„Don‘t miss the clitoris” heißt Mandy Manglers neuestes Buch. Untertitel: „Eine Bedienungsanleitung“. Prompt landete das Buch auf der „Spiegel“- Bestsellerliste, befindet sich dort seit Monaten und sorgt für enormes Interesse. Als Tabubrecherin erlebt sich die Ärztin und fünffache Mutter trotzdem nicht: „Wir haben als Gesellschaft schlicht konsequent ein medizinisch wichtiges Organ von Frauen ausgeblendet und damit ihre Lebensqualität vermindert. Das ist eine Ungerechtigkeit, die beseitigt werden muss. Wenn in dem Anatomiebuch meiner Studienzeit nur drei unzureichende Sätze über die Klitoris standen, aber im selben Buch der Penis seitenweise erklärt wurde, dann ist das eine Schieflage.“
Mangler ist Gynäkologin und das mit dem Anspruch, die gesellschaftspolitische Dimension ihres Faches aus feministischer Sicht vor den Vorhang zu holen. „Die Frauenheilkunde ist noch immer stark patriarchal geprägt, mit konkreten Folgen für die Gesundheit und das Körperbild von uns Frauen“, schreibt sie im Vorwort ihres Standardwerks „Das große Gyn Buch“. Und dieses „Vor den Vorhang holen“ gelingt ihr bestens: Es ist wohl keine Untertreibung, wenn man die 49-jährige als eine der derzeit medial präsentesten Medizinerinnen Deutschlands bezeichnet. Mangler ist nicht nur Bestsellerautorin, sondern auch Chefärztin (das Pendant zum österreichischen Primariat, Anm.) zweier Berliner Kliniken. Sie leitete zudem mit 36 Jahren als erste und bisher einzige Frau die gynäkologische Abteilung von Deutschlands größter und wohl bekanntester Klinik, der Berliner Charité. Außerdem hat sie einen eigenen Podcast namens „Gyncast“, schreibt regelmäßig Kolumnenbeiträge und ist zu Gast in unterschiedlichsten TV-Debatten und Radioshows. „Ich bin jemand, der wirklich gerne Neues erlebt und auch anstößt, ich mag diese Offenheit“, sagt sie im Interview, befragt zu denjenigen Eigenschaften, die sie an sich selbst schätzt. Mit Blick auf ihr facettenreiches Leben ist das naheliegend.
Die Medizin spricht männlich
Was es für Mangler in ihrem Berufsalltag zu hinterfragen gilt, ist die nach wie vor männlich geprägte Medizin. Dieses Ungleichgewicht zu beseitigen ist für sie ein entscheidendes Kriterium, Stichwort Gender Health Gap: „Die Medizin spricht und versteht nach wie vor männlich und damit sprechen wir die Sprache der Patientinnen oft nicht. Symptomäußerungen werden deswegen oft fehlinterpretiert oder als psychosomatisch bewertet, weil wir in der Medizin diese von Männern geprägte Sprache gewohnt sind, die auch in all unseren Lehrbüchern abgebildet ist. Frauen weisen aber teils völlig andere Symptome auf, etwa bei Herzinfarkten.“ Sie plädiert zudem für eine stark personalisierte Medizin, bei der Gender nur ein Faktor unter vielen ist und das Individuum im Fokus steht: „Evidenzbasierte Standard- und Pauschalmedizin ist völlig in Ordnung, aber nur weil etwas für Tausende Patientinnen und Patienten passt, muss es nicht gleichzeitig optimal für den Einzelmenschen sein.“ Maßgeschneidert ist auch das Stichwort für Mangler als Führungskraft. Ihr Anspruch als Chefärztin ist, die noch immer omnipräsente gläserne Decke aktiv zu durchbrechen: „Es soll im Berufsleben keine Limitationen für Mütter und Eltern generell geben. Man kann als Führungskraft Eltern gerade in der so genannten Rushhour des Lebens sehr vielfältig unterstützen.“ Flexibilität sieht sie dabei als A und O, etwa mit Arbeitszeitmodellen, die exakt das ermöglichen, was Eltern für ihren Alltag brauchen. „Natürlich kann das anfangs ein Tetris-artiges Zusammenpuzzeln einer beruflichen Stelle sein, aber es ist wichtig, hier Zeit zu investieren, damit die Menschen dann gute Arbeit leisten können. Ich finde es großartig, wenn etwa eine dreifache Mutter mit kleinen Kindern ihr Wissen und ihre berufliche Expertise weiterhin zur Verfügung stellt“. Auch ganz konkrete Erleichterungen wie eine Betriebskantine mit Essen zum Mitnehmen oder Unternehmenskindergärten sind für sie Möglichkeiten, um die Vereinbarkeit zwischen Job und Betreuungspflichten zu vereinfachen.
Lange Liste an Ungleichheiten
Ihre eigene Elternschaft bringt „sehr viele Herausforderungen“ mit sich und funktioniert nur dank einem guten Netzwerk und gleichberechtigter Partnerschaft sowie viel Kreativität und Flexibilität in der Alltagsgestaltung, erzählt sie. Was Frauen beim Erreichen von Führungspositionen nach wie vor im Weg steht: Die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit. „Ob sie Kinder haben oder nicht, verheiratet oder Single sind, sie kümmern sich mehr als Männer, machen mehr im Haushalt oder pflegen Kinder oder Angehörige umfassender. Der Geschirrspüler ist quasi politisch, denn diese Zuständigkeiten müssen ausverhandelt werden. Die Liste an Ungleichheiten ist lang. Und Frauen insistieren nach wie vor viel zu wenig, dass diese Ungleichheit aufhört. Wenn diese Bürde wegfallen würde und Care-Arbeit gerecht verteilt wäre, könnten wir auch Führungspositionen gerechter verteilen“, ist Mangler überzeugt. Auch in ihrem Berufsalltag als Ärztin ist genau diese Problematik stark spürbar. Sie ist gynäkologische Onkologin, operiert also viele Menschen mit Tumorerkrankungen und sagt, auffällig viele Patientinnen denken bei einer lebensbedrohlichen Krebsdiagnose zuerst an die anderen und erst später an sich selbst. „Aussagen über Kinder, die Schulausflüge machen, und Mütter, die noch alle Vorbereitungen dafür erledigen müssen, gehören dabei zu den Klassikern“, erzählt sie.
Änderungen bei diesen Rollenzuschreibungen passieren in der gesellschaftlichen Mitte nach wie vor langsam, auch wenn sich gerade durch Social Media bei jungen Frauen viel bewegt. Hier allerdings in beide Richtungen des Spektrums: Traditionelle Rollenbilder werden genauso wie progressive Familien- und Beziehungsmodelle teils als Nonplusultra dargestellt. „Schwierig sind vor allem auch medial vermittelte unrealistische Körperbilder und die dadurch verzerrte Selbstwahrnehmung bei vielen Frauen. Es wird mit absurden Körpernormen Geld gemacht, eine ganze Industrie lebt vom kulturellen Standard, dass Frauen etwa dünn und haarlos zu sein haben. Ich würde mir wünschen, dass wir uns diesem Anspruch entziehen und selbstbewusst sagen: Hier habe ich Haare, dort blute ich, und übrigens, ich bin ein starkes Mitglied dieser Gesellschaft“, plädiert Mangler für eine gesunde Verweigerungshaltung.