen Wartezeiten in vielen Bereichen bemerkbar. Gleichzeitig werden einzelne Versorgungsbereiche politisch priorisiert. Besonders deutlich zeigt sich das in der Krebsversorgung. Für Patientinnen und Patienten mit Krebsverdacht existiert der sogenannte „Two-Week-Wait-Pathway“. Vermutet eine Hausärztin oder -arzt eine Krebserkrankung, muss die weiterführende Diagnostik innerhalb von zwei Wochen erfolgen. Andernfalls drohen dem Krankenhaus finanzielle Sanktionen.

Die Einführung dieses Systems ist auch eine Reaktion auf vergleichsweise ungünstige Gesundheitsindikatoren. Laut OECD-Bericht „Health at a Glance“ liegt Großbritannien bei der vermeidbaren Sterblichkeit mit 156 Fällen pro 100.000 Einwohner über dem OECD-Durchschnitt von 145 und damit im hinteren Mittelfeld der Industrieländer. Österreich liegt mit 141 Fällen im vorderen Drittel. Auch bei Krebserkrankungen weist Großbritannien aufgrund verzögerter Diagnosen eine überdurchschnittlich hohe Sterblichkeit auf. Österreich liegt auch hier im OECD-Durchschnitt deutlich besser.

„Das System des Two-Week-Wait-Pathway funktioniert grundsätzlich gut. Die Herausforderung besteht allerdings darin, überhaupt in diesen Pfad aufgenommen zu werden“, erklärt Unger. Entscheidend sei häufig, wie rasch man von einer Hausärztin oder -arzt überwiesen werde.

Planbare Arbeitszeiten, lange Wartezeiten

Die starke Zentralisierung prägt auch den Arbeitsalltag. „Ein wesentlicher Vorteil ist die hohe Planbarkeit“, sagt Unger. Facharztstellen verfügen über sogenannte „Job Plans“. Die Arbeitswoche ist in vierstündige Blöcke gegliedert, Dienste und Bereitschaften werden langfristig geplant. „Beispielsweise hat man alle drei Monate eine Woche Nachtdienst.“ Im Vergleich zu vielen österreichischen Spitälern bedeutet das deutlich mehr Planungssicherheit.

Auch Operationskapazitäten werden anders organisiert. Consultants verwalten ihre OP-Zeiten weitgehend selbstständig, verfügen über eigene Sekretariate und fest zugeteilte OP-Kapazitäten. Zusätzliche Operationszeiten müssen gesondert beantragt und finanziert werden. Dadurch können Wartelisten bis zu einem gewissen Grad selbst gesteuert werden, gleichzeitig lassen sich Kapazitäten nur schwer ausweiten.

Das gesamte System unterliegt einer strengen Bedarfsplanung. Allerdings fehlen häufig die finanziellen Mittel, um notwendige Stellen tatsächlich zu besetzen. „Auch in unserem Bereich hätten wir problemlos zwei zusätzliche Chirurgen für die Tumorchirurgie beschäftigen können, die Finanzierung dafür war jedoch nicht vorhanden“, berichtet Unger. 

Lange Ausbildung, hohe Mobilität

Auch die ärztliche Ausbildung unterscheidet sich deutlich von jener in Österreich. In Großbritannien dauert sie häufig zehn bis zwölf Jahre und ist wesentlich stärker subspezialisiert. Während in Österreich zunächst breit allgemeinchirurgisch ausgebildet wird, spezialisieren sich britische Chirurginnen und Chirurgen frühzeitig zum Beispiel auf die Kolorektal- oder Hepatobiliarchirurgie. Unger hält solche gezielten Spezialisierungen grundsätzlich auch in Österreich für sinnvoll und könnte sich entsprechende sogenannte Fellowships künftig verstärkt vorstellen.

Gleichzeitig berichten viele Jungärztinnen und -ärzte beziehungsweise Trainees, dass sie heute deutlich weniger eigenständig arbeiten dürfen als frühere Generationen. Entscheidungen würden zunehmend von Consultants getroffen, wodurch junge Ärztinnen und Ärzte erst spät Verantwortung übernehmen. Erschwert wird die Ausbildung zusätzlich durch die hohe Mobilität. „Viele müssen mehrfach umziehen und wissen oft nicht genau, wann sie einzelne Ausbildungsabschnitte absolvieren werden. Für die Familienplanung ist das natürlich schwierig“, so Unger.

Die Unzufriedenheit vieler Ärztinnen und Ärzte spiegelt sich auch in Befragungen wider. Laut einer Erhebung des General Medical Council unter 4.700 Ärztinnen und Ärzten denkt rund ein Drittel darüber nach, Großbritannien zu verlassen. Nur ein Viertel zeigte sich mit der bisherigen Karriere zufrieden. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Bezahlung. Im ersten Jahr nach Studienabschluss verdienen Ärztinnen und Ärzte rund 43.000 Euro brutto pro Jahr, nach vier Jahren etwa 59.000 Euro. Erst im Verlauf der Fachausbildung steigt das Einkommen auf bis zu 83.000 Euro brutto jährlich. Nach Abschluss der Ausbildung liegt das Gehalt bei rund 129.000 Euro brutto pro Jahr, wie Zahlen der British Medical Association (BMA) zeigen.

Hohe Gesundheitskompetenz

Unger erinnert sich neben der hervorragenden Ausbildungsmöglichkeiten und den großen Herausforderungen vor allem auch an die hohe Gesundheitskompetenz vieler Britinnen und Briten: „Viele Menschen sind sich bewusst, dass Gesundheitsversorgung keine Selbstverständlichkeit ist und dass Wartezeiten Teil des Systems sind. Entsprechend dankbar waren viele Patientinnen und Patienten für die Behandlung.“

„Vor allem die Dokumentationspflichten sind enorm und nehmen sehr viel Zeit in Anspruch.“