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Primarärzt*innenumfrage

„Personalmangel kann zur Belastung werden“

Dieter Kölle, Primararzt im Sanatorium Hera, 2. stellvertretender Obmann der Kurie angestellte Ärzte sowie Leiter des „Referats Primarärzt*innen“, im Gespräch über die die Ergebnisse der ersten „Primarärzt*innenumfrage“ der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. 

Kathrin McEwen
Dieter Kölle, Primararzt im Sanatorium Hera und 2. stellvertretender Obmann der Kurie angestellte Ärzte im Gespräch - er trägt einen dunklen Anzug und blickt direkt beim Sprechen die Interviewerin an.
Dieter Kölle: „Uns ging es vor allem darum, die berufliche Zufriedenheit, wahrgenommene Belastungsfaktoren und Unterstützungsbedarf systematisch zu erfassen.“
Foto: Stefan Seelig

Ärzt*in für Wien: Die Kammer hat kürzlich eine große Umfrage unter Wiens Primarärztinnen und -ärzten durchgeführt. Worum ging es dabei? 
Kölle: Uns ging es vor allem darum, die berufliche Zufriedenheit, wahrgenommene Belastungsfaktoren und Unterstützungsbedarf systematisch zu erfassen und einmal genau nachzufragen, wie es eigentlich dieser Berufsgruppe geht. Wir sind zahlenmäßig natürlich eine kleine Gruppe, wollen aber auch gut in der Kammer vertreten sein. Die Rückmeldung zur Wiedereinführung des „Referats Primarärzt*innen“ in der Wiener Kammer wurde in der Umfrage als sehr positiv bewertet. 

Ärzt*in für Wien: Wie war die Rücklaufquote und was waren die spannendsten Ergebnisse?
Kölle: Die Rücklaufquote war mit 28 Prozent sehr gut. Aus meiner Sicht ergaben sich mehrere spannende Aspekte. Einerseits, dass es bei der Zufriedenheit mit der aktuellen beruflichen Situation einen deutlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt. Während 19 Prozent der Männer sehr zufrieden sind, trifft dies nur auf drei Prozent der Frauen zu. Auch die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten werden von Männern mit 42 Prozent besser eingeschätzt als von Frauen mit 8 Prozent. Insgesamt sind 50 Prozent der Wiener Primarärztinnen und -ärzte zufrieden und 14 Prozent sehr zufrieden mit ihrer beruflichen Situation. Überraschend war die Tatsache, dass das Spitalsgehalt für durchschnittlich 67 Prozent des Einkommens verantwortlich ist. Einnahmen aus Sonderklassegebühren oder Ordinationen machen nur rund ein Viertel der Einkünfte von Primarärztinnen und -ärzten aus. Hier konnte auch ein Geschlechts- sowie ein Altersunterschied festgestellt werden. Frauen beziehen einen signifikant höheren Anteil ihres Einkommens aus dem Spitalsgehalt, während bei der Generation 60+ Einnahmen aus der Ordination stärker ins Gewicht fallen. Obwohl 13 Prozent mit ihrem Einkommen sehr zufrieden und 24 Prozent zufrieden sind, gaben 43 Prozent an, eher nicht oder überhaupt nicht zufrieden zu sein. Besonders die kritische Beurteilung ihrer Gesamtsituation durch Frauen ist für uns Auftrag, den Ursachen für die schlechtere Bewertung auf den Grund zu gehen. 

Ärzt*in für Wien: Welche Belastungsfaktoren wurden genannt?
Kölle: Als stärkster Belastungsfaktor wurde mit einem Mittelwert von 3,4 das Fehlen von spezialisiertem Pflegepersonal genannt. 47 Prozent der Befragten gaben dies als belastend oder sehr belastend an. Den größten Spielraum sahen die Primarärztinnen und -ärzte bei medizinischen Entscheidungen. Weniger Einfluss wurde bei der Gestaltung des Arbeitsbereichs wahrgenommen. Prinzipiell sind Primarärztinnen und -ärzte Kolleginnen und Kollegen, die etwas bewegen und gestalten wollen. Je weniger sie das können aufgrund von Strukturen oder ökonomischen Vorgaben, desto unzufriedener gestaltet sich für sie ihr Arbeitsbereich.

Ärzt*in für Wien: Gab es bei den Antworten auch Unterschiede nach der Tätigkeitsdauer beziehungsweise Alter? 
Kölle: Ja, da lieferte die Befragung auch spannende Einblicke. Primarärztinnen und -ärzte mit mehr als zehn Jahren Dienstzeit sind signifikant zufriedener. Während in dieser Gruppe 42 Prozent zufrieden sind, äußern nur 6 Prozent der Kolleginnen und Kollegen mit kürzerer Dienstdauer Zufriedenheit. Ein weiterer Aspekt ist, dass die langjährig Tätigen weniger oder keine Einflussnahme bei Personalentscheidungen erleben und Ausbildung, Beschaffung von Equipment und persönliche Entwicklung als weniger belastend sehen.

Ärzt*in für Wien: Warum gibt es aus Ihrer Sicht immer weniger Ärztinnen und Ärzte, die sich für diese Position bewerben? 
Kölle: Anscheinend wird diese Position als zunehmend weniger interessant oder erstrebenswert wahrgenommen. Man hat die medizinische Letztverantwortung inne, muss ökonomische Vorgaben erfüllen und dann landen auch noch sämtliche Patientenbeschwerden auf dem Schreibtisch. Auch die Verdienstmöglichkeiten und die generelle Personalnot im medizinischen Bereich motivieren nicht unbedingt, die Leitung einer Abteilung zu übernehmen. Die Umfrage hat gezeigt, dass sich die Situation in den letzten zwölf Monaten aus Sicht der Wiener Primarärztinnen und -ärzte eher verschlechtert hat. Man muss schon Idealismus, Gestaltungswillen und möglicherweise auch Leidensfähigkeit für diese Position mitbringen. Trotzdem kann die Leitung einer Abteilung eine sehr erfüllende, erstrebenswerte und schöne Aufgabe sein.

 

Ergebnisse im Detail:

www.aekwien.at/primaraerztinnenumfrage