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LGBTQIA+

„Diskriminierung passiert auf jeder Ebene“

Mariam Vedadinejad ist Oberärztin für Allgemein- und Viszeralchirurgie, LGBTQIA+-Aktivistin und Mitglied des Referats für Frauenpolitik, Gender und Diversity der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Breite Bekanntheit erlangte sie kürzlich allerdings aufgrund einer Not-OP am Ex-Fußballprofi Toni Polster. Ärzt*in für Wien traf die engagierte Ärztin nach einem langen Dienst im Park der Klinik Favoriten.

Katharina Hemmelmair
Mariam Vedadinejad in spitalsärztlicher Berufskleidung, auf einer Parkbank sitzend.
Mariam Vedadinejad: „Aktivistin bin ich in jedem Moment.“
Foto: Katharina Hemmelmair

Ihre Motivation dafür, sich in der LGBTQIA+-Community zu engagieren, ist für Vedadinejad so naheliegend, dass sie es wohl selbst gar nicht erwähnen würde: „Was den Ausschlag gegeben hat? Das klingt jetzt vielleicht seltsam für jene Menschen, die nicht so leben. Es ist mein Leben, meine Sexualität, die mich politisiert hat“, so die Ärztin. Geprägt von unterschiedlichen Erfahrungen im alltäglichen Leben war ihr schon als Jugendliche klar, dass es wichtig ist, Haltung zu zeigen und sich zu engagieren. Und zwar in jedem Lebensbereich, denn „das Private ist politisch, das Politische privat“, zitiert sie Hannah Arendt. „Aktivistin bin ich in jedem Moment, mit jeder Faser meines Lebens“, sagt Vedadinejad bestimmt. 

Diskriminierung, sei es aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, Hautfarbe oder Herkunft, passiert im medizinischen Umfeld sowohl unter Ärztinnen und Ärzten als auch gegenüber Patientinnen und Patienten. Patientinnen und Patienten diskriminieren Ärztinnen und Ärzte, Ärztinnen und Ärzte diskriminieren Patientinnen und Patienten oder Kolleginnen und Kollegen – das Feld ist also groß und umfasst alles Mögliche, von fehlerhafter oder unzureichender Medikation bis hin zu abwertendem Verhalten. Vedadinejad selbst arbeitet in einem sehr respektvollen Team und kann in ihrem Arbeitsumfeld sein, wie sie ist.

Für mehr Bewusstsein und Sensibilität
Auf medizinischer Ebene belegen Studien, dass beispielsweise People of Color in ihrer Symptomatik teilweise nicht ernst genommen werden und untertherapiert sind, zum Beispiel mit Schmerzmedikation. Oder dass schwarze Frauen aufgrund medizinischer Fehleinschätzungen häufiger am Herzinfarkt sterben. Im Bereich der psychischen Gesundheit zeigen Vergleichsstudien zwischen cis-heterosexuellen Menschen und LGBTQIA+-Personen eine fast drei Mal so häufige Diagnose einer depressiven Erkrankung. In der Trans-Medizin wiederum geht es unter anderem um Themen wie Hormonbehandlungen und die sogenannte Transition – also den Prozess, bei dem eine trans*Person ihr äußeres Erscheinungsbild an ihre Geschlechtsidentität anpasst – sowie um den Stopp nicht-konsensueller oder medizinisch nicht notwendiger Operationen an intergeschlechtlichen Neugeborenen oder Kindern. Vedadinejad berichtet aber ebenso über soziale und psychische Belastungen. So ist das Coming-Out für Homosexuelle nach wie vor oft eine schwierige Lebensphase, die häufig mit psychologisch-psychiatrischen Probleme einher geht. Sei es aufgrund der Diskriminierung in der Gesellschaft oder weil sie tatsächlich von der Familie verstoßen werden. „Der Aktivismus ist ein Gesamtkonzept. Es ist wesentlich, jede Form von Diskriminierung zu beachten“, so die Ärztin.

Fortbildung von Ärztinnen und Ärzten
Die Suche nach Anlaufstellen für Patientinnen und Patienten gestaltet sich tatsächlich leichter als für Ärztinnen und Ärzte. Vedadinejad hielt im Juni anlässlich des Pride-Month nun erstmals einen Vortrag zur Sensibilisierung von Ärztinnen und Ärzten im Umgang mit Patientinnen und Patienten aus der LGBTQIA+-Community. „Professionelle Interaktion auf Augenhöhe ist essenziell“, hält Vedadinejad fest. Das beginnt bei einfachen Maßnahmen, wie etwa gendersensibler Sprache. „Indem man nur den Nachnamen aufruft – ohne ‚Herr‘ oder ‚Frau‘ – und bei der Erstanamnese nach dem Pronomen fragt und es vermerkt.“ Ent­sprechende Fortbildungen für Ärztinnen und Ärzte wären jedenfalls wichtig und wünschenswert. Aber dazu brauche es jemanden, der das professionell ausübt, sagt sie. Als Mitglied des Referats für Frauenpolitik, Gender und Diversity hat Vedadinejad sich gemeinsam mit einer Kollegin das Ziel gesetzt, weitere Veranstaltungen zur Sensibilisierung zu etablieren.

LGBTQIA+
LGBTQIA steht für die englischen Worte lesbian, gay, bisexual, transgender, queer, inter, asexual, auf Deutsch lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, queer, inter, asexuell. 
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„Professionelle Interaktion auf Augenhöhe ist essenziell.“