Starke Ausbildung, starke Medizin
Starke Ausbildung, starke Medizin

„Ausbildung ist nicht eindimensional“

Im Gespräch mit Andreas Valentin, Primararzt und Ausbildungsverantwortlicher der Klinik Donaustadt des Wiener Gesundheitsverbunds, über Anspruch, Realität und Entwicklung der ärztlichen Ausbildung.

Kathrin McEwen

Die ärztliche Ausbildung in Österreich sieht sich wachsenden Anforderungen gegenüber. Die Rückmeldungen der Ausbildungsevaluierung, die jedes Jahr zwischen März und April von der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) in Koopera­tion mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) durchgeführt wird, zeigt strukturelle Herausforderungen auf und gibt Hinweise darauf wo der ­Hebel angesetzt werden muss. Ausbildung erfolgt oft neben dem Arbeitsalltag und es fehlt an Zeit, Struktur und klaren Verantwortlichkeiten. Gleichzeitig wird deutlich, dass gute Ausbildung dort gelingt, wo sie bewusst gestaltet wird. Angesichts steigender Erwartungen junger Ärztinnen und Ärzte sowie veränderter Rahmenbedingungen braucht es gezielte Reformen – denn die Qualität der Ausbildung entscheidet über die Zukunft des Gesundheitssystems. Ein Ausbildner teilt seine Einblicke.

Ärzt*in für Wien: Wie definieren Sie persönlich eine gute ärztliche Ausbildung?
Valentin: Eine gute ärztliche Ausbildung hat mehrere Ebenen. Die fachliche ist selbstverständlich zentral – hier gibt es klare Ausbildungsinhalte und Kataloge. Aber mindestens genauso wichtig ist die zweite Ebene: die sogenannten Soft Skills. Dazu zählen der Umgang mit Patientinnen und Patienten, Teamarbeit, Kommunikation und interprofessionelle Zusammenarbeit. Gerade im klinischen Alltag ist das essenziell. Wenn man diese Kultur in einer Abteilung erlebt und vermittelt bekommt, prägt das nachhaltig – fachlich wie menschlich.

Ärzt*in für Wien: Kommen diese Kompetenzen Ihrer Meinung nach im Studium ausreichend vor?
Valentin: Es hat sich einiges verbessert, vor allem durch das Klinisch-Praktische Jahr. Das bringt Studierenden den Klinikalltag näher und ermöglicht echte Einblicke. Viele übernehmen bereits Verantwortung und lernen Abläufe kennen. Dadurch ist der Einstieg ins Berufsleben heute weniger abrupt als früher.

Ärzt*in für Wien: Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen in der Ausbildung?
Valentin: Ein zentrales Thema ist die zunehmende Spezialisierung. Sie ist notwendig, führt aber auch dazu, dass das breite allgemeinmedizinische Verständnis in den Hintergrund rückt. Diese Basis ist jedoch entscheidend für jede ärztliche Tätigkeit. Die derzeitige Struktur – insbesondere die relativ kurze Basisausbildung – bildet das aus meiner Sicht nicht ausreichend ab.

Ärzt*in für Wien: Bedeutet das, dass frühere Ausbildungsmodelle hier Vorteile hatten?
Valentin: In gewisser Weise ja. Der frühere Turnus hat eine breitere Orientierung ermöglicht. Viele haben dadurch unterschiedliche Fächer kennengelernt und sich erst später spezialisiert. Diese Möglichkeit geht zunehmend verloren. Das kann langfristig Auswirkungen auf die Breite und Qualität der medizinischen Ausbildung haben, weil der grundlegende ganzheitliche Zugang zu medizinischen Fragestellungen zunehmend fehlt.

Ärzt*in für Wien: Hat sich auch die Erwartungshaltung junger Ärztinnen und Ärzte verändert?
Valentin: Es gibt Unterschiede, vor allem durch veränderte Arbeitszeitregelungen. Früher war es selbstverständlich, sehr viel Zeit im Spital zu verbringen. Das ist heute streng limitiert und vielleicht auch nicht nur negativ zu bewerten. Entscheidend ist, Ausbildung trotzdem auf hohem Niveau zu ermöglichen, dazu braucht es aber ausreichend Personal. Andere Länder zeigen, dass das durchaus funktioniert.

Ärzt*in für Wien: Welche Erwartungen haben Sie an junge Ärztinnen und Ärzte zu Beginn der Ausbildung? 
Valentin: Es braucht Begeisterung, Offenheit und Motivation. Auch Geduld ist wichtig, wenn es nicht sofort mit einer bestimmten Ausbildung klappt. Es gibt Mangelfächer, wo es nicht so viele Bewerbungen gibt. Auf der anderen Seite gibt es Fächer, wo Gedränge um die Ausbildungsstellen herrscht und talentierten und motivierten Bewerberinnen und Bewerbern abgesagt werden muss, da es nicht genug Ausbildungsstellen gibt. Die Geduld, dranzubleiben, kann wichtig sein, manchmal aber ebenso die Offenheit, sich auch andere Fächer anzusehen.

Ärzt*in für Wien: Welche Rolle spielt Eigeninitiative in der Ausbildung?
Valentin: Eine sehr große. Motivation, Offenheit und die Bereitschaft zur Reflexion sind entscheidend und eine gute Grundlage für die medizinische Ausbildung. Gleichzeitig braucht es aber auch ein Umfeld, das Lernen ermöglicht. Ausbildung ist nicht eindimensional – sie entsteht im Zusammenspiel zwischen engagierten Auszubildenden und unterstützenden Ausbildnern. Vieles in der Medizin ist auch Handwerk, wenn man es so ausdrücken möchte, und es benötigt einerseits die Bereitschaft etwas weiterzugeben, wie andererseits es aufnehmen zu wollen.  

Ärzt*in für Wien: Wie kann man klinisches Denken und Eigenverantwortung fördern?
Valentin: Indem man jungen Kolleginnen und Kollegen etwas zutraut – natürlich unter Supervision. Es geht darum, schrittweise Verantwortung zu übernehmen, Selbstvertrauen zu entwickeln und gleichzeitig die eigenen Grenzen zu erkennen. Diese Balance ist entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung. Und da kann es jemanden geben, der es sehr schnell erfasst und umsetzen kann, oder jemanden, der etwas länger braucht. Hier braucht es auch die Offenheit und Verständnis des Ausbildungsverantwortlichen. Gute Ausbildner zeichnen sich dadurch aus, dass Jungmedizinerinnen und -mediziner durch sie Selbstvertrauen gewinnen können.

Ärzt*in für Wien: Wie sieht es mit der Umsetzung der theoretischen Grundlagen aus? 
Valentin: Theorie und Grundlagen brauche ich auf jeden Fall. Ein interessanter Aspekt, der sich in den letzten Jahren geändert hat, ist das Erfassen des medizinischen Grundwissens. Früher hat man es sich über Bücher und Vorlesungen mühsam erwerben müssen. Heute kann man innerhalb weniger Minuten alles online finden. Das wird sich in den nächsten Jahren noch verstärken. Das ist ein Trend, den ich überhaupt nicht negativ sehe. Man darf nur nicht die Fähigkeit zur Reflexion verlieren und das Verhalten, dieses Wissens kritisch zu durchleuchten, welche Informationen richtig und wichtig sind. Früher war es grundsätzlich ein lexikalisches Wissen. Heutzutage geht es mehr um die Kompetenz und die Kapazität, Dinge richtig einzuordnen und zu wissen, wo ich etwas finde und ob das in diesem Kontext Gültigkeit hat oder nicht.

Ärzt*in für Wien: Welche Bedeutung haben Feedback und Mentoring?
Valentin: Eine sehr große. Persönliche Gespräche sind oft wertvoller als standardisierte Fragebögen. Es geht darum, eine Kultur zu schaffen, in der sich Auszubildende gut aufgehoben fühlen und offen Rückmeldung geben können. Diese Atmosphäre ist die Grundlage für erfolgreiche Ausbildung.

Ärzt*in für Wien: Wie erleben Sie die Ausbildungsevaluierung in der Praxis?
Valentin: Sie gewinnt zunehmend an Bedeutung, auch wenn es offene Fragen dazu gibt. Die Rücklaufquoten steigen, das Bewusstsein wächst. Die Papierform und der Umfang des Fragebogens sind für die Teilnahme nicht förderlich. Eine digitale Lösung könnte hier helfen.

Ärzt*in für Wien: Wird das Feedback aus der Evaluierung aktiv genutzt?
Valentin: Noch zu wenig. Die Ergebnisse sind nicht immer leicht zugänglich oder verständlich aufbereitet. Persönliche Rückmeldungen im direkten Gespräch sind derzeit oft hilfreicher. Dennoch hat die Evaluierung ihren Stellenwert – vor allem, wenn sie stärker als wichtige Rückmeldung integriert wird.

Ärzt*in für Wien: Ihr Fazit zur aktuellen Situation?
Valentin: Gute Ausbildung ist der Grundstein für eine auch zukünftig gute medizinische Versorgung in Österreich. Gute Ausbildung entsteht nicht von selbst – sie muss aktiv gestaltet werden und es muss dafür auch investiert werden.

Was ist die Ausbildungsevaluierung? 
Seit 2023 führt die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) gemeinsam mit der ETH Zürich jährlich im März und April die Ausbildungsevaluierung durch. Turnusärztinnen und Turnusärzte sowie Ärztinnen und Ärzte in Basisausbildung füllen dafür Fragebögen aus, die über die Ausbildungsstätten verteilt und anschließend retourniert werden.

Was wird bewertet?
In diesen gleichbleibenden acht Kategorien können die Abteilungen, in denen ausgebildet wird, bewertet werden:
- Globalbeurteilung
- Fachkompetenzen
- Lernkultur
- Führungskultur
- Fehlerkultur
- Entscheidungskultur
- Betriebskultur
- Evidenzbasierte Medizin

Zusätzlich werden in diesem Jahr die Meinungen zu folgenden zwei Modulen abgefragt: 
- Onboarding
- Wahl des Arbeitsplatzes

Wie funktioniert die Ausbildungsevaluierung?
Wichtig ist, dass die Teilnehmerinnen und -nehmer richtig auf der Ausbildungsstelle gemeldet sind – dies kann unter www.meindfp.at ganz einfach selbst überprüft werden.  Das Ausfüllen der Fragebögen dauert etwa zehn bis 15 Minuten und erfolgt anonym – eine Rückverfolgung der Daten ist nicht möglich. Die ausgefüllten Bögen werden im beiliegenden Rücksendekuvert retourniert. Die Ergebnisse werden nach Ausbildungsstätte, Fach und Bundesland gegliedert unter www.aerztekammer.at/ausbildungsevaluierung veröffentlicht. 

Wie erhält man den Fragebogen?
Basisausbildung: Befinden Sie sich in der Basisausbildung, dann erhalten Sie Ihren Fragebogen immer bei Ihrer Ärztlichen Direktion.
Sonderfach/Allgemeinmedizin: Wenn Sie sich in Ausbildung für ein Sonderfach oder für Allgemeinmedizin befinden, erhalten Sie Ihren Fragebogen entweder über Ihre Ärztliche Direktion oder über Ihre Abteilungsleitung bzw. das zuständige Sekretariat. 
Lehrpraxis: Befinden Sie sich in der Lehrpraxis, fragen Sie bitte Ihre Lehrpraxisinhaber oder ihren Lehrpraxisinhaberin.

Sollten Sie keinen Fragebogen erhalten haben, wenden Sie sich bitte an ausbildungsevaluierung@aekwien.at und geben Sie bekannt, an welcher Abteilung bzw. in welchem Spital Sie sich derzeit befinden.

Weitere Informationen auch auf docwiki.aekwien.at/ausbildung/ausbildungsevaluierung

„Gute Ausbildner zeichnen sich dadurch aus, dass Jungmedizinerinnen und -mediziner durch sie Selbstvertrauen gewinnen können."
Mann gestikuliert beim Sprechen
Primararzt und Ausbildungsverantwortlicher Andreas Valentin betont die Wichtigkeit der Eigeninitiative in der Ausbildung.
Stefan Seelig
 
© Ärztin für Wien | 10.04.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/index.php/fuer-aerztinnen/ausbildung-ist-nicht-eindimensional