Das soziale, solidarisch finanzierte Gesundheitssystem ist massiv gefährdet. Zu diesem Schluss kommt der aktuelle Report, der auf statistischen Daten, Forschungsergebnissen sowie qualitativen und quantitativen Befragungen basiert. Das Bild ist ernüchternd: Lediglich fünf Prozent der Wiener Ärztinnen und Ärzte sind mit der Gesundheitsinfrastruktur sehr zufrieden. Hauptgründe sind Ineffizienz, mangelnde Investitionen und das Fehlen einer klaren Strategie. Acht von zehn Ärztinnen und Ärzten halten die Investitionen in das Gesundheitswesen für unzureichend. Ebenso viele sprechen von „Stückwerk“ und sehen keine klare Strategie für die Zukunft der Wiener Gesundheitsinfrastruktur. Besonders deutlich fällt die Einschätzung zum Effizienzverlust aus: Die Ärzteschaft beziffert die „Einbußen durch mangelnde Abstimmung im Wiener Gesundheitssystem“ auf 43 Prozent, fast zehn Prozentpunkte mehr als in der Befragung 2020.
Demografie als Herausforderung
Prognosen der Statistik Austria verdeutlichen die Dimension der Entwicklungen des Versorgungsbedarfs: Innerhalb der wachsenden Bevölkerung Wiens steigt der Anteil der über 65-Jährigen überproportional. „Angesichts der wachsenden und alternden Bevölkerung ist es notwendig, in Zukunft die Ausbildung in medizinischen Berufen noch attraktiver zu gestalten. Ebenso müssen für einen nachhaltigen Einsatz medizinischer Ressourcen Ärztinnen und Ärzte in die strategische Planung und Weiterentwicklung der Gesundheitsinfrastruktur miteinbezogen werden“, warnt Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien sowie der Österreichischen Ärztekammer. „Insgesamt müssen die bestehenden Ressourcen besser genützt und zusätzliche Ressourcen in das Gesundheitssystem investiert werden.“
Digitalisierung des Gesundheitswesens
Ein zentrales Thema, wenn es um die Zukunft des Gesundheitswesens geht, ist die Digitalisierung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Aus ärztlicher Perspektive liegt das Potenzial derzeit insbesondere in der Auswertung bildgebender Verfahren sowie in der Entlastung administrativer Tätigkeiten. „Wir Ärztinnen und Ärzte sind den Umgang mit Innovationen gewohnt und befürworten daher neue Möglichkeiten. Wichtig ist aber, dass die Ärzteschaft die KI-Entwicklungen in der Medizin mitgestaltet“, betont Steinhart. Bei der Anwendung im medizinischen Bereich muss planvoll und verantwortungsbewusst vorgegangen werden, damit der Einsatz von KI nicht aus dem Ruder läuft. „Die Letztverantwortung muss stets bei den Ärztinnen und Ärzten liegen und ersetzt nicht die ärztliche Expertise und Entscheidungsbefugnis. KI-Anwendungen sind auch kein Ersatz für die Arzt-Patient-Beziehung“, so Steinhart.
Aufwertung des niedergelassenen Bereichs
Besonders deutliche Defizite ortet der Report im niedergelassenen Bereich. 80 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte sehen hier das größte Verbesserungspotenzial und den dringendsten Aufholbedarf. Der Grund: wachsende Bevölkerung bei sinkender Zahl an Kassenärztinnen und -ärzten. 2013 kam eine Kassenärztin oder ein Kassenarzt für Allgemeinmedizin auf rund 2.200 Patientinnen und Patienten, heute sind es 3.100. „Das ist eine Mehrbelastung für uns Ärztinnen und Ärzte von über 40 Prozent. Um Wartezeiten spürbar zu verkürzen und die medizinische Versorgung der Wiener Bevölkerung sicherzustellen, müssen die Verantwortlichen sofort handeln. Eine starke, wohnortnahe Kassenmedizin ist entscheidend, um eine flächendeckende und kosteneffiziente Vorsorge gewährleisten zu können“, betont Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzte. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sind die erste Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten und sollen diese zentrale Rolle auch weiterhin behalten, so Kamaleyan-Schmied: „Der Ausbau und die Attraktivierung von Kassenarztstellen sind zentrale Aufgaben der Wiener Gesundheitspolitik. Es braucht eine deutliche Aufwertung des niedergelassenen Bereichs sowie leistungsgerechte Rahmenbedingungen“. Um dies zu erreichen seien faire Tarife, weniger Bürokratie und flexible Arbeitszeitmodelle notwendig, etwa durch Teilung von Kassenstellen oder Vormittagsordinationen.
Weniger Spitalsbetten, wachsende Bevölkerung
Auch im Spitalswesen zeigt sich ein Ungleichgewicht: Zwischen 2020 und 2025 wurden 878 Betten im öffentlichen Bereich abgebaut, ein Minus von 6,4 Prozent, während die Bevölkerung im selben Zeitraum um 6,1 Prozent wuchs. „Die Reduktion der Bettenzahlen in den Wiener Spitälern muss daher strikt im Kontext des medizinischen Fortschritts erfolgen. Durch den Ausbau der tagesmedizinischen Versorgung im Spital kann bei geringerer Bettenanzahl die Versorgung der Patientinnen und Patienten ohne Qualitätsverlust gewahrt werden“, so Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und Kurienobmann der angestellten Ärzte. Ein besonders dringliches Problem sieht Maldonado-González im fehlenden medizinischen Fachpersonal in den Spitälern: „Nicht von ungefähr ist für 80 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte die ‚Attraktivierung des Berufsbilds der Spitalsärztin beziehungsweise des Spitalsarztes‘ sehr wichtig“, so Maldonado-González. Wien stehe im Wettbewerb um die besten Fachkräfte und brauche marktkonforme Gehälter, faire Entlohnung von Sonderleistungen sowie flexible Karrieremodelle. „Die Wiener Spitäler brauchen Rahmenbedingungen, die dafür sorgen, dass Ärztinnen und Ärzte gerne dort arbeiten, Patientinnen und Patienten sich gut versorgt fühlen und gemeinwohlorientierte Träger Planungssicherheit und Qualität garantieren können.“
Wiener Gesundheitsinfrastrukturreport
Den Gesundheitsinfrastrukturreport können Sie online abrufen, unter diesem Link. Gedruckte Exemplare versenden wir auf Anfrage, solange der Vorrat reicht. Bitte senden Sie dazu eine E-Mail mit Ihrem Namen und Ihrer Postadresse an pressestelle@aekwien.at