Hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Standesvertretung und Gesundheitswesen diskutierten beim zentralen Podium, wie sich das österreichische Gesundheitssystem angesichts multipler Herausforderungen – demografischer Wandel, ökonomischer Druck, Digitalisierung und gesellschaftlicher Vertrauensverlust – zukunftssicher gestalten lässt. Gesundheitsministerin Korinna Schumann hielt fest, dass sie trotz des angespannten Budgets die Gesundheitsversorgung ausbauen wolle. Durch Digitalisierung, Strukturreformen und moderne Technologie soll der Zugang zur gewohnt hochwertigen medizinischen Versorgung weiterhin gesichert werden. Besonders im Fokus: Der Ausbau der Elektronischen Gesundheitsakte ELGA und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz.
Dass wir gesellschaftlich mit umfassenden, vielschichtigen Veränderungen konfrontiert sind, verursachte bei der Gesundheitsministerin Sorgenfalten. „Mehr denn je sind wir auf vielen Ebenen mit einem Wandel konfrontiert – vom Arbeitsplatz bis zur Gesundheit. Deshalb ist es von eminenter Bedeutung, das Vertrauen der Menschen in unser Gesundheitssystem zu stärken.“ Die aktuelle Marktforschung zeigt: 76 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher halten Leistungskürzungen für wahrscheinlich. Doch Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, betonte: „Entscheidend ist eine solidarische Finanzierung des Gesundheitssystems. Selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nicht verhandelbar, sondern eine Notwendigkeit. Weder die Lebenserwartung noch der gesundheitliche Zustand darf von sozialen Faktoren abhängen.“
Andreas Huss, alternierender Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse, verteidigt den aktuellen Entwurf des Kassen-Sparpaketes: „Wir brauchen jetzt ein neues Zuweisungssystem, denn aktuell gibt es zu viele Mehrfachuntersuchungen. Aber wichtig wäre, dass jene Menschen diese Untersuchungen schneller bekommen, die sie auch wirklich brauchen. Es geht darum, die Ressourcen, die wir haben, besser aufzuteilen.“ Präsident Johannes Steinhart ist überzeugt, dass die Voraussetzung zur Vermeidung von Doppeluntersuchungen eine moderne, digital vernetzte Infrastruktur ist. „Doch die Menschen müssen Sicherheit bekommen und manchmal ist eine Untersuchung notwendig, damit der Mensch sicher sein kann, dass er nichts hat“, so Steinhart.
Digitalisierung mit Augenmaß
Angesichts des demografischen Wandels rückte unter dem Titel „Menschen und Maschinen – Die Suche nach der Zauberformel“ das Zusammenspiel von technologischem Fortschritt und menschlicher Medizin in den Fokus. Ehrenpräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, Thomas Szekeres, unterstrich: „Wir müssen die Medizin ins 21. Jahrhundert transferieren. Technologie und Digitalisierung in der Medizin ersetzen zwar niemals die persönliche Betreuung durch Ärztinnen und Ärzte, können aber eine Chance sein, die wir nützen und schrittweise weiterentwickeln müssen.“ Denn sie komme sowohl den Ärztinnen und Ärzten als auch den Patientinnen und Patienten zugute. „Vor allem im Umgang mit kranken, pflegebedürftigen Menschen brauchen wir Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit – hier kann die Digitalisierung eine wertvolle und effiziente Unterstützung sein“, so Szekeres weiter. Es herrschte Konsens, dass Technologie nicht nur als Add-on verstanden werden darf, sondern integrativer Bestandteil des Gesundheitssystems werden muss – von KI-gestützter Diagnostik bis zur robotisch assistierten Chirurgie.
Arbeitswelt Gesundheit
Die derzeit herrschenden unattraktiven Arbeitsbedingungen im Spitalsbereich diskutierte Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte, beim Panel „Wer macht den Job? – Generationen, Professionen und Sektoren“. Außer Frage stand, dass Geld allein hier nicht reicht. Ohne strukturelle Veränderungen und flexiblere Arbeitsmodell wird es schwer, Menschen für den Gesundheitssektor zu gewinnen und zu halten. Maldonado-González führte aus: „Wir bilden ausreichend qualifizierte Ärztinnen und Ärzte aus, allerdings ist es schwer, diese im System zu halten.“ Das liege an den Rahmenbedingungen. Es müsse ein öffentliches System geschaffen werden, in dem Menschen gerne arbeiten – mit Wertschätzung, zeitgemäßen Arbeitsbedingungen und weniger Zettelwirtschaft. Maldonado-González kritisierte dabei die seit Jahren vorherrschende „Loch auf, Loch zu“-Politik im Gesundheitswesen: „Was es endlich braucht, sind echte Reformen und Visionen. Schaffen wir ein öffentliches System, in dem das Gesundheitspersonal gern arbeitet.“
Impfen als Prävention
Die zentrale Rolle von Impfen in der Prävention unterstrich Vizepräsidentin und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte, Naghme Kamaleyan-Schmied, beim Workshop „Impfstrategie in Bewegung – wie fit ist das System?“. Lebenslanges Impfen ist eine der wirksamsten Präventionsmaßnahmen. Um auch zukünftig eine qualitativ hochwertige, breite Gesundheitsversorgung sicherzustellen, sind Awareness und Gesundheitsbildung notwendig, darin waren sich alle anwesenden Expertinnen und Experten einig. Wichtig sei es, die Impfskepsis in den Griff zu bekommen. Kamaleyan-Schmied betonte die Bedeutung von Impfen als ärztliche Leistung: „Impfen in der Ordination ist ein Erfolgskonzept. Dort erhalten Patientinnen und Patienten nicht nur den Stich, sondern auch ärztliche Beratung, Anamnese und Nachbeobachtung.“ Diese Qualität gelte es zu sichern. „Zudem müssen alle Impfungen, die vom Nationalen Impfgremium empfohlen werden, kostenfrei in den Ordinationen erhältlich sein“, forderte Kamaleyan-Schmied.