„Paradigmenwechsel bei Diabetes-Mellitus-Behandlung“
Neue Medikamente ermöglichen eine deutlich einfachere Behandlung von Typ-2-Diabetes. Rudolf Prager ist Endokrinologe in der Privatklinik Rudolfinerhaus und lehrt an der Danube Private University. Er erklärt, wie die neuen Therapien die Behandlung revolutionieren und welche Auswirkungen sie auf den Verlauf der Erkrankung, die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten und das Gesundheitssystem haben.
Stefan Eckerieder-Donovan
Neue Therapien ermöglichen eine deutlich einfachere und wirksamere Behandlung von Typ-2-Diabetes.
Foto: Shutterstock/Me Dia
„In vielen Fällen kommt es sogar zu einer weitgehenden Normalisierung des Zuckerstoffwechsels.“
Rudolf Prager
Ärzt*in für Wien: Die Behandlung bei Diabetes mellitus hat sich zuletzt stark verändert. Welche Medikamente sind dafür verantwortlich und welche Erfahrungen sehen Sie damit in der Praxis?
Prager: Ich würde sogar von einem Paradigmenwechseln in der Behandlung des Typ-2-Diabetes sprechen. Ausschlaggebend dafür sind vor allem neue Medikamentengruppen wie die GLP-1-Analoga, etwa Semaglutid, bekannt unter dem Handelsnamen Ozempic, oder Tirzepatid, bekannt als Mounjaro. Diese Präparate haben insbesondere in der Frühphase der Erkrankung eine phänomenale Wirkung auf die Blutzuckereinstellung. Wir beobachten unter diesen Medikamenten Senkungen des Langzeitblutzuckers von bis zu zwei Prozent. In vielen Fällen kommt es sogar zu einer weitgehenden Normalisierung des Zuckerstoffwechsels. Das ist ein enormer Fortschritt, weil wir früher davon ausgegangen sind, dass Typ-2-Diabetes zwangsläufig fortschreitet und Patientinnen und Patienten nach zehn bis zwanzig Jahren jedenfalls Insulin benötigen.
Der zusätzliche große Benefit dieser Substanzen ist die deutliche Gewichtsreduktion. Das wirkt sich wiederum sehr positiv auf den weiteren Verlauf der Erkrankung aus. Wir sehen mittlerweile, dass durch diese frühen und wirksamen Therapien die Funktion der insulinproduzierenden Betazellen wesentlich länger erhalten bleibt und die Progression der Erkrankung deutlich verlangsamt werden kann.
Eine zweite sehr wichtige Medikamentengruppe sind die sogenannten SGLT2-Hemmer mit Wirkstoffen wie Empagliflozin und Dapagliflozin. Diese Medikamente senken nicht nur den Blutzucker, sondern zeigen auch sehr positive Effekte auf Herz und Nieren. Große Studien konnten zeigen, dass Nierenkomplikationen um rund 40 Prozent reduziert werden können. Auch die Häufigkeit von Herzinsuffizienz sinkt je nach Studie um etwa 30 bis 50 Prozent. Für die Betroffenen bedeutet das vor allem eine deutlich bessere Lebensqualität und langfristig mehr gesunde Lebensjahre.
Ärzt*in für Wien: Wie hat sich die Behandlung von Patientinnen und Patienten damit konkret verändert?
Prager: Die Behandlung ist heute wesentlich einfacher und gleichzeitig effektiver geworden. Früher war Metformin die klassische Basistherapie. Dieses Medikament hat nach wie vor einen wichtigen Stellenwert beim unkomplizierten Typ-2-Diabetes, weil es ebenfalls günstige Effekte auf das Herz-Kreislauf-System zeigt.
Danach kamen jedoch oft Medikamente zum Einsatz, die zwar den Blutzucker senkten, darüber hinaus aber keinen zusätzlichen Nutzen hatten. Dazu zählen etwa DPP-4-Hemmer oder ältere Sulfonylharnstoffe. Gerade letztere brachten häufig Probleme wie Gewichtszunahme oder Unterzuckerungen mit sich. Auch Insulin war und ist zwar sehr wirksam, gleichzeitig aber das stärkste anabole Hormon des Körpers. Das bedeutet, dass es das Gewicht deutlich steigern kann, was bei Typ-2-Diabetes kontraproduktiv ist. Wenn man den Einsatz von Insulin vermeiden oder zumindest lange hinauszögern kann und gleichzeitig eine Gewichtsreduktion erreicht, ist das ein enormer Vorteil.
Die Therapie ist deutlich unkomplizierter geworden, weil weniger Medikamente zum Einsatz kommen. Die Angst vor Unterzuckerungen ist wesentlich geringer und aufwändige Schulungen, wie sie früher etwa bei Insulintherapien notwendig waren, können oft reduziert werden.
Endokrinologe Rudolf Prager hebt die positiven Auswirkungen auf den Verlauf der Erkrankung durch die neuen Therapien hervor. Foto: David Hell
Ärzt*in für Wien: Welche Auswirkungen hat das auf den Verlauf der Erkrankung?
Prager: Die Auswirkungen sind enorm. Wir haben heute erstmals die Möglichkeit, nicht nur die Symptome des Diabetes zu behandeln, sondern den Verlauf der Erkrankung tatsächlich positiv zu beeinflussen. Wir sehen heute, dass durch frühe und konsequente Therapie die Progression deutlich verlangsamt werden kann. Gleichzeitig sinkt die Rate schwerer Folgeerkrankungen auf Herz, Gefäße und Nieren erheblich.
Studien mit Semaglutid haben gezeigt, dass bei adipösen Menschen ohne Diabetes die kardiovaskulären Komplikationen um mehr als 20 Prozent reduziert werden konnten. Das bedeutet konkret weniger Herzinfarkte, weniger Schlaganfälle und letztlich auch weniger Todesfälle.
Ärzt*in für Wien: Welche Rolle spielt die Früherkennung von Diabetes Typ 2, damit die neuen Behandlungsmethoden auch greifen?
Prager: Die Früherkennung spielt eine zentrale Rolle. Wir sehen gesellschaftlich eine stetig steigende Zahl an übergewichtigen Menschen, auch bei Kindern und Jugendlichen. Übergewicht bleibt einer der größten Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes. Wenn man eine diabetische Stoffwechsellage früh erkennt und rasch behandelt, kann man den Zuckerstoffwechsel häufig wieder normalisieren oder zumindest stabilisieren. Gerade im Prädiabetes sehen wir beeindruckende Effekte. Durch die Gewichtsreduktion unter den neuen Therapien erreichen wir bei rund 60 Prozent der Patientinnen und Patienten wieder normale Blutzuckerwerte. Dadurch lässt sich die eigentliche Diabeteserkrankung in vielen Fällen verhindern oder zumindest deutlich hinauszögern.
Ärzt*in für Wien: Bei aktuell rund 800.000 Menschen in Österreich, die an Diabetes Mellitus erkrankt sind, dürften damit auch positive Effekte auf das Gesundheitssystem einhergehen.
Prager: Absolut, auch wenn die Medikamente derzeit noch teuer sind. Wir sprechen von monatlichen Kosten von über 150 Euro. Deshalb ist die Bewilligung durch die Krankenkassen aktuell noch relativ komplex. Es befinden sich aber bereits weitere Kombinationspräparate in Entwicklung oder im Zulassungsprozess. Der Markt wird größer werden und damit hoffentlich auch der Preis der Medikamente sinken.
Wenn man aber die langfristigen Vorteile betrachtet, relativieren sich diese Kosten. Die neuen Therapien verhindern schwere Folgeerkrankungen, reduzieren Krankenhausaufenthalte und können teure Komplikationen wie Dialysepflichtigkeit, Herzinsuffizienz oder Operationen verhindern.
Dazu kommt, dass die Behandlung insgesamt einfacher wird. Wenn moderne Therapien niederschwelliger verfügbar sind und stärker im niedergelassenen Bereich eingesetzt werden können, braucht man langfristig möglicherweise weniger hochspezialisierte Diabeteszentren.
Ärzt*in für Wien: Sie haben die Benefits bei der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit starkem Übergewicht angesprochen. Aktuell werden die Kosten für diese neuen Medikamente von der Österreichischen Gebietskrankenkasse (ÖGK) bei Adipositasbehandlung nicht übernommen. Sollte das aus Ihrer Sicht geändert werden, um die Entstehung von Diabetes mellitus und andere Folgeerkrankungen zu verhindern?
Prager: Das wäre durchaus sinnvoll. Adipositas ist eine chronische Erkrankung mit zahlreichen Folgeproblemen. Bis vor wenigen Jahren war die einzige wirklich wirksame Therapie bei schwerem Übergewicht oft eine Operation. Diese Eingriffe sind jedoch belastend und können sowohl körperliche als auch psychische Nebenwirkungen haben. Wenn man frühzeitig gegen schweres Übergewicht vorgeht, kann man nicht nur Diabetes verhindern, sondern auch Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder orthopädische Probleme günstig beeinflussen.
Langfristig würde das auch dem Gesundheitssystem hohe Kosten ersparen, weil viele Folgeerkrankungen und operative Eingriffe vermieden werden können. In Frankreich wird seit kurzem eine Erstattung von Mounjaro bei schwerem Übergewicht durch das öffentliche Gesundheitssystem gewährleistet.
„Die Therapie ist deutlich unkomplizierter geworden, weil weniger Medikamente zum Einsatz kommen.“