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Krankenhaushygiene

„Sehr oft passiert Unvorhergesehenes!“

Warum es mehr Druck bei der Erfassung des Antibiotikaverbrauchs benötigt, wie ihr durchschnittlicher Arbeitstag aussieht und warum dringend finanzielle Anreize nötig wären, um Personal zu bekommen – darüber spricht die Hygienebeauftragte der Klinik Ottakring, Susanne Equiluz-Bruck, im Interview. 

Eva Kaiserseder
Frau Susanne Equiluz-Bruck sitzt an einem Tisch im Rahmen eines Interviews
Susanne Equiluz-Bruck: „Wichtig ist, bei den Strukturen im Haus hygienerelevante Aspekte auch räumlich mitzudenken.“
Foto: Michaela Obermair
„Händehygiene sollte immer eine interdisziplinäre Teamaufgabe sein, damit Krankenhausinfektionen vermieden werden können.“

Von Eva Kaiserseder

Ärzt*in für Wien: Wir befinden uns hier in der Klinik Ottakring, wo ein kompletter Neubau geplant ist und aktuell der Bestand saniert wird. Sie sind Internistin und leiten die Stabsstelle für Hygiene. Was sind hier Dinge, die bei einem Neu- beziehungsweise Umbau beachtet werden müssen? 
Equiluz-Bruck: Wichtig ist, bei den Strukturen im Haus hygienerelevante Aspekte auch räumlich mitzudenken. Das heißt zum Beispiel, Wegkreuzungen zwischen rein und unrein zu vermeiden oder genügend Lagerräume einzuplanen. Bei den Zimmern für Patientinnen und Patienten ist es wichtig, genug Abstand zwischen den Betten zu haben. Auf einer Normalstation wäre das mindestens ein Meter, auf der Intensivstation 1,5 bis zwei Meter. In den Neubauten gibt es glücklicherweise hauptsächlich Ein- und Zweibettzimmer. Das hat den Riesenvorteil, dass Übertragungen zwischen den Patientinnen und Patienten deutlich minimiert werden, wenn die Abstände groß genug sind, um kontaminationsfrei zu arbeiten. Zudem gibt es auch noch Möglichkeiten, die technische Ausstattung anzupassen. Etwa mit Unterdruck zu arbeiten als Schleusenfunktion, wenn jemand infektiös ist, damit die Erreger im Zimmer bleiben.

Ärzt*in für Wien: Wir sprechen hier ja von einem Ideal. Was wird tatsächlich auch umgesetzt? 
Equiluz-Bruck: Wir als Stabsstelle Hygiene sind erstmals in die Planung eingebunden worden und sehen die Baupläne. Dabei sind wir beratend und empfehlend tätig. Es ist damit nicht verpflichtend, aber wenn eine gute Basis mit der Projektleitung besteht, dann hoffen wir, dass einiges umgesetzt wird. Weisungsgebunden sind die Kolleginnen und Kollegen allerdings nicht, was ein gewisses moralisches Dilemma auslöst. Denn die Umsetzung unserer Themen ist stark an die kollegiale Führung und die Mitarbeitenden vor Ort gebunden. 

Ärzt*in für Wien: Welche Themen sind Ihnen da abseits der schon besprochenen Zimmerbelegung wichtig? 
Equiluz-Bruck: Flächen und Gegenstände etwa. Sie müssen leicht zu reinigen und wischdesinfizierbar sein. Zudem sollten Flächen glatt und fugenfrei sein, um das umsetzen zu können. Holz zum Beispiel, vor allem unbehandeltes Naturholz, ist deswegen problematisch, da es nicht gut genug aufbereitet werden kann. Da sammelt sich einiges, das dort nicht hingehört. 

Ärzt*in für Wien: Wie sieht denn die Personaldecke aus bei den Hygienebeauftragten beziehungsweise wie ist es um den Nachwuchs bestellt? 
Equiluz-Bruck: Die begleitende Ausbildung dauert 18 Monate und wird mittlerweile vom Dienstgeber bezahlt. Entweder bin ich vorher Ärztin oder Arzt für Allgemeinmedizin oder habe schon ein Fach, auf jeden Fall muss ich irgendeine Art von Ius practicandi haben. Die Kurse sind dabei quer über Österreich verteilt. Was es schwierig macht, Leute zu finden, ist die Honorarsituation. Die finanziellen Anreize fehlen, die Position wird üblicherweise nicht extra bezahlt. Für viele Kolleginnen und Kollegen, gerade die jüngeren, ist das eine Frage des Sich-Leisten-Könnens, wenn andere lukrativere Aufgaben darunter leiden. Auch der Zugang zu Sonderklassegeldern ist uns verwehrt. Und hier, beim Thema Finanzen, müsste man insgesamt dringend ansetzen. 

Ärzt*in für Wien: Apropos, das Berufsprofil ist selbst in der Ärzteschaft gar nicht so klar, ganz zu schweigen vom nichtfachlichen Publikum, oder? 
Equiluz-Bruck: Ja, hier sollte man absolut nachschärfen. Schade war auch, dass die Krankenhaushygiene in der Pandemie medial de facto nicht vorgekommen ist, was in Deutschland zum Beispiel anders war. Das wäre eine Möglichkeit gewesen, unseren Beruf spannend und umfassender darzustellen. 

Ärzt*in für Wien: Wie gestaltet sich bei Ihnen ein durchschnittlicher Arbeitstag?
Equiluz-Bruck: Ein Schwerpunkt ist die Surveillance. Wir haben ein Datensystem eingerichtet, wo wir aktuelle Befunde von den Patientinnen und Patienten bekommen. Einerseits geht es dabei um die multiresistenten Erreger, andererseits auch um andere Problemkeime. Da geht es darum, zeitnah Maßnahmen aus der Hygiene oder antibiotische Therapien zu etablieren. Essenziell sind auch Vor-Ort-Begehungen und Beratungen auf den Stationen, wo es um Isoliermaßnahmen, Händehygiene oder andere Hygienemaßnahmen geht. Problematische Bakterien sind etwa Staphylococcus aureus, die sehr häufig durch mangelnde Hygiene bei Gefäßkathetern übertragen werden. Wichtig ist, Dienstanweisungen zu Händehygiene und Individualhygiene zu befolgen. Das klingt spektakulärer als es ist: Zum Beispiel bedeutet das in der Praxis, keinen Schmuck zu tragen, keinen Nagellack und Händedesinfektionen entsprechend dem WHO-Modell der fünf Indikationen zum richtigen Zeitpunkt durchzuführen. 

Ärzt*in für Wien: Wie ist es denn um das Thema international bestellt? 
Equiluz-Bruck: Ich würde sagen, es hat sich schon sehr viel getan. Das Bewusstsein wächst. Ich schaue hier gern nach Deutschland, denn dort gibt es seit vielen Jahren ein Infektionsschutzgesetz. Das heißt, man muss sich verbindlich um das Thema kümmern und das wird auch gemacht und überprüft. Auch der Antibiotikaverbrauch wird verpflichtend erfasst. Bei uns gäbe es zwar Vorgaben, die aber weder umgesetzt noch eingefordert werden. In Österreich gibt es nur wenige Spitäler, die diese Zahlen tatsächlich liefern. Ich denke, es wird hier Druck von oben brauchen, um diese Zahlen zu bekommen und daraus Maßnahmen ableiten zu können. 

Ärzt*in für Wien: Wie sieht denn momentan in Österreich der Status bei nosokomialen Infektionen und multiresistenten Keimen aus? 
Equiluz-Bruck: Bei den Krankenhausinfektionen sind es postoperative Wundinfektionen, Pneumonien oder viele Gefäßkatheterinfektionen. Bei den multiresistenten Keimen sind wir zumindest formal ein bisschen die Insel der Seligen, beim EARS-Net der ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control, Anm. d. Red.), einer europäischen Datenbank zu mikrobiellen Resistenzen, sind wir eher im unteren Bereich. Ich befürchte allerdings, dass wir hier zu wenig hinschauen. Von der ECDC gibt es seit vielen Jahren die Möglichkeit zu Punktprävalenzuntersuchungen. Hier schaut man in einem definierten Zeitraum im Spital, welche Infektionen die Patientinnen und Patienten quasi „mitgebracht“ haben und welche Antibiotika sie bekommen. In Österreich haben rund 40 Krankenhäuser von über 200 österreichweit teilgenommen. Es ist also noch deutlich Luft nach oben. 

Ärzt*in für Wien: Was ist Ihnen besonders wichtig in Ihrem Arbeitsalltag? 
Equiluz-Bruck: Entscheidend ist, die Tage nicht völlig zu verplanen. Denn sehr oft passiert Unvorhergesehen, Infektionsausbrüche auf Stationen oder Gebrechen wie ein Wassereintritt. Dann müssen wir schnell und flexibel reagieren können, weil es etwa beim Wasser entscheidend ist, die Wände wegen der Schimmelgefahr ohne Verzögerung und langfristig trockenzubekommen. Gerade beim Schimmel gibt es viele Untersuchungen dazu, wie schädlich das ist. Bei Baustellen gilt es, Staubschutzwände aufstellen, damit kein Schmutz in den Patientenbereich gelangt. Auch Fortbildungen, sei es für das Transportpersonal, das Pflegepersonal und die Ärztinnen und Ärzte, versuchen wir gut zu etablieren. 

Ärzt*in für Wien: Ist das Bewusstsein in der Ärzteschaft für das Thema Hygiene schon gut etabliert? 
Equiluz-Bruck: Ganz unterschiedlich. Es gibt viele, denen das sehr bewusst ist und auch Abteilungen und Stationen, wo die Führungskräfte ein gutes Auge darauf haben. Dann funktioniert es. Problematisch ist es, wenn auf einer Station nur ein Teil achtgibt und der andere nicht. Händehygiene sollte immer eine interdisziplinäre Teamaufgabe sein, damit Krankenhausinfektionen vermieden werden können. Ich würde sagen, bei diesem Thema wird sich ohne verpflichtende Regelungen wenig bewegen. 

„Die Umsetzung unserer Themen ist stark an die kollegiale Führung und die Mitarbeitenden vor Ort gebunden.“