Frauen in der Medizin

Exzellente Chirurgie hat kein Geschlecht

Das Netzwerk Chirurginnen.connect wurde von Chirurginnen für Frauen in chirurgischen Fächern – und für jene, die es noch werden möchten – gegründet. Die Initiative setzt sich für ein modernes, gleichberechtigtes und zukunftsfähiges chirurgisches Arbeitsumfeld ein, in dem Leistung, Vielfalt und Talent gleichermaßen gefördert werden.

David Hell
Drei Frauen halten ein Schild mit chiruginnen.connect
Sarah Schober, Ärztin an der Abteilung für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Joy Feka, Joy Feka arbeitet als Chirurgin am Uniklinikum Allgemeinchirurgie und Sara Zejnilović, Chirurgin mit Schwerpunkt Gefäßchirurgie.
Foto: Stefan Seelig

Ärzt*in für Wien: Sie haben die Initiative Chirurginnen.connect gegründet. Wann war das und mit welcher Absicht geschah das?
Joy Feka: Sara und ich haben uns Anfang 2023 im Rahmen eines Coachings der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien kennengelernt. Bereits in den ersten Gesprächen wurde deutlich, dass es in Österreich – im Gegensatz zu Deutschland und der Schweiz – kein fächerübergreifendes Netzwerk für Chirurginnen gibt. Diese Lücke wollten wir bewusst schließen.
Sara Zejnilović: Nach mehreren inhaltlichen Treffen zu zweit haben wir einen offenen Aufruf gestartet, unter anderem über soziale Medien, und zu Planungstreffen eingeladen. Die Resonanz war sehr groß, wir sind auf zahlreiche interessierte Kolleginnen gestoßen. Im Frühjahr 2024 konnten wir schließlich mit unserer ersten Veranstaltung offiziell starten.
Sarah Schober: Gemeinsam mit Mina Lahlal bin ich über das erste Planungstreffen zur Initiative dazugestoßen. So hat sich schrittweise die heutige „Core Gruppe“ gebildet. Für mich war der Einstieg auch mit einem gewissen "Kultur-clash“ verbunden, da ich zuvor fünf Jahre in einem Krankenhaus in Finnland tätig war und in Österreich mit einigen Problemen konfrontiert worden bin, die es dort nicht gibt.

Ärzt*in für Wien: Warum braucht es so ein Netzwerk speziell für Chirurginnen?
Feka: Dieses offene Netzwerk steht für Austausch auf Augenhöhe – fach- und generationenübergreifend. Es soll engagierte und inspirierende Persönlichkeiten in den Fokus rücken, gegenseitiges Lernen fördern und einen Rahmen schaffen, in dem sich Chirurginnen gegenseitig stärken und unterstützen können.

Ärzt*in für Wien: Die Medizin ist mehrheitlich weiblich geworden. Im Fach Chirurgie sind Männer noch in der Überzahl. Warum ist das so?
Schober: Chirurgische Exzellenz ist keine Frage des Geschlechts. Frauen operieren ebenso kompetent und erfolgreich wie die männlichen Kollegen. Studien haben bereits auch gezeigt, dass Patientinnen und Patienten mit Chirurginnen sogar ein besseres Outcome haben.
Zejnilović: Faktoren wie fehlende weibliche Vorbilder, eingeschränkte Vereinbarkeitsmodelle und eine Arbeitskultur, die lange wenig Raum für unterschiedliche Lebensrealitäten gelassen hat, sind Gründe für diese „noch“ bestehende Überzahl.

Ärzt*in für Wien: Gibt es eigentlich auch Interesse aus anderen Bundesländern an Ihrer Initiative oder Pläne für eine Ausdehnung auf ganz Österreich?
Feka: Wir arbeiten an einem österreichweiten Ausbau der Initiative, der durch das große Interesse über Bundeslandgrenzen hinweg und die breite Unterstützung durch Fachgesellschaften sowie Chirurginnen in Führungspositionen erst überhaupt möglich ist.
Zejnilović: Ebenso sind wir sehr dankbar für die umfassende Unterstützung der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, die den Aufbau und den erfolgreichen Start der Initiative maßgeblich ermöglicht hat.

Ärzt*in für Wien: Wie sieht der Anteil der weiblichen Führungskräfte im Bereich der Chirurgie aus?
Feka: Von den derzeit 92 zu besetzenden allgemeinchirurgischen Primariaten in Österreich werden lediglich sieben von Frauen geführt, was einer Quote von rund 7,6 Prozent entspricht.
Zejnilović: Auch bei leitenden Oberarzt-/Oberärztinnenstellen zeigt sich ein Ungleichgewicht. In der Chirurgie besteht damit weiterhin ein deutlicher Aufholbedarf – strukturell sind wir hier noch nicht am Stand der Zeit.
Schober: Diese Situation wird sich im Laufe der Zeit verändern. Betrachtet man den mittlerweile deutlich überwiegenden Frauenanteil unter den Medizinstudierenden, ist absehbar, dass künftig deutlich mehr Frauen in chirurgische Positionen nachrücken und leitende Funktionen übernehmen werden. Dieser Wandel benötigt Zeit. Die Entwicklung zeigt jedoch klar in die richtige Richtung.

Ärzt*in für Wien: Das eine sind die Zahlen einer Statistik, das andere ist aber auch die Stimmung, die ein Missverhältnis bewirken kann. Welche Auswirkungen hat das?
Feka: Leider beobachten wir immer wieder, dass hochqualifizierte, fertig ausgebildete Chirurginnen nach der Facharztausbildung die Chirurgie verlassen und andere berufliche Wege einschlagen. Das ist bedauerlich, weil dadurch wertvolle Kompetenzen und großes Potenzial verloren gehen – nicht aus mangelnder Motivation oder Qualifikation, sondern weil die bestehenden Strukturen vielfach noch nicht dort sind, wo sie sein sollten.
Schober: In der Allgemeinchirurgie beträgt der Frauenanteil auf Facharztniveau rund ein Drittel. Nicht mangelndes Potenzial, sondern fehlende Strukturen sind der Grund, weshalb wir uns vernetzen, um uns in einem wertschätzenden Rahmen gegenseitig zu stärken und weiterzuentwickeln.

Ärzt*in für Wien: Frau Schober, Sie sind Chirurgin am Landesklinikum Korneuburg. Sie sind Mutter von drei Kindern und haben gezeigt, dass es geht. Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, damit mehr Frauen in diesen Beruf kommen?
Schober: Die Rollenbilder in Österreich sind nach wie vor stark verfestigt. In den Bundesländern ist das noch ausgeprägter und wenig zeitgemäß. Das zeigt sich unter anderem an strukturellen Rahmenbedingungen wie eingeschränkten Kinderbetreuungszeiten, die nach wie vor überwiegend Frauen vor Vereinbarungsprobleme stellen und Vollzeitarbeit oft nur mit zusätzlicher familiärer Unterstützung ermöglichen. Umso wichtiger sind neue Rollenvorbilder – nicht nur jene, die sich unter großen persönlichen Opfern durchgesetzt haben, sondern auch Chirurginnen, die zeigen, dass eine chirurgische Karriere mit Familie und anderen Lebensinhalten vereinbar ist. Chirurgie ist keine rein männliche Domäne, und sie lässt sich auf unterschiedliche Weise leben und gestalten.

Ärzt*in für Wien: Allzu oft wird das Genderproblem auf die Kinderproblematik reduziert. Wie sehen Sie das?
Schober: Diese Verkürzung greift aus meiner Sicht zu kurz. Frauen sind keine homogene Gruppe – wir haben unterschiedliche Lebensentwürfe, Karrierewege und Prioritäten, und genau das ist legitim. Es geht nicht darum, dass alle Frauen denselben Weg gehen sollen, sondern darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Vielfalt zulassen und es möglichst vielen Kolleginnen ermöglichen, sich für eine chirurgische Laufbahn zu entscheiden und diese auch langfristig zu verfolgen.
Zejnilović: Nach wie vor hört man von Studentinnen häufig die Sorge, ob sich ein chirurgischer Berufsweg mit Familie vereinbaren lässt. Diese tief verankerten Vorstellungen, dass man für die Chirurgie ein ganz bestimmter „Typ“ sein müsse, halten sich hartnäckig. Chirurgie ist mit unterschiedlichen Lebensentwürfen vereinbar, und grundsätzlich kann jede diesen Weg gehen, unabhängig von ihrer persönlichen Lebensplanung.

Ärzt*in für Wien: Wie ist das eigentlich bei Bewerbungsgesprächen – wenn sich Frauen für chirurgische Fächer interessieren. Da haben Sie sicher auch schon Erfahrungen gesammelt?
Schober: Aus unseren eigenen Erfahrungen und den Rückmeldungen aus den Frauennetzwerken zeigt sich, dass Frauen in Bewerbungsgesprächen weiterhin mit anderen, oft unangemessenen Fragen konfrontiert werden als Männer – insbesondere zur Familienplanung. Unabhängig von der individuellen Situation gibt es dabei scheinbar keine „richtige“ Antwort: ob keine Kinder, kleine Kinder oder bereits erwachsene Kinder – Frauen geraten in jedem Fall in eine Rechtfertigungsposition.
Feka: In unserer Fortbildungsreihe planen wir unter anderem einen eigenen Vortrag, der Frauen konkrete Strategien vermittelt, wie sie mit solchen Situationen umgehen und angemessen darauf reagieren können. Langfristig wünschenswert wäre jedoch, dass derartige Fragen in Bewerbungsgesprächen gar nicht erst gestellt werden.

Ärzt*in für Wien: Sie organisieren Ringvorlesungen an der MedUni Wien und beleuchten dabei die weibliche Rolle aus verschiedenen Blickwinkeln. Wie kommen die Vorlesungen an?
Feka: Die Ringvorlesung an der MedUni Wien, welche von Mina Lahlal und mir organisiert wurde, ist besonders, weil sie die Chirurgie aus unterschiedlichen fachlichen, gesellschaftlichen und persönlichen Perspektiven beleuchtet und damit über klassische medizinische Inhalte hinausgeht. Hier sind Frauen und Männer zu einem offenen und konstruktiven Diskurs eingeladen. Studierende erhalten ECTS-Punkte, Ärztinnen und Ärzte DFP-Punkte und gleichzeitig wird ein Beitrag zu einem nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel geleistet, von dem letztlich alle profitieren.
Zejnilović: Dieses Netzwerk lebt von Interaktion. Ohne den Austausch, das Feedback sowie den vielfältigen Support und die Unterstützung von außen – in welcher Form auch immer – wäre Chirurginnen.connect in dieser Form nicht möglich.

Ärzt*in für Wien: Wenn man sich jetzt für Chirurginnen.connect interessiert: Wie und wo tritt man mit Ihnen in Kontakt?
Zejnilović: Derzeit ist der einfachste Weg der Kontaktaufnahme über Instagram – „chirurginnen.connect“ oder per Email an chirurginnen.connect@gmail.com. Eine kurze Nachricht genügt – wir melden uns verlässlich und in der Regel sehr rasch zurück.

Ärzt*in für Wien: Was ist so besonders an der Chirurgie?
Schober: Als handwerkliches Fach hat die Chirurgie eine besondere Qualität – die Tätigkeit ist ausgesprochen abwechslungsreich und bietet ein breites Spektrum an Möglichkeiten.
Feka: Die Chirurgie ist ein fachlich wie inhaltlich äußerst faszinierendes Gebiet und zeichnet sich durch eine besondere Form der unmittelbaren Wirksamkeit aus: Probleme können oft direkt behandelt werden, und der Behandlungserfolg ist in vielen Fällen bereits innerhalb kurzer Zeit sichtbar.
Zejnilović: Viele von uns empfinden nach wie vor täglich diese Begeisterung, die wir unbedingt dem Nachwuchs weitergeben wollen.

Ärzt*in für Wien: Was muss in puncto weiblicher Sichtbarkeit noch passieren?
Feka: Weibliche Vorbilder fehlen oft nicht, weil sie nicht existieren, sondern weil sie über ganz Österreich verteilt und wenig präsent sind. Chirurginnen.connect möchte diese Frauen sichtbar machen und ihre unterschiedlichen Karrierewege aufzeigen.
Zejnilović: Durch diese Sichtbarkeit und das persönliche Zusammenkommen entstehen Mentor-Mentee Beziehungen, von denen beide Seiten nachhaltig profitieren können. Es geht darum die Entwicklung sichtbar zu machen, die sich durch den hohen Frauenanteil im Studium und in der Ausbildung ohnehin vollzieht und die chirurgischen Abteilungen verändern wird – vielfältiger, moderner und keinesfalls schlechter.

Ärzt*in für Wien: Geht es Ihnen nicht manchmal etwas zu langsam?
Schober: Ich gehe davon aus, dass der Wandel schneller voranschreiten wird als angenommen. Der Generationenwechsel ist bereits im Gange; viele erfahrene Kolleginnen und Kollegen gehen in Pension, während zahlreiche Junge nachrücken. Gleichzeitig möchten immer mehr Männer Verantwortung in der Familienarbeit übernehmen, stoßen dabei jedoch nach wie vor auf Widerstände, da Karenzzeiten oder der Papamonat noch nicht selbstverständlich sind. Diese notwendige Bewusstseinsänderung betrifft uns alle.

Ärzt*in für Wien: Sehen Sie sich manchmal in so ein klassenkämpferisches Korsett gezwängt, wenn Sie auf mehr Frauen in verantwortlichen Positionen pochen?
Zejnilović: Für uns steht das Miteinander im Vordergrund – wir sind keine Gegenbewegung, sondern möchten Entwicklung ermöglichen. Letztlich haben alle Ärztinnen und Ärzte dieselbe Ausbildung und verdienen dieselben Chancen.
Feka: Darum geht es: Strukturen so weiterzuentwickeln, dass Leistung und Potenzial unabhängig vom Geschlecht sichtbar werden können. Der offene Dialog ist besonders wichtig, um nachhaltige Veränderung zu erreichen. Chirurginnen.connect heißt alle herzlichst willkommen.

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