Vorsorge durch Bewegung
Vorsorge durch Bewegung

Vom Frühlingslauf zum Megaevent, das ganz österreichweit bewegt

Der langjährige Organisator Wolfgang Konrad über die Entwicklung des Vienna City Marathons seit 1989 – vom Neustart zur größten Sportveranstaltung Wiens mit rund 49.000 Teilnehmenden und großer Bedeutung für Laufsport und Gesundheit.

Stefan Eckerieder-Donovan

Ärzt*in für Wien: Als Sie 1989 die Organisation des Vienna City Marathons übernommen haben, stand das Event bereits vor dem Aus. Wie ist es gelungen, die Veranstaltung zu retten und zu einem der größten Sportevents Österreichs zu entwickeln?

Wolfgang Konrad: Es war zunächst einmal eine große Leistung, dass es den Marathon überhaupt gegeben hat – das damalige Organisationsteam hat Enormes geleistet. Ich bin 1988 selbst noch mitgelaufen, und genau an diesem Tag wurde ich angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, die Organisation zu übernehmen. Ich habe zugesagt, mir alles sehr genau angesehen und im wahrsten Sinne des Wortes jeden Stein umgedreht. Von diesem Zeitpunkt an ging es Schritt für Schritt bergauf.

Als ich übernommen habe, gab es rund 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Heuer, 2026, verzeichnen wir etwa 49.000 Anmeldungen. Ich denke, wir haben in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Laufszene in Österreich – aber auch international – so stark entwickelt hat. Der Vienna City Marathon ist heute die größte Sportveranstaltung Wiens, mit Abstand die teilnehmerstärkste Veranstaltung Österreichs und die größte im öffentlichen Raum. Dazu kommen rund eine Million Zuschauerinnen und Zuschauer entlang der Strecke sowie vor den Bildschirmen.

Der Tiroler Wolfgang Konrad war von 1989 bis Jänner 2024 hauptverantwortlich für die Organisation des Wien-Marathons. Unter der Leitung des ehemaligen Weltklasse-Hindernisläufers entwickelte sich der einstige Wiener Frühlingsmarathon mit knapp 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu einem der größten Freiluftsportevents Österreichs – dem Vienna City Marathon (VCM) mit rund 49.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Im Jahr 2024 übergab Konrad die organisatorische Verantwortung an die nächste Generation: seinen Sohn Dominik Konrad sowie Kathrin Widu.

Ärzt*in für Wien: Wie würden Sie den Einfluss des Vienna City Marathons auf den Breitensport in Österreich beschreiben?

Konrad: Der Sportwissenschaftler Norbert Bachl hat einmal gesagt: „Der Wien-Marathon hat die Gesellschaft verändert.“ Dem kann ich nur zustimmen. Als der Marathon 1984 erstmals stattfand, wurde Laufen noch nicht wirklich ernst genommen, das habe ich als ehemaliger Profiläufer selbst erlebt. Diese Zeiten sind längst vorbei. Der Vienna City Marathon hat sicherlich dazu beigetragen, dass Laufen heute eine breite gesellschaftliche Verankerung hat.

Gleichzeitig darf man nicht vergessen: Es ist nicht nur der Marathon in Wien. Es sind auch die vielen kleineren Laufveranstaltungen im ganzen Land. Wir sprechen von rund 600 Events jährlich in Österreich. Gerade diese regionalen Veranstaltungen motivieren Menschen vor Ort und tragen entscheidend dazu bei, dass der Laufsport in Österreich so populär geworden ist.

Gelebte Gesundheitsvorsorge

Ärzt*in für Wien: Warum ist Laufen aus Ihrer Sicht zu einem solchen Massenphänomen geworden?

Weil Laufen nie eine Modeerscheinung war. Mode kommt und geht – Laufen ist über Jahrzehnte organisch gewachsen. Und dieser Trend hält an. Auch junge Menschen nehmen verstärkt an Laufveranstaltungen teil. Gleichzeitig profitieren wir davon, dass andere Ausdauersportarten wie Radfahren ebenfalls boomen und viele Menschen dadurch den Weg zum Laufen finden und umgekehrt.

Besonders erfreulich ist, dass Laufen alle Altersgruppen und beide Geschlechter gleichermaßen anspricht. Um die Dimension zu verdeutlichen: Beim London-Marathon gibt es rund 60.000 Startplätze, aber über 1,2 Millionen Voranmeldungen. Das zeigt, wie groß und dynamisch diese Bewegung geworden ist.

Ärzt*in für Wien: Welchen Einfluss hat die Popularität des Laufsports und große Sportevents dieser Art aus Ihrer Sicht auf die Gesundheit der Bevölkerung?

Konrad: In der Gesundheitspolitik wird Bewegung seit Jahren als zentrale Säule der Prävention hervorgehoben und genau hier setzen wir an. Wir bringen Menschen in Bewegung, und zwar nicht nur am Veranstaltungstag, sondern das ganze Jahr über. Viele bereiten sich langfristig vor, und wir unterstützen das aktiv, etwa durch organisierte Lauftreffs, professionelle Betreuung und medizinische Begleitung.

Laufen ist eine der effektivsten Möglichkeiten, die eigene Gesundheit nachhaltig zu fördern. Niemand würde behaupten, dass ein Marathonlauf an sich gesund ist , aber der Weg dorthin ist es. Ähnlich wie beim Bergsteigen: Der Gipfel ist die Herausforderung, aber das Training dorthin bringt die positiven Effekte. Viele entwickeln dadurch einen insgesamt gesünderen Lebensstil – sie rauchen weniger, trinken weniger und bewegen sich regelmäßig. Das verändert auch die eigene Einstellung zur Gesundheit.

Ärzt*in für Wien: Dennoch gibt es Risiken, etwa Verletzungen oder Überforderung. Wann wird Laufen problematisch?

Konrad: Natürlich gibt es Verletzungen, das gehört zum Sport dazu. Und ja, manche überschätzen sich auch. Aber im Vergleich zu den Anfängen des Vienna City Marathons sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer heute deutlich besser vorbereitet. Sie trainieren strukturierter und verfügen über wesentlich mehr Wissen rund um Belastung, Regeneration und Wettkampf.

Diese Entwicklung zeigt, wie positiv sich der Laufsport insgesamt verändert hat. Menschen setzen sich intensiver mit ihrer eigenen Gesundheit auseinander und lernen, ihre Belastungsgrenzen besser einzuschätzen.

Ärzt*in für Wien: Welche Tipps geben Sie als ehemaliger Spitzensportler und langjähriger Organisator Menschen, die sich auf einen Marathon vorbereiten möchten?

Konrad: Man sollte mehrere Aspekte im Blick behalten. Natürlich möchte jeder die Strecke möglichst schnell bewältigen, das ist legitim. Gleichzeitig ist es entscheidend, die eigene Vorbereitung realistisch einzuschätzen: War das Training durchgehend? Gab es Verletzungen? Wie sind die Bedingungen am Wettkampftag?

Wenn die Umstände nicht optimal sind, sollte man die eigenen Erwartungen anpassen. Es geht darum, sich nicht zu überfordern und gesund zu bleiben. Es gibt viele weitere Läufe und Gelegenheiten. Entscheidend ist, den eigenen Ehrgeiz im richtigen Maß zu halten. Nur so bleibt Laufen langfristig gesund und nachhaltig.

„Wir bringen Menschen in Bewegung, und zwar nicht nur am Veranstaltungstag, sondern das ganze Jahr über.“
Beine mit bunten Laufschuhen
Laut dem Institut für Freizeit- und Tourismusforschung betreiben in Österreich schätzungsweise rund 1,8 Millionen Menschen Laufsport.
iStock/amriphoto.com
Mann um die sechzig Jahre
Wolfgang Konrad organisierte 35 Jahre lang den Vienna City Marathon
VCM Group
 
© Ärztin für Wien | 04.05.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/index.php/panorama/vom-fruehlingslauf-zum-megaevent-das-ganz-oesterreichweit-bewegt