Adipositas

Adipositas: Versorgungslücke schließen

Immer häufiger sind Österreicherinnen und Österreicher von Adipositas betroffen. Eine medikamentöse Therapie steht aber nur denen offen, die es sich leisten können – denn die Kosten dafür werden in den allermeisten Fällen nicht von der Kasse erstattet. Deshalb bleibt Adipositas oftmals unbehandelt. Die Folgen sind gravierend.

David Hell
Vier Personen, drei Frauen und ein Mann, stehen beisammen.
Naghme Kamaleyan-Schmied, Bianca Karla Itariu, Bernhard Ludvik und Dagmar Fedra-Machacek fordern Therapiemöglichkeiten auf Rezept bei Adipositas.
Foto: Bernhard Noll
„Adipositas ist die Volkskrankheit unserer Zeit und eine der großen gesundheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft. Evidenzbasierte Therapie muss dort stattfinden, wo die Menschen ihre medizinische Versorgung erhalten: in den Kassenordinationen.“
Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied

Ein Schulterschluss von drei Institutionen in einer besonders dringlichen Angelegenheit: Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, die Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich sowie die Österreichische Adipositas Gesellschaft fordern, dass die Adipositastherapie als Kassenleistung in den Ordinationen stattfindet.

Adipositas ist eine anerkannte chronische Krankheit, für die es wirksame, zugelassene Medikamente gibt. Für den Einsatz liegen medizinische Leitlinien vor, so dass eine evidenzbasierte Therapie bereits möglich ist. Dennoch bleibt vielen Patientinnen und Patienten in Österreich der Zugang dazu verwehrt, da die Erstattung im Leistungskatalog der Sozialversicherungen unzureichend abgebildet sind. Der Grund: Eine mehr als 20 Jahre alte Regelung im Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz (ASVG) – die sogenannte Negativliste – verhindert, dass Medikamente zur Gewichtsreduktion regulär in den Erstattungskodex (EKO) aufgenommen werden können.

„Adipositas ist die Volkskrankheit unserer Zeit und eine der großen gesundheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft. Evidenzbasierte Therapie muss dort stattfinden, wo die Menschen ihre medizinische Versorgung erhalten: in den Kassenordinationen. Wir haben zugelassene Therapien, aber diese Therapien stehen Erwachsenen derzeit nicht als reguläre Kassenleistung zur Verfügung. Das ist für uns Ärztinnen und Ärzte und für unsere Patientinnen und Patienten frustrierend und nicht nachvollziehbar. Die Gesundheitspolitik ist gefordert, diese Versorgungslücke zu schließen“, sagt Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien.

Eine Frau vor einem Mikrofon
Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. / Foto: Bernhard Noll

Und sie ergänzt: „Wir brauchen einen fairen Zugang zu Therapie, Beratung und Betreuung. Eine verantwortungsvolle Therapie ist mehr als ein Rezept. Wir müssen die Patientinnen und Patienten untersuchen, die Indikation stellen, Begleiterkrankungen und Risiken berücksichtigen und den Therapieverlauf kontrollieren. Diese Leistungen bildet unser Kassensystem derzeit ebenso wenig ab, wie etwa Adipositas-Prävention oder Ernährungsberatung.“ Eine umfassende Beratung benötigt daher Zeit, aber genau die fehlt in der Kassenmedizin, so Kamaleyan-Schmied, „um mit Patientinnen und Patienten ausführlich über Ernährung, Bewegung und Lebensstil zu sprechen.“ 

Paradigmenwechsel in der Adipositasmedizin
Adipositas entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel genetischer, hormoneller, psychologischer, sozialer und umweltbedingter Faktoren und erfordert eine langfristige, leitliniengerechte Behandlung. Die Adipositasmedizin hat hier in den letzten Jahren einen Paradigmenwechsel vollzogen. Neue Medikamente erreichen nun Therapieerfolge, die bisher nur durch bariatrische Chirurgie möglich waren. Ohne Operation sind heute durch medikamentöse Therapie Gewichtsverluste von 15 bis zu 25 Prozent erreichbar. Gleichzeitig sinkt das Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselkrankheiten, die Gesundheit verbessert sich und sogar die Sterblichkeit wird gesenkt.

„Wir reden hier nicht von Menschen, die ein paar Kilo abnehmen wollen. Wir reden von Patientinnen und Patienten mit einer schweren chronischen Krankheit. Und diese Krankheit können wir mittlerweile sehr wirksam medikamentös behandeln. Wir greifen mit den neuen Wirkstoffen in jene gestörten neuronalen Verbindungen und Regulationsmechanismen im Gehirn ein, die Hunger, Sättigung und Essverhalten steuern“, erklärt Bianca Karla Itariu, Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft (ÖAG).

Eine Frau bei einer Pressekonferenz.
Bianca Karla Itariu, Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft. / Foto: Bernhard Noll

Leitlinie empfiehlt langfristige multidisziplinäre Therapie
Die ÖÄG empfiehlt eine medikamentöse Therapie bei einem Body-Mass-Index (BMI) ab 30 kg/m² beziehungsweise ab einem BMI von 27 kg/m² bei Begleiterkrankungen oder Risikofaktoren. Die medikamentöse Behandlung ist dabei Teil einer langfristigen multidisziplinären Therapie, bestehend aus:

• ärztlicher Abklärung der Therapieindikation, Begleiterkrankungen und individuellen Risiken,

• umfassender Aufklärung und Therapieplanung,

• regelmäßigen Verlaufskontrollen und langfristiger ärztlichen Begleitung. 

Doch die Sozialversicherung erstattet weder das ärztliche Beratungsgespräch noch die Betreuung während der Therapie. Die Kostenübernahme der medikamentösen Therapie erfolgt derzeit nur in Ausnahmefällen.

Und Kammer-Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied ergänzt: „Was sind die gesundheitlichen Kollateralschäden, wenn wir Adipositas nicht ausreichend behandeln? Das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Gelenksbeschwerden steigt mit zunehmendem BMI. Das beginnt bereits im Kindesalter. Wir sehen zunehmend bereits bei Kindern Komorbiditäten wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung oder Typ-2-Diabetes.“

„Es ist absurd: Die ÖGK finanziert die operative Magenverkleinerung, aber eine wirksame medikamentöse Therapie wird regulär nicht bezahlt. Dabei können wir heute erhebliche Gewichtsreduktionen erreichen und den Patientinnen und Patienten einen operativen Eingriff mit seinen Risiken und möglichen Spätfolgen ersparen. Eine wirksame Therapie aus finanziellen Gründen vorzuenthalten, ist mit dem heutigen Stand von Medizin und Wissenschaft nicht mehr zu rechtfertigen“, sagt Bernhard Ludvik, Vizepräsident der ÖÄG.

Ein Mann sieht direkt in die Kamera.
Bernhard Ludvik, Vizepräsident der Österreichischen Adipositas Gesellschaft. / Foto: Bernhard Noll

Zumal die Nichtbehandlung auch gesundheitspolitisch einen hohen Preis hat: Laut einer Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) aus dem Jahr 2024 verursacht Adipositas in Österreich geschätzte volkswirtschaftliche Kosten von rund 2,4 Milliarden Euro jährlich.

Fairer Zugang zu medizinischer Versorgung gefordert
Adipöse Personen leiden häufiger unter körperlichen Beschwerden und Erkrankungen, die teilweise direkt auf starkes Übergewicht zurückzuführen sind beziehungweise in engem Zusammenhang mit Adipositas stehen. Die Folgen von Adipositas beschränken sich also nicht auf das Körpergewicht. Menschen verlieren gesunde Lebensjahre und teilweise auch Lebenszeit.

„Adipositas ist eine chronische Krankheit, die belegt und bewiesen ist. Es ist nicht vertretbar, dass ein veralteter, gesetzlicher Rahmen darüber entscheidet, wer Zugang zu einer heute leitliniengerechten Therapie erhält. Unser Anspruch an ein solidarisches Gesundheitssystem muss sein, dass wir in den Kassenordinationen den medizinischen Bedarf unserer Patientinnen und Patienten ausreichend abdecken können. Und nicht, dass nur jene eine Therapie bekommen, die es sich leisten können“, sagt Dagmar Fedra-Machacek, Vizepräsidentin der Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich.

Eine Frau bei einer Pressekonferenz
Dagmar Fedra-Machacek, Vizepräsidentin der Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich. / Foto: Bernhard Noll

Die ÖAG, die Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich und die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien fordern daher:

• Den gesetzlichen Erstattungsrahmen zu reformieren und den Zugang zur regulären Erstattung der Adipositastherapie durch die Sozialversicherungen entsprechend der von der Österreichischen Adipositas Gesellschaft ausgearbeiteten Leitlinien.

• Die notwendige ärztliche Beratung und langfristige Therapiebegleitung in den Leistungskatalog der Sozialversicherungen aufzunehmen.

• Die Gesundheitskompetenz zu fördern und bereits bei den Jüngsten anzusetzen, indem diese im Lehrplan verankert wird. Nur so ist ein gesellschaftlicher Wandel möglich.

 

Zwei Frauen halten ein Schreiben in der Hand.
Naghme Kamaleyan-Schmied und Dagmar Fedra-Machacek mit dem Offenen Brief an die Gesundheitsministerin, Staatssekretärin und Sozialversicherungen. / Foto: Bernhard Noll

 

Offener Brief an Bundesministerin, Staatssekretärin und Sozialversicherungen
Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien sowie die Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich haben an Bundesministerin Korinna Schumann, Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig und an Sozialversicherungen einen Offenen Brief übermittelt. In diesem wird gefordert, dass die Therapie von Adipositas in den Leistungskatalog und somit in die reguläre Erstattung genommen wird – entsprechend den Leitlinien der Österreichischen Adipositas Gesellschaft. Damit diese Erkrankung mit all den verbundenen Folgeerkrankungen von Ärztinnen und Ärzten behandelt beziehungsweise schon vorab präventiv mit geeigneten ärztlichen und medizinischen Maßnahmen vermieden werden kann. Und zwar unabhängig von Einkommen und Vermögen der Patientinnen und Patienten. Denn bis jetzt müssen Adipositas-Patientinnen und -Patienten eine Therapie aus eigener Tasche bezahlen.

Hier geht es zum Offenen Brief

 

„Wir reden hier nicht von Menschen, die ein paar Kilo abnehmen wollen. Wir reden von Patientinnen und Patienten mit einer schweren chronischen Krankheit. Und diese Krankheit können wir mittlerweile sehr wirksam medikamentös behandeln.“
Bianca Karla Itariu, Präsidentin der Österr. Adipositas Gesellschaft
„Unser Anspruch an ein solidarisches Gesundheitssystem muss sein, dass wir in den Kassenordinationen den medizinischen Bedarf unserer Patientinnen und Patienten ausreichend abdecken können. Und nicht, dass nur jene eine Therapie bekommen, die es sich leisten können.“
Dagmar Fedra-Machacek, Vizepräsidentin Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich