Kommentar von außen
Kommentar von außen

Reform muss mehr Gesundheit in die Steuerung bringen

Die Gesundheitsökonomin Maria M. Hofmarcher-Holzhacker plädiert für eine Reform, bei der die Gesundheit in den Fokus der Steuerung gerückt werden soll.

Maria Hofmarcher-Holzhacker

WIR HABEN in Österreich ein solidarisch finanziertes Gesundheitswesen mit moderner Infrastruktur und hohem Berufsethos. Unsere Honorierungsmodelle wie die LKF-Abrechnung weisen durch die differenzierte Leistungserfassung mehr methodische Reife auf als starre Pauschalen-Systeme wie in Deutschland. Dennoch bestehen chronische Leiden: Die duale Finanzierung – Spitäler aus fix-budgetierten Kassenbeiträgen und Steuermitteln der Länder, der niedergelassene Bereich aus Kassenbeiträgen und privaten Zuzahlungen – führt laut aktuellem Rechnungshof-Bericht von Mai 2026 zu Ineffizienzen und teurem „Patienten-Verschieben“. Gleichzeitig hält das Modell der Sonderklasse die medizinische Spitzenexpertise im öffentlich-gemeinnützigen System und kofinanziert Vorhaltekosten sowie Einkommen der Allgemeinklasse. Sie wirkt somit als Schutzschild gegen investorengetriebene Privatkliniken („Goldene Meilen“).

WIR BRAUCHEN Personal, das den technischen Fortschritt – von künstlicher Intelligenz über ELGA bis hin zu e-Health-Strukturen – mit Zeit und Empathie in die Versorgung bringt. Nötig sind bundesweit einheitliche Stellenpläne und verbindliche Bettenschlüssel. Wir brauchen eine koordinierte Zusammenarbeit der Berufsgruppen in den ambulanten Strukturen sowie einheitliche Regelungen und Abgeltungen für das gesamte klinische Personal im Bereich der Sonderklasse, um deren Akzeptanz gezielt zu fördern.

WIR WOLLEN, dass uns die Gesundheitsberufe helfen, das System kostenschonend zu navigieren und sich zum Nutzen der Patientinnen und Patienten koordiniert abstimmen. Wir wollen einheitliche Leistungen einer Krankenversicherung, die Versicherte als Koproduzentinnen und Koproduzenten ihrer Gesundheit stärkt. Gefragt ist der Fokus der Entscheidungsträger auf den echten Patientennutzen (Outcomes) statt auf eine reine Input-Steuerung über Bettenzahlen und Stellenpläne. Ein transparentes Leistungssystem muss Effizienz belohnen und Mitteleinsatz direkt in gesunde Lebensjahre übersetzen.

DIE POLITIK MUSS bei Strukturreformen weitblickend agieren und die Akteure schrittweise einbinden.

  • Erstens: Öffentliche Mittel dürfen nicht mehr bedingungslos zur Abgangsdeckung an Länder und Kliniken fließen. Sie müssen strikt an bundeseinheitliche Qualitäts- und Mindestmengenkriterien gekoppelt werden. Parallel ist die Sonderklasse strategisch zu vereinheitlichen und weiterzuentwickeln sowie die im PRIKRAF gebundenen Kassenbeiträge freizugeben, um die Medizin der Zukunft im gemeinnützigen System besser zu verankern.
  • Zweitens: Der ambulante Sektor erfordert einen attraktiven Ausbau für Patientinnen, Patienten und Personal. Die künstliche Trennung zwischen Gesundheit und Langzeitpflege (LTC) ist aufzuheben. Beide Welten müssen nach dem internationalen System of Health Accounts (SHA) integriert geplant und finanziert werden – getreu der Doktrin: digital vor ambulant vor stationär.
  • Drittens: Die Politik muss Strukturdebatten fördern und aushalten. Die nationalen Gesundheitsziele insbesondere Ziele 5 und 10 geben dafür den Rahmen. Das betrifft die Mittelaufbringung (Steuern, Beiträge), die Mittelverwendung (Effizienzreserven), Ausbildung, Prävention sowie die institutionelle Ausgestaltung (Kassenlandschaft, Steuerungsebenen, öffentlich-privater Mix). 

Das Motto hierfür: Die Versorgung muss unserer Gesundheit dienen, und die Prozesse müssen gesünder für das System werden, damit Gerechtigkeit, Effizienz und Demokratie gestärkt werden.

„Die Politik muss bei Strukturreformen weitblickend agieren und die Akteure schrittweise einbinden.“
Eine Frau mit rotem Schal sitzt an einem Tisch mit nach vorne verschränkten Armen und blickt direkt in die Kamera.
Gesundheitsökonomin Maria M. Hofmarcher-Holzhacker
Foto: Carla Constanceanu
 
© Ärztin für Wien | 06.06.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/index.php/gesundheitspolitik/reform-muss-mehr-gesundheit-die-steuerung-bringen