Theaterärztinnen und Theaterärzte

Dramen abseits der Bühne

Bei regelmäßigen Theater- und Opernaufführungen sind Theaterärztinnen und -ärzte verpflichtend vorgeschrieben. Die Wiener Staatsoper hat rund 40 solcher Ärztinnen und Ärzte – ohne die an einem Aufführungstag die Türen verschlossen blieben. Die Betriebsärztin der Oper erklärt, wie so ein Abend verläuft und warum die Mediziner in einer der besten Loge des Hauses sitzen.

David Hell
Ein Betriebsärztin sitzt im Arztzimmer eines Opernhauses am Tisch und schreibt gerade.
Elisabeth Szedenik ist seit 25 Jahren Betriebsärztin der Wiener Staatsoper.
Foto: Michael Pöhn
„Die meisten Theaterärzte sind Allgemeinmediziner und verfügen idealerweise über eine Ausbildung für Notfallmedizin.”

Dort, wo Menschen vermehrt zusammenkommen, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passiert. Mal was Kleines, mal was Gröberes. Aus diesem Grund sieht das Wiener Veranstaltungsgesetz vor, dass in Theatern, Konzertsälen und Opernhäusern, die regelmäßig Veranstaltungen durchführen, eine Ärztin bzw. ein Arzt verpflichtend bei den Vorführungen anwesend sein muss. Ohne Theaterarztdienst keine Vorstellung. So ist das auch in der Wiener Staatsoper. Das mondäne Haus am Ring ist gefragt, zumeist ausverkauft und rund 2200 Personen finden je Vorstellung darin Platz. Außerdem verklingt der Ton in der Oper nie – auch in den Sommermonaten, während anderswo Ferien herrschen, findet hier der Spielbetrieb mit externen Veranstaltern statt. Auch um diese Events muss sich der ärztliche Dienst kümmern.

Aus diesem Grund benötigt die Staatsoper ein umfangreiches Netzwerk an Ärztinnen und Ärzten. In der Wiener Staatsoper umfasst dieses knapp 40 Personen. Die Fäden führen seit 25 Jahren verlässlich zu einer Person: Elisabeth Szedenik. Seit 2001 betreut sie in der Oper als Betriebsärztin nicht nur die Künstlerinnen und Künstler, sondern auch das gesamte, rund 1000 Menschen umfassende, Personal – vier Mal die Woche für je einen halben Tag. Darüber hinaus kümmert sie sich um die Pflege und den Aufbau des externen Netzwerk-Pools an Theaterärztinnen und -ärzten. „Die meisten Theaterärzte sind Allgemeinmediziner und verfügen idealerweise über eine Ausbildung für Notfallmedizin”, sagt Szedenik. Die Ärztinnen und Ärzte machen diesen Job übrigens aus Leidenschaft zur Oper, denn Geld gibt es für diesen Job keines. Versüßt wird die Tätigkeit durch die stille Dankbarkeit der Anwesenden sowie zwei Sitzplatzkarten an diesem Abend. Es sind aber vorzügliche Plätze: in der Proszeniumsloge. Gleich bei der Bühne und oberhalb des Orchesters. Außerdem hört man das wohl beste Orchester der Welt (Wiener Philharmoniker), die spannendsten Dirigentinnen und Dirigenten sowie die virtuosesten Sängerinnen und Sänger.

Was man als Theaterarzt können sollte
Szedenik, die eine niederösterreichische Wahlarztordination für Allgemeinmedizin führt und auch Notärztin ist, nimmt gerne neue Ärztinnen und Ärzte auf. Idealerweise sind es Ärztinnen und Ärzte aus der Allgemeinmedizin oder Fachärztinnen bzw. -ärzte mit einer allgemeinmedizinischen Ausbildung. „Sie müssen jetzt nicht unbedingt auch Allgemeinmediziner sein, aber es sollte kein Facharzt sein, der sich nur in seinem Fach gut auskennt. Er muss schon ein breites Wissen haben und zusätzlich wäre eine notärztliche Ausbildung wünschenswert. Damit man im Notfall wirklich kompetent agieren kann”, sagt Szedenik.

Doch wie ist sie eigentlich selbst in die Oper gekommen: „Ich war immer sehr interessiert an Musik, Theater und Oper. Und zufällig bin ich vor 30 Jahren über eine Kollegin, die mit mir damals während der Ausbildung im Krankenhaus gearbeitet hat, über einen Vertretungsdienst zur Wiener Staatsoper gekommen. Dann bin ich auch eingestiegen, weil mich das Haus interessiert hat. Nach fünf Jahren Vertretungsdienstätigkeit habe ich die Stelle als Betriebsärztin von meiner Vorgängerin übernommen." Szedenik hat dann noch die Ausbildung zur Betriebsärztin absolviert und dies als ihre Hauptaufgabe definiert. Da sie in dieser Funktion auch alle musikalischen Gäste betreut, hat sie schon viele berühmte Namen behandelt – die sie aufgrund der ärztlichen Verschwiegenheitspflicht nicht preisgeben darf.

Die Betriebsärztin steht im Stiegenhaus der Staatsoper und blickt in die Kamera.
Elisabeth Szedenik ist nicht nur Betriebsärztin, sie organisiert auch, dass bei jeder Aufführung ein Theaterarzt anwesend ist. / Foto: Michael Pöhn

 

Als Betriebsärztin hat sie auch den Theaterarztdienst am Laufen zu halten. „Das ist meine zweite Tätigkeit. Denn da muss ich darauf schauen, dass ich für jede Vorstellung Ärztinnen und Ärzte finde, die ich dann verlässlich einteilen kann. Und ich habe natürlich immer die volle Verantwortung, wenn jemand krank wird, muss ich bereit sein und auch einspringen”, sagt Szedenik.

Ohne Ärztin oder Arzt kein Ton
Wie läuft so ein Dienst ab: Die Theaterärztin bzw. -arzt kommt 75 Minuten vor Spielbeginn (in tempore) ins Büro des Oberbilleteurs und bestätigt dort die Anwesenheit per Unterschrift. Erst dann dürfen die Türen zum Einlass geöffnet werden. Nach kurzen Vorbereitungen bezieht die Ärztin bzw. Arzt mit einem Ärztekoffer den Sitzplatz. Das Diensthandy, das im Notfall vibriert und das man eng am Körper halten sollte, gibt Auskunft über einen etwaigen Einsatz. „Eine Ärztin bzw. ein Arzt wird immer von einem Feuerwehrfrau oder -mann begleitet. Denn das Haus ist wahnsinnig groß und natürlich kann der Theaterarzt nicht jeden Winkel im Haus kennen. Das heißt, es wird immer zeitgleich der Theaterarzt und die Feuerwehr aktiv. Die treffen sich und eilen dann gemeinsam zum Einsatzort. Die Feuerwehr hat einen Notfallrucksack dabei, in dem alle wichtigen notfallmedizinischen Geräte enthalten sind”, sagt Szedenik.

Etwas anders als sonstige Opernabende läuft der Opernball ab: An diesem Tag sind über 6000 Menschen im Haus und damit auch mehr Einsatzkräfte im Dienst: drei Ärztinnen und Ärzte, Sanitäter und Feuerwehr. Zudem steht ein Rettungsauto vor der Oper – für alle Fälle. Da beginnt der Dienst um 18.00 Uhr und endet um 6.00 Uhr in der Früh. Das sind zwölf Stunden reine Dienstzeit.

Kollaps und Verletzungen
Am häufigsten sind Theaterärztinnen und -ärzte im Einsatz, weil Touristinnen und Touristen zusammenbrechen. Sie sind den ganzen Tag auf Sightseeingtour, laufen in der Stadt herum, trinken oftmals zu wenig, sind übermüdet und sitzen (oder stehen) dann mitunter mehrere Stunden bei einer Aufführung. Aus diesem Grund kollabieren einige. Oftmals sind es auch kleinere Verletzungen, weil Personen beim Stiegensteigen stolpern. Daneben bildet sich naturgemäß die gesamte Palette an medizinischen Notfallszenarien ab. Auch der Defibrillator verrichtete schon mehrmals wichtige Dienste.

Während der Vorhang fällt und der Applaus verklungen ist, leert sich die Oper. Von der Garderobe holen sich noch die letzten Gäste ihre Kleidungsstücke, während die Theaterärztin oder der Theaterarzt sämtliche medizinischen Vorfälle des Abends im sogenannten Theaterarztbuch dokumentiert. Das braucht rund 15 Minuten. Nach der Freigabe des Hauses durch den Löschmeister verlässt dann auch die diensthabende Ärztin oder der diensthabende Arzt die Oper. Da capo al fine – vom Anfang bis zum Ende – heißt es in der Partitur. So auch im richtigen Leben.

„Eine Ärztin bzw. ein Arzt wird immer von einem Feuerwehrmann oder einer Feuerwehrfrau begleitet. Denn das Haus ist wahnsinnig groß und natürlich kann der Theaterarzt nicht jeden Winkel im Haus kennen. Das heißt, es wird immer zeitgleich der Theaterarzt und die Feuerwehr aktiv. Die treffen sich und eilen dann gemeinsam zum Einsatzort. Die Feuerwehr hat einen Notfallrucksack dabei, in dem alle wichtigen notfallmedizinischen Geräte enthalten sind.”