Sexuell übertragbare Krankheiten

Die stille Rückkehr von Syphilis und Co.

Die Zahl der Infektionen mit sexuell übertragbaren Krankheiten steigt – auch in Österreich. Vor allem Syphilis und Gonorrhoe sind auf dem Vormarsch. Kondomverzicht und Antibiotikaresistenzen spielen dabei eine Rolle und gezielte Aufklärung bleibt entscheidend. Das skizziert Claudia Heller-Vitouch, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten. 

Stefan Eckerieder
Porträt einer Frau
Claudia Heller-Vitouch ist Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten.
Foto: privat

Ärzt*in für Wien: Eine Erhebung des Gesundheitsministeriums zeigt einen deutlichen Anstieg sexuell übertragbarer Krankheiten in Österreich. Welche Erkrankungen sind besonders betroffen?
Heller-Vitouch: Besonders stark betroffen sind derzeit die klassischen bakteriellen sexuell übertragbaren Erkrankungen, allen voran Syphilis und Gonorrhoe. Diese beiden Diagnosen verzeichnen seit einigen Jahren einen kontinuierlichen Anstieg. Darüber hinaus spielt auch Mycoplasma genitalium eine zunehmende Rolle. Dabei handelt es sich um einen vergleichsweise jungen Erreger, ein sehr kleines Bakterium, das bei Männern Harnröhrenentzündungen und bei Frauen Entzündungen des Gebärmutterhalses verursachen kann. Dieses Bakterium ist medizinisch besonders heikel, weil es eine ausgeprägte Resistenzproblematik entwickelt hat.
Daneben beobachten wir auch Erkrankungen, die man lange Zeit kaum mehr gesehen hat. Erst kürzlich hatten wir wieder einen Fall von Lymphogranuloma venereum, kurz LGV, einer Infektion, von der man vor 20 oder 30 Jahren angenommen hatte, sie sei praktisch verschwunden.
 

Ärzt*in für Wien: Welche Ursachen sehen Sie für den Anstieg der sexuell übertragbaren Krankheiten?
Heller-Vitouch: Ein wesentlicher Faktor ist der veränderte Umgang mit HIV. Die Angst vor AIDS hat deutlich abgenommen, weil HIV heute als gut behandelbare chronische Infektion wahrgenommen wird und nicht mehr automatisch tödlich verläuft. In der Folge werden Kondome seltener verwendet, was wiederum die Übertragung anderer sexuell übertragbarer Erkrankungen begünstigt. 
Darüber hinaus spielen Veränderungen im Sexualverhalten eine Rolle. Phänomene wie Chemsex-Partys (Anm. d. Redaktion: unter Chemsex versteht man vorranging Sex unter dem Einfluss bestimmter psychoaktiver Substanzen) tragen in bestimmten Gruppen zur erhöhten Übertragungsrate bei. In der Allgemeinbevölkerung ist eine klare Lebensstiländerung schwer zu belegen. 
Viele junge Menschen sind grundsätzlich gut aufgeklärt, dennoch kommt es weiterhin zu ungeschützten sexuellen Kontakten. Was den Kondomgebrauch bei Jugendlichen betrifft, zeigen WHO-Daten einen leichten Rückgang. Solche Behavioral Studies sind jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Wenn Jugendliche gefragt werden, ob sie beim letzten Geschlechtsverkehr ein Kondom verwendet haben, kennen sie oft die gesellschaftlich gewünschte Antwort. Studien sprechen von rund 70 Prozent Kondomnutzung, die tatsächliche Quote lässt sich jedoch schwer überprüfen.

Ärzt*in für Wien: Gibt es bestimmte Bevölkerungsgruppen, die besonders betroffen sind?
Heller-Vitouch: Bei der Syphilis zeigen Daten des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, dass nach wie vor vor allem bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), der Anstieg am größten ist. Größere Anstiege gibt es aber auch bei jungen Erwachsenen unabhängig vom Geschlecht vor allem bei Chlamydien und zunehmend auch bei Gonorrhoe.
Gleichzeitig sehen wir international einen neuen Trend. In den USA spricht man bereits von einer heterosexuellen Syphilis-Epidemie, da immer mehr Frauen betroffen sind. Das ist besonders problematisch, weil damit das Risiko einer Zunahme der konnatalen Syphilis verbunden ist. Bei Frauen ist die Diagnose im Frühstadium schwieriger, da der harte Schanker meist schmerzlos ist, häufig vaginal oder zervikal lokalisiert ist und spontan abheilt. Die Infektion bleibt daher oft unbemerkt und wird erst im Stadium der Sekundärsyphilis erkannt. In Österreich ist das Syphilis-Screening im Eltern-Kind-Pass verankert, was eine wichtige präventive Maßnahme darstellt.
Darüber hinaus zeigen Studien auch einen Anstieg sexuell übertragbarer Krankheiten bei älteren Menschen. Untersuchungen aus den USA sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Free-Love“-Generation in Seniorenresidenzen, begünstigt unter anderem durch die breite Verfügbarkeit von Potenzmitteln.

Ärzt*in für Wien: Wie beurteilen Sie die aktuelle Behandelbarkeit, insbesondere im Hinblick auf Resistenzen?
Heller-Vitouch: Die Behandelbarkeit ist zunehmend herausfordernd. Während Treponema pallidum, der Erreger der Syphilis, auch nach rund 100 Jahren noch empfindlich gegenüber Penicillin ist, gibt es hier ein anderes Problem: Das Mittel der ersten Wahl, Retarpen, ist in Europa immer wieder schlecht verfügbar, sei es aufgrund von Lieferengpässen oder wirtschaftlichen Faktoren.
Bei anderen Erregern, insbesondere Mycoplasma genitalium und Gonokokken, stellt die Resistenzentwicklung eine ernsthafte Bedrohung dar. Besonders bei Mycoplasma genitalium stoßen wir zunehmend an therapeutische Grenzen. Die Erreger sind häufig resistent gegen die gängigen First-Line-Therapien wie Azithromycin und Moxifloxacin, und auch Second- und Third-Line-Therapien greifen oft nicht mehr. Mycoplasma genitalium ist damit auf dem Weg, zu einem der ersten nahezu unbehandelbaren Erreger im Bereich der sexuell übertragbaren Krankheiten zu werden.
Auch bei Gonokokken bleibt die Resistenzentwicklung ein großes Thema. Zwar sind die Erreger derzeit in der Regel noch empfindlich gegenüber Ceftriaxon, allerdings wurde im Vorjahr ein ceftriaxonresistenter Stamm in den Pilzambulatorien in Wien nachgewiesen. Gleichzeitig ist die Azithromycin-Resistenz bei Gonokokken stark angestiegen, weshalb dieses Antibiotikum heute nicht mehr empfohlen wird.
Neue Präventionsansätze wie DoxyPEP, also die Einnahme des Breitbandantibiotikums Doxycyclin nach einem Risikokontakt, werden von der Österreichischen Gesellschaft für Sexually Transmitted Diseases (ÖGSTD) nur im Einzelfall empfohlen. Zwar zeigen Studien eine Reduktion von Syphilis- und Chlamydieninfektionen, die langfristigen Auswirkungen auf das Mikrobiom und die Resistenzlage sind jedoch noch nicht ausreichend geklärt.

Ärzt*in für Wien: Braucht es aus Ihrer Sicht mehr öffentliche Aufklärung?
Heller-Vitouch: Öffentlichkeitsarbeit ist essenziell. Die ÖGSTD engagiert sich intensiv in der Medienarbeit und in der schulischen Aufklärung, etwa durch Fortbildungen für Schulärztinnen und Schulärzte.
Ein besonders positives Beispiel ist die Einführung der kostenlosen HPV-Impfung für junge Menschen in Österreich. Die breite Kampagne hat zu einer intensiven öffentlichen Diskussion geführt. Internationale Daten, etwa aus Australien, zeigen eindrucksvoll, dass bei hoher Durchimpfungsrate Genitalwarzen und HPV-assoziierte Karzinome nahezu verschwinden. Die Impfung ist damit hochwirksamer Schutz vor dieser sexuell übertragbaren Krankheit. 

 

Tag der Venerologie 2026
Die Österreichische Gesellschaft für Sexually Transmitted Diseases wird am Samstag, 14. März 2026, ab 9 Uhr im Billrothhaus (1090 Wien, Frankgasse 8) den Tag der Venerologie veranstalten.
Zu den Themen gehören unter anderem
Wissenswertes aus Österreichs STI Zentren
Neues aus dem Bereich der STIs
Klinische Herausforderungen
Relevantes für die Praxis
DFP-Approbation (für 8 DFP Punkte) wurde eingereicht. Die Teilnahmegebühren betragen 30 Euro für ÖGSTD-Mitglieder, 60 Euro für Nicht-Mitglieder (Achtung: ÖGDV-Mitglieder sind NICHT automatisch ÖGSTD-Mitglieder!)

Österreichische Gesellschaft für Sexually Transmitted Diseases
 

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„Ein besonders positives Beispiel ist die Einführung der kostenlosen HPV-Impfung für junge Menschen in Österreich. Die breite Kampagne hat zu einer intensiven öffentlichen Diskussion geführt."
„Die Angst vor AIDS hat abgenommen, weil HIV heute als gut behandelbare chronische Infektion wahrgenommen wird und nicht mehr automatisch tödlich verläuft. In der Folge werden Kondome seltener verwendet, was die Übertragung anderer sexuell übertragbarer Erkrankungen begünstigt."