Aids Hilfe Wien

Vom Test bis zur Therapie – alles unter einem Dach

Mit dem Ambulatorium magnus* erweitert die Aids Hilfe Wien ihr Angebot grundlegend. Neben Beratungen und Testungen sind auch medizinische Behandlungen möglich. Das Zentrum reagiert auf steigende Zahlen sexuell übertragbarer Erkrankungen und neue Anforderungen an die Versorgung.

Stefan Eckerieder
Frau im Gespräch vor Hintergrund der AIDS Hilfe Wien
Mirjam Hall ist Vorsitzende der Aids Hilfe Wien.
Foto: Stefan Seelig

Ein großes Baugerüst verstellt aktuell den Blick auf den Standort der Aids Hilfe Wien am Mariahilfer Gürtel. Der Haupteingang ist geschlossen, hinter der Tür herrscht seit Monaten eine Baustelle. Nur über den Hintereingang kommen Menschen in das Gebäude, um die Angebote des gemeinnützigen Vereins wahrzunehmen. Derzeit finden noch große Umbauarbeiten statt, um Platz für eine in Österreich bisher einzigartige Einrichtung zu schaffen. „In sechs Wochen sollen die Umbauarbeiten fertig sein. Im April öffnet dann unser Ambulatorium für sexuelle Gesundheit. Dann werden unter einem Dach neben Testung und Beratung auch medizinische Behandlungen angeboten werden. Das neue Zentrum trägt den Namen ‚magnus*‘ und soll jährlich rund 18.000 Patientinnen und Patienten betreuen, mit etwa 32.000 Patientenkontakten“, sagt Mirijam Hall, Vorsitzende der Aids Hilfe Wien. Magnus* wird im Erdgeschoß und ersten Stock des Gebäudes angesiedelt sein und vollständig mit Ordinationsräumlichkeiten ausgestattet sein. Ärztlicher Leiter des Zentrums wird der Infektiologe Alexander Zoufaly. Zu Beginn werden die vollen 61 Öffnungsstunden pro Woche noch nicht erreicht, in der zweiten Jahreshälfte 2026 soll der Vollbetrieb aufgenommen werden, inklusive Öffnung an Samstagen. Die Verantwortlichen rechnen damit, dass das Ambulatorium sowohl Spitäler als auch den niedergelassenen Bereich entlasten wird: Es wird Kassenverträge geben und Ärztinnen und Ärzte werden jederzeit zuweisen können. „Bisher war es so, dass im Haus der Aids Hilfe Wien keine Ärztinnen und Ärzte tätig waren, die Behandlungen durchführen konnten. Positive Testergebnisse mussten daher immer an Fachärztinnen und Fachärzte weiterverwiesen werden. Das brachte zwei Probleme mit sich: Einerseits bestand das Risiko, dass Menschen auf dem Weg in die Therapie verloren gehen, andererseits kam es zu zeitlichen Verzögerungen zwischen Diagnose und Behandlungsbeginn. Aus diesen Gründen wurde in den vergangenen Jahren gezielt darauf hingearbeitet, medizinische Behandlungen künftig direkt vor Ort anbieten zu können“, sagt Hall. Das Tätigkeitsfeld des Vereins hat sich in seinem 40-jährigem Bestehen stark verändert. Während HIV und AIDS in den 1980er- und 1990er-Jahren ein großes gesellschaftliches Schreckgespenst waren, hat sich die Situation mit modernen Therapien grundlegend gewandelt. Der Befund HIV ist mittlerweile kein Todesurteil mehr. Bis vor einigen Jahren gab es im Haus noch ein Tageszentrum für HIV-positive Menschen mit Tagesstruktur und Mittagessen – ein Angebot, das dank moderner Therapien heute nicht mehr erforderlich ist, da Menschen mit HIV ihr Leben mittlerweile weitgehend uneingeschränkt führen können.

Anstieg bei Infektionen 

Testungen, Beratungen und Präventionsarbeit sind dennoch weiterhin zentrale Bestandteile der Aids Hilfe Wien. Ursprünglich lag der Fokus der Arbeit ausschließlich auf HIV und AIDS, doch in den vergangenen Jahren hat sich das Aufgabengebiet deutlich erweitert. Heute steht sexuelle Gesundheit insgesamt im Mittelpunkt der Arbeit des Vereins. Ein zentraler Bestandteil der Arbeit ist die Teststelle im Haus der Aids Hilfe Wien, die vom Gesundheitsministerium finanziert wird und kostenlose sowie anonyme HIV-Tests anbietet. Darüber hinaus sind in Wien mittlerweile Tests auf die sogenannten „Big Five“ der sexuell übertragbaren Erkrankungen möglich: Neben HIV sind diese Syphilis, Hepatitis (B und C), Chlamydien und Tripper (Gonorrhoe). Eine der großen Herausforderungen der letzten Jahre ist das stark gestiegene Testaufkommen. „Mittlerweile führen wir in der Aids Hilfe Wien knapp 20.000 Testungen pro Jahr durch. Zu uns kommen Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten, Altersgruppen oder sexueller Orientierung zum Testen. Sehr häufig auch Paare, die sich testen lassen, bevor sie auf das Kondom verzichten“, erläutert Gynäkologin Hall. Österreichweit sind die HIV-Neudiagnosen mit ungefähr 450 pro Jahr relativ stabil, berichtet Hall. Insgesamt gibt es aber bei sexuell übertragbaren Krankheiten einen starken Anstieg. Über 600 Fälle von Syphilis wurden 2022 in Österreich gemeldet, das sind 13 Prozent mehr als im Jahr davor. Bei Gonorrhoe gibt es sogar 300 Prozent mehr Ansteckungen als noch vor rund 10 Jahren. Auch bei Chlamydien, Hepatitis und HPV steigt die Zahl der Ansteckungen in ganz Europa, zeigen Untersuchungen des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Gleichzeitig gehe laut dem Verhütungsbericht 2024 des Gesundheitsministeriums der Kondomgebrauch zurück. Nur 40 Prozent der Befragten gaben an, damit zu verhüten. Man beobachte, „dass die heutige Jugend wieder extrem unvorsichtig in ihrem sexuellen Verhalten ist“, so Hall. Viele würden glauben, es treffe sie nicht. Durch die wirkungsvollen medizinischen Behandlungen hätten sexuell übertragbare Behandlungen ihren Schrecken verloren, so Hall. Gerade bei Jugendlichen wäre ein qualitativ hochwertiger Sexualaufklärungsunterricht dringend notwendig, fordert die Aids-Hilfe-Vorsitzende. Die Qualität dieses Unterrichts hänge derzeit allerdings stark vom Engagement einzelner Lehrpersonen und davon ab, welche externen Vereine eingeladen werden. Aus Sicht der Aids Hilfe Wien braucht es verpflichtende sexualpädagogische Ausbildungen, nicht nur zur Krankheitsprävention, sondern auch im Sinne der Gewaltprävention. „Jugendliche kommen heute sehr früh mit pornografischen Inhalten in Kontakt, diese müssen in einem geschützten Rahmen eingeordnet und besprochen werden“, sagt die Gynäkologin.

Öffentlicher Diskurs notwendig

Um so wichtiger sei auch die Beratungs- und Präventionsarbeit des Vereins, die ebenfalls in den vergangenen Jahren stark ausgebaut wurde. „Jährlich finden hunderte Schulworkshops statt, die sich mit sexueller Aufklärung, sexueller Gesundheit und Selbstbestimmung befassen. Zudem fungiert die Organisation als Antidiskriminierungsstelle, bearbeitet gemeldete Diskriminierungsfälle und bietet Menschen mit HIV psychologische und sozialarbeiterische Unterstützung“, erklärt Hall. Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Öffentlichkeitsarbeit: Kampagnen schaffen Aufmerksamkeit für sexuelle Gesundheit und sensibilisieren für aktuelle Themen. „In Kooperation mit dem Dachverband haben wir in den vergangenen Jahren mehrere größere Kampagnen umgesetzt, heuer etwa zum Thema Sexualität und Alter“, sagt die Aids-Hilfe-Vorsitzende. Gerade Sexualität im höheren Lebensalter ist nach wie vor stark tabuisiert. „Viele Frauen sprechen selbst bei ihren jährlichen Vorsorgeuntersuchungen kaum über Sexualität, meist nur im Zusammenhang mit Verhütung oder konkreten Erkrankungen, sie werden oft auch nicht danach gefragt. Auch bei Männern ist dies im Rahmen urologischer Untersuchungen kaum anders“, so Hall. Das führe zu großem Wissensmangel, etwa zur Sexualität nach der Menopause oder generell bei Männern – unabhängig von ihrer ­sexuellen Orientierung. Gesellschaftlich brauche es daher ein ernsthaftes Auseinandersetzen mit diesen Bedürfnissen und Aufklärung über die gesamte Lebensspanne hinweg. „Problematisch ist, dass Menschen um die 50, insbesondere im ländlichen Raum, oft nicht zum Test gehen. Das führt dazu, dass Erkrankungen lange unerkannt bleiben und Therapien verspätet beginnen“, sagt Hall.
„Das Ziel, HIV-Ansteckungen langfristig zu überwinden, ist in Ländern wie Österreich realistisch, wenn die richtigen Maßnahmen gesetzt werden“, ist sich Hall sicher. Global betrachtet sei die Situation jedoch deutlich schwieriger. Vor allem in der Subsahara-Afrika-Region, auch aufgrund politischer Entwicklungen etwa in den USA, werden Mittel für Prävention und Therapie gekürzt, „was die Gefahr einer erneuten Ausbreitung weltweit betrachtet erhöht.“

 

Zahlen und Fakten
 

Im April öffnet das neue Ambulatorium für sexuelle Gesundheit magnus* am Standort der Aids Hilfe Wien am Mariahilfer Gürtel.
In diesem One-Stop-Shop-Konzept werden Prävention, Beratung, Testung und Behandlung unter einem Dach geboten.

Erwartet werden:

1.500 HIV-Therapien im Jahr 2027
200 HIV-Diagnosen jährlich
9.000 Symptomatische STI-Testungen
im Jahr 2027
2.700 Prä‑Expositions‑Prophylaxe (PrEP)
im Jahr 2027
50 Post‑Expositions‑Prophylaxe kurzfristige Behandlung mit HIV‑Medikamenten nach
einem möglichen Risikokontakt im Jahr 2027
500 Impfungen im Jahr 2027
 

WEITERLESEN:
Die stille Rückkehr von Syphilis und Co.
„Das neue Zentrum trägt den Namen ‚magnus*‘ und soll jährlich rund 18.000 Patientinnen und Patienten betreuen, mit etwa 32.000 Patientenkontakten.“
„Das Ziel, HIV-Ansteckungen langfristig zu überwinden, ist in Ländern wie Österreich realistisch, wenn die richtigen Maßnahmen gesetzt werden.“