Endometriose ist eine chronische Erkrankung, die bei Frauen im gebärfähigen Alter auftreten kann. Die gutartigen Wucherungen, die dabei außerhalb der Gebärmutterhöhle entstehen, sorgen bei Betroffenen oft für starke Beschwerden – von menstruationsassoziierten Schmerzen bis hin zu Infertilität. Endometriose-Spezialist Gernot Hudelist über die vielen Gesichter der Krankheit, wachsendes Bewusstsein und Therapiemöglichkeiten.
Eva Kaiserseder
Kardinalsymptom der Endometriose ist eine die Lebensqualität beeinträchtigende zyklische menstruationsassoziierte Unterbauchschmerzsymptomatik.
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„Endometriose bedeutet nicht automatisch, dass man schwerer oder gar nicht schwanger werden kann. Dazu gibt es zu viele beeinflussende Faktoren.“
Ärzt*in für Wien:Wie sieht denn die Datenlage zu Endometriose in Österreich aus? Wie viele Frauen sind betroffen? Hudelist: Vorweg möchte ich kritisch hinterfragen, was Krankheit bedeutet. Laut WHO ist Gesundheit das vollständige körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden. Im Zuge dessen ist es nicht zwingend notwendig, Endometriose immer als Krankheit zu sehen, weil es viele Patientinnen mit marginalen bis keinen Schmerzsymptomen und auch ohne Fertilitätsproblematik gibt. Die reine Feststellung von endometrioseassoziierten Veränderungen muss anatomisch also nicht zwingend als Krankheit gewertet werden. Bei Endometriose wird ein Auftreten von 10 bis 15 Prozent der Frauen kolportiert, was allerdings nicht-populationsbasierten Studien entspricht, weil diese Zahlen auf Krankenhauskollektiven basieren. Große Register- und Prävalenzstudien, die sich auf Versicherungsdaten beziehen, legen nahe, dass die wirkliche Prävalenz wahrscheinlich bei zwei bis drei Prozent liegt. Bei diesen zwei bis drei Prozent haben ebenfalls nicht alle Patientinnen einschränkende Symptome.
Ärzt*in für Wien: Auf welche wichtigen ersten Marker sollte man als Allgemeinmedizinerin oder Allgemeinmediziner achten? Hudelist: Das Kardinalsymptom ist eine die Lebensqualität beeinträchtigende zyklische menstruationsassoziierte Unterbauchschmerzsymptomatik. Sprich, die Patientinnen sind in ihrem Alltag, in ihrer Arbeitsfähigkeit, womöglich auch in ihrer Partnerschaft, eingeschränkt. Wenn das der Fall ist, dann ist eine weiterführende Abklärung sinnvoll. Es kann natürlich sein, dass Patientinnen, die jahrelang zyklische Schmerzerfahrungen haben, einen chronischen Unterbauchschmerz entwickelt haben, aber eine primär zyklische menstruationsassoziierte Schmerzsymptomatik ist das Erstsymptom.
Gernot Hudelist: „Lange Zeit lief Endometriose eher unter dem Radar.“ / Foto: Christian Stemper
Ärzt*in für Wien:Welche Formen von Endometriose gibt es denn? Hudelist: Es gibt eine Form, die hauptsächlich die Gebärmutter betrifft. Es gibt aber auch eine extragenitale Form mit seltenen Lokalisationen wie im Darm oder an der Blase. Eine Form betrifft hauptsächlich die Eierstöcke, dort tauchen dann so genannte Schokoladenzysten auf, also mit altem, bräunlichem Blut gefüllte Zysten. Bei all diesen unterschiedlichen Formen korreliert die Lokalisation nicht zwingend mit den Symptomen. Das ist wesentlich. Die einzige wirkliche Korrelation, die wir durchgehend nachweisen konnten, ist die Scheidenendometriose und damit einhergehend Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.
Ärzt*in für Wien:Welche Therapiemöglichkeiten gibt es momentan und was ist der Goldstandard? Hudelist: Neben Frauenärztinnen und -ärzten gibt es mehrere Anlaufstellen in Wien, zertifizierte Endometriosezentren und -ambulanzen etwa. Im Idealfall sollte die Patientin auf einen Arzt treffen, der mit entsprechend ausreichender Erfahrung eine klinische und auch vaginalsonographische Untersuchung durchführt, wo mit relativ hoher Aussagekraft das Vorhandensein einer Endometriose bestätigt oder verneint werden kann. Wie die Therapie dann aussieht, hängt davon ab, wie der Hintergrund der Patientin ist. Wenn es primär um Schmerzen geht, die mit der Blutung assoziiert sind, ist die Ausschaltung selbiger durch die Pille, sprich hormonelles Kontrazeptivum, eine Möglichkeit. Der Schmerztrigger fällt weg. Es gibt zudem adjuvante Therapieverfahren und recht gute Studien zur Wirksamkeit von TCM oder Akupunktur, die die Schmerzwahrnehmung positiv beeinflussen. Und es gibt letztendlich diejenigen Patientinnen, die ein Fertilitätsproblem bei Kinderwunsch haben, wo man auch eng mit Reproduktionsmedizinerinnen und -medizinern zusammenarbeiten sollte. Es gibt auch die Option, Endometrioseherde operativ zu entfernen, um Schmerzen zu reduzieren und die Fertilität zu steigern. Die Wege sind also sehr individuell, je nachdem, was im Vordergrund steht.
Ärzt*in für Wien: Stichwort Familienplanung: Welche Rolle spielt Endometriose denn tatsächlich bei einem unerfüllten Kinderwunsch? Ist das nur dann ein Thema, wenn die Gebärmutter betroffen ist oder auch bei anderen Organen? Hudelist: Wir nehmen an, dass in etwa 15 Prozent der Patientinnen mit Infertilität, sprich einem Ausbleiben einer Schwangerschaft nach ungeschütztem Verkehr für mindestens acht bis zwölf Monate, eine Endometriose aufweisen. Weiters wissen wir, dass Patientinnen mit ausgeprägter Endometriose, sprich einer Endometriose, die auch die Eierstöcke befällt und zum Beispiel Verklebungen in den Eileitern verursacht, eine reduzierte Wahrscheinlichkeit haben, um auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Man spricht hier in etwa von einer Halbierung der Wahrscheinlichkeit. Es gibt aber andererseits Patientinnen, die einen betroffenen Eierstock und Eileiter haben und trotzdem innerhalb von acht bis zwölf Monaten mit einer Wahrscheinlichkeit von 40 bis 60 Prozent schwanger werden. Sprich, Endometriose bedeutet nicht automatisch, dass man schwerer oder gar nicht schwanger werden kann. Dazu gibt es zu viele beeinflussende Faktoren.
Ärzt*in für Wien:Beim Thema Endometriose ist in den letzten Jahren, auch durch Social Media befeuert, fast eine Hyper-Awareness entstanden. Hudelist: Prinzipiell ist Bewusstseinsschärfung ja etwas Positives. Lange Zeit lief Endometriose eher unter dem Radar, momentan schlägt das Pendel in die andere Richtung aus. Man muss einfach genau hinschauen und zwischen unangenehmem Regelschmerz oder unerfülltem Kinderwunsch und möglicher Endometriose differenzieren.
Ärzt*in für Wien:Wie sieht denn die Forschung zu diesem Thema aktuell aus? Hudelist: Bei Endometriose wird intensiv geforscht. Dabei gibt es mehrere Themenkreise. Das eine ist die Verbesserung der diagnostischen Methoden durch nicht-invasive bildgebende Verfahren, Ultraschall und MRT. Hier hat sich in den letzten fünf bis zehn Jahren sehr viel getan durch die Verbesserung der Geräte und der Technik. Der zweite Punkt ist die Art und Technik der operativen Interventionen. Sehr spannend ist auch das Thema, sich genau anzuschauen, welche Veränderungen man wie entfernen soll oder ob man sie überhaupt entfernen soll. Die Korrelation zwischen der Ausprägung der Erkrankung und der Inzidenz der Schmerzen ist nämlich relativ variabel. Der dritte Aspekt ist die medikamentöse Therapie. Es sind hier in den letzten Jahren neuartige und gut wirksame antihormonelle Medikamente auf den Markt gekommen. Zudem gibt es große Fortschritte in der Reproduktionsmedizin: Endometriose-Patientinnen mit Fruchtbarkeitsproblematik haben eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, mit reproduktionsmedizinischen Methoden schwanger zu werden. Es tut sich also sehr viel.
Ärzt*in für Wien:Sind Patientinnen, die chirurgisch behandelt worden sind, dann auch langfristig schmerzfrei? Hudelist: Die Schmerzreduktion ist nachhaltig da, wie wir aus eigenen Untersuchungen an 130 Patientinnen wissen. Wir sprechen hier von einer Schmerzreduktion von rund 70 Prozent, eine völlige Schmerzfreiheit ist eher selten. Dafür spielen das Schmerzgedächtnis und die dahingehende Sensibilisierung eine zu große Rolle. Zudem haben Patientinnen mit Endometriose oftmals auch stärkere Regelschmerzen, die nicht zwingend damit assoziiert sind. Unterm Strich können wir aber sagen, dass die Schmerzreduktion in einer Größenordnung stattfindet, die eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringt.