„Wer seinen Körper nicht in Bestform hält, hat kaum eine Chance“
Michael Fiedler stehen aufregende Wochen bevor: Er ist Teamarzt des österreichischen Fußball-Nationalteams. Der Unfallchirurg und Sportmediziner über das Nervositätslevel vor dem Turnier, Leistungsdruck und einen ganz persönlichen Wunsch.
Eva Kaiserseder
Ärzt*in für Wien: Bekanntlich ist die Weltmeisterschaft das wichtigste internationale Fußballturnier. Wie kann man sich da Ihren Alltag als Teamarzt vorstellen? Fiedler: Ich bin als Head of Medical verantwortlich für die gesamte medizinische Abteilung. Zusätzlich gibt es natürlich unter anderem ein Team aus Physiotherapeuten, Masseuren und einen Sportwissenschafter. Seit 4. Juni sind wir in Nordamerika. Nach der Anpassung an den Zeitunterschied ist unser dortiger Tagesablauf sehr genau geregelt. In der Früh gibt es eine Blutabnahme, mit der unter anderem die Creatinin-Kinase-Werte getestet werden, um zu kontrollieren, ob es muskulären Ermüdungen oder Probleme gibt. Dann gibt es vor dem Training eine Besprechung mit dem Trainer mit allen medizinischen Updates, die für die nächste Trainingseinheit nötig sind, sprich Blutwerte, Schlafqualität, Befinden der Spieler. Durch dieses Gesamtbild geben wir unsere medizinische Empfehlung ab, wie das Training gesteuert werden sollte. Weil der Teamchef auf unsere Expertise viel Rücksicht nimmt und die Wichtigkeit der Thematik hochhält, haben wir fast keine Verletzungen. Prävention funktioniert bei uns sehr gut.
Michael Fiedler ist als Head of Medical verantwortlich für die gesamte medizinische Abteilung des Nationalteams. / Foto: ÖFB/Kelemen
Ärzt*in für Wien:Ist der Profifußball grundsätzlich verletzungsanfälliger geworden, alleine durch dicht gedrängte Terminkalender und weniger lange Regenerationsphasen? Fiedler: Wenn man sich alte Spiele aus den Siebzigerjahren anschaut und das Tempo und die Intensität mit heute vergleicht, kann man das absolut sagen. Die Spieler haben kein Gramm Fett zu viel, sie sind quasi wie Leichtathleten, und das Spiel ist viel dynamischer und schneller geworden. In Kombination mit einem deutlich enger getakteten Terminkalender und der oft fehlenden Regeneration bewirkt das eine höhere Verletzungsanfälligkeit.
Ärzt*in für Wien:Was sind die häufigsten Verletzungen, mit denen Sie im Alltag als Sportmediziner zu tun haben? Fiedler: Sicherlich am häufigsten kommen Muskelverletzungen vor, gefolgt von Sprunggelenksverletzungen wie etwa Distorsionen mit Bandverletzungen sowie Knieverletzungen.
Teamarzt und Teamchef: Michael Fiedler und Ralf Rangnick bei einem Spiel. / Foto: ÖFB/Kelemen
Ärzt*in für Wien:Debattiert wurde im Vorfeld des Turniers in den USA viel über den Kunstrasen, der in US-Footballstadien oft verlegt wird und für die WM ausgetauscht wurde. Stimmt es, dass Kunstrasen verletzungsanfälliger macht? Fiedler: Diese Oberfläche verzeiht einfach viel weniger, es ist eine deutlich härtere Struktur und das merken die Spieler, indem sie öfter Tendopathien und Ansatzreizungen bekommen. Gewässerter Rasen ist etwas gleichmäßiger, der Boden gibt nach und verzeiht mehr.
Ärzt*in für Wien:Wie ist es um das Thema psychische Gesundheit, Stichwort Leistungsdruck, bei den Spielern bestellt? Fiedler: Hier ist ein sehr gutes Fundament gelegt worden. Ich bin auch fest überzeugt, dass die Trainingssteuerung mit einer Trainingseinheit am Vormittag als Teil des Arbeitstags und mit dem Nachmittag, wo nötige Regenerationszeit auch frei gestaltet werden kann, den Spielern sehr guttut. Beim Nationalteam habe ich das Gefühl, alle kommen gerne und werden gut abgeholt, wo sie gerade stehen. Dieses bestens funktionierende Gemeinschaftsgefüge ist ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg.
Ärzt*in für Wien:Wie sehr achten die Spieler auf ihren Körper als Kapital? Spielertypen wie George Best (verstorbene nordirische Fußball-Legende und Alkoholiker, Anm.d.Red.), die Raubbau an ihrem Körper betreiben, gibt es die noch? Fiedler: Supertalente, die einen bestimmten Lebensstil pflegen, mag es immer wieder geben. Aber die Stoßrichtung ist klar und danach wird auch gelebt: Wer seinen Körper nicht in Bestform hält auf allen Ebenen, hat kaum mehr eine Chance im Profifußball.
Ärzt*in für Wien:Wie groß ist die Nervosität bei Österreichs erster WM-Teilnahme seit 28 Jahren? Fiedler: Die Vorfreude ist enorm. Wir scharren alle schon in den Startlöchern und wünschen uns, dass es endlich losgeht. Ein Turnier in Nordamerika ist natürlich alleine logistisch und mit allen Zollbestimmungen eine eigene Liga, es darf schlicht und einfach nichts daheim vergessen werden, weil vorab alles genauestens dokumentiert werden muss bis hin zu der Anzahl der Tabletten in einer Handelspackung oder der Auflistung sämtlicher Wirkstoffe in den jeweiligen Medikamenten. Dazu kommt die Zeitverschiebung, die auch körperlich anstrengend ist.
Ärzt*in für Wien:Was sind denn Klassiker direkt im laufenden Turnier, wo noch Probleme auftauchen könnten? Fiedler: Unsere Hausaufgaben haben wir perfekt erledigt. Unser Teamquartier befindet sich anfangs in Santa Barbara nahe Los Angeles. Aber eine Herausforderung ist sicher noch ein mögliches Hopping, sprich Ortswechsel, während des Turniers. Es wird bekanntlich in mehreren Ländern und in den USA an der Ost- und Westküste gespielt und je nachdem wie weit wir kommen, müssen wir mit dem gesamten Material reisen. Das ist ein Faktor, den man nicht planen kann. Mittlerweile haben wir insgesamt etwa vier Tonnen Equipment, da muss alles perfekt auf den Punkt sein.
Ärzt*in für Wien:Wenn man sich die sportchirurgischen Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte ansieht: Was hat sich da getan? Fiedler: Die Regenerationszeiten haben sich deutlich verkürzt. Früher gab es bei Verletzungen einen Gips beziehungsweise Ruhigstellung, was Muskelverluste verursacht hat. Heute passiert aktive Rehabilitation, die Techniken entwickeln sich ständig weiter. Nach wie vor ein Thema sind Kreuzbandverletzungen, die für jeden Fußballer ein schwerwiegendes Problem darstellen. Der spannendste Punkt in der Zukunft wird wahrscheinlich die Knorpelchirurgie sein. Wenn der Knorpelverschleiß gebremst werden könnte oder man in die Knorpelregeneration effizienter eingreifen könnte, wäre das für den Fußballsport eine extrem wichtige Entwicklung, weil das Knie und die Hüften hier ganz wesentliche Faktoren sind. Ob das auf chirurgischer oder gentherapeutischer Ebene, wo ja vieles möglich ist, passieren wird, ist noch ungewiss. Es gibt natürlich auch jetzt schon Knorpeltherapien, wir haben Knorpelzüchtungen, wo körpereigene Knorpelzellen in unterschiedlichsten Formen vermehrt und wieder in das Gelenk eingebracht werden, Stichwort MACT (Matrixgestützte Autologe Chondrozytenimplantation). Einen Knorpel hundertprozentig zu regenerieren, ist aber noch nicht möglich. Der lange Weg zurück von oft einem Jahr Ausfallszeit etwa bei einem Kreuzbandriss mit gleichzeitiger Knorpelverletzung ist hart und auch eine psychische Belastung für die Spieler.
Ärzt*in für Wien:Was ist Ihnen als Sportmediziner noch ein persönliches Anliegen? Fiedler: Mir ist es enorm wichtig, Kinder und junge Menschen wieder zu mehr Sport und Bewegung zu motivieren. Eine Entwicklung mit viel Bewegung schon im Kindesalter sorgt für wesentliche neuromuskuläre Vernetzungen, eine bessere Gesamtkonstitution und ein besseres Körpergefühl. Je früher und besser man das in jungen Jahren aufbaut, umso stabiler und belastbarer ist der Körper noch im Alter. Das Thema Bewegung und Sport beginnt schon bei den Sportstunden in der Schule, die meiner Meinung nach keinesfalls gekürzt werden sollten.
„Beim Nationalteam habe ich das Gefühl, alle kommen gerne und werden gut abgeholt, wo sie gerade stehen. Dieses bestens funktionierende Gemeinschaftsgefüge ist ein wesentlicher Schlüssel.“
Michael Fiedler
„Weil der Teamchef auf unsere Expertise viel Rücksicht nimmt, haben wir fast keine Verletzungen. Prävention funktioniert bei uns sehr gut.“