Gesundheitswesen im Südpazifik
Gesundheitswesen im Südpazifik

Medizin am anderen Ende der Welt

Mitten im Pazifik gelegen, sind die Pitcairn-Inseln vor allem für eines bekannt: Dort landete die englische Besatzung nach der berühmtberüchtigten „Meuterei auf der Bounty“ und machte sich sesshaft. Heute leben 37 Menschen auf der winzigen Hauptinsel, die kaum fünf Quadratkilometer groß ist. Ein top ausgestattetes Gesundheitszentrum gibt es trotzdem, mit nur einem kleinen Haken: Das Personal fehlt.

Eva Kaiserseder

„Mein Mann liebt es, entlegene Reiseziele zu erkunden. Und seit er vor Jahren die Pitcairn-Inseln entdeckt hat, die weit abseits vom Festland mitten im Pazifik liegen und zu den Britischen Überseegebieten gehören, wollte er dorthin. Jetzt, zum runden Geburtstag, war es dann soweit: Keine große Party, sondern lieber eine abenteuerliche Reise und das in Slow Motion“, erzählt die Allgemeinmedizinerin Kerstin Schallaböck den Grund, warum es sie mit ihrem Mann ausgerechnet auf eine abgelegene Insel im Südpazifik gezogen hat. Schon die Anreise ist ein absoluter Organisationsmarathon: Von Tahiti geht es mittels winzigem Flugzeug auf die Gambierinseln. Wer nun meint, es sei nur noch ein Katzensprung auf die Insel: weit gefehlt. Beinah drei Tage dauert die Fahrt auf einem karg ausgestatteten Frachtschiff, das alle 20 Tage nicht nur allerlei Sachgüter auf die Insel bringt, sondern eben auch Touristinnen und Touristen.

Mann und Frau vor Holzschild in Garten
Kerstin Schallaböck mit ihrem polnischen Kollegen, der für sechs Monate auf Pitcairn als Arzt gearbeitet hat. Foto: privat

 

Gesundheitsversorgung als One-Man-Show
Schallaböck hat als Ärztin nach ihrer Ankunft besonders interessiert, wie die Gesundheitsversorgung auf einer derart abgeschiedenen Insel wie Pitcairn funktioniert. „In der Theorie gibt es zwar ein bestens ausgestattetes Health Center, das man sich vom Aufbau her wie eine kleine Spitalsstation vorstellen kann. Was allerdings fehlt, ist Personal. Gerade einmal ein einziger Kollege, ein polnischer Gynäkologe kurz vor der Pensionierung, arbeitete dort gemeinsam mit einer örtlichen Krankenschwester, als wir Ostern 2025 dort waren, ansonsten gibt es niemanden. Meist bleiben die Ärztinnen und Ärzte dort für ein halbes Jahr. Das große Problem dabei ist: In Akutfällen, wenn man etwa eine Notoperation braucht, hat man keine effiziente medizinische Versorgung, obwohl es einen Operationssaal gäbe. Der Chirurg müsste nämlich gleichzeitig auch Anästhesist sein, ein Ding der Unmöglichkeit also“, skizziert Schallaböck die Schwierigkeiten auf der Insel. Bei geplanten Operationen ist man auf Kreuzfahrtschiffe oder den alle drei Wochen vorbeikommenden Frachter angewiesen – Hubschrauber schaffen die Distanz zum Festland nicht: Tahiti ist über 2000 Kilometer entfernt, Neuseeland über 5000 Kilometer. Die Leute sind gesundheitlich aber zum Glück recht gut aufgestellt, weiß Schallaböck, und klassische Wohlstandskrankheiten wie Diabetes oder Hypertonie eher in milder Ausprägung ein Thema. Die Telemedizin ist naturgemäß eine große Hilfe, hier werden alle Möglichkeiten ausgeschöpft. 

Bedrohliche Gesundheitsnotlage
Wer auf Pitcairn krank wird, hat ein Problem, das oft nicht vor Ort zu lösen ist: Grundlegende Gesundheitsdienste werden zwar im Pitcairn Health Center, einem kleinen Gesundheitszentrum in der einzigen größeren Ansiedlung Adamstown, angeboten. Dort arbeitet eine einheimische Krankenschwester gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt aus dem Ausland im üblicherweise halbjährlichen Rotationsverfahren. Allerdings werden dort nur Allgemeinmedizin, Krankenpflege, zahnärztliche Röntgentechnik und Ultraschall angeboten. Die Gesundheitsversorgung wird vom britischen Ministerium für internationale Entwicklung finanziert. Bei Notfällen oder Operationen müssen die Menschen (zeit)aufwändig und kostspielig per Seeweg und weiter mittels Lufttransport nach Tahiti oder Neuseeland gebracht werden. Das dauert zumeist Tage. Demografisch ist die Lage eindeutig: Die Bevölkerung der Pitcairn-Inseln altert rapide. Basierend auf den aktuellen Bevölkerungszahlen werden laut WHO innerhalb von fünf Jahren etwa 80 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner von Pitcairn über 65 Jahre alt sein. Junge Menschen wandern aus, Kinder gibt es keine und Zuwanderung ist de facto nicht vorhanden. 

Früchte und Obst
Obst und Gemüse gedeihen auf der Insel im Überfluss. Foto: privat

 

Mangos mitunter so groß wie Fußbälle
Der Alltag auf der winzigen Insel ist dabei weniger karg, als man vermuten würde. Die Häuser sind an westlichen Standards orientiert und der britische Einfluss unverkennbar. Die Pitcairner sind großteils Selbstversorger, viele bauen Obst und Gemüse an, das dort im Überfluss gedeiht. Dass Mangos so groß wie Fußbälle werden können, sind keine Seltenheit. Gleichzeitig gibt es einen Supermarkt, der erstaunlich gut sortiert ist. „Dieser Supermarkt hat zwar nur zweimal pro Woche offen, aber man bekommt dort alles, was man braucht, selbst nicht gerade überlebenswichtige Dinge wie Erdnussbutter oder Cornflakes. Importiert wird das alles größtenteils aus Neuseeland. Dabei sind Tiefkühltruhen, von denen jede Familie einige besitzt, für die Lagerung extrem wichtig", skizziert Schallaböck die Ernährung auf der Insel. Die Bewohnerzahlen sind dabei seit Jahren sukzessive sinkend, seit einem Allzeithoch 1937, als die Insel 233 Einwohnerinnen und Einwohner zählte. Als Konsequenz der überalterten Bevölkerung und dem fehlenden Nachwuchs steht die kleine Schule in Adamstown, Hauptstadt und gleichzeitig einzige Ansiedlung auf der Insel, auch seit einigen Jahren leer.

Meer und Felsen
Endlose Sandstrände, Meeresrauschen und Palmen? Fehlanzeige auf Pitcairn. Foto: privat

 

Filmkulisse vs. schwierige Realität
Pitcairn ist übrigens vom Südseeklischee, pittoreske Sandstrände so weit das Auge reicht, denkbar weit entfernt. Vielmehr entspricht die Insel einem schroffen Felsen mit üppiger Vegetation in tropischem Klima. Naturgemäß gibt es auf dieser Kleinstinsel auch keinen Hafen, sondern nur die sogenannte „Bounty Bay" als wichtigste Anlegestelle. „Es ist schon ziemlich abenteuerlich, wie Touristinnen und Touristen hier landen, man orientiert sich am Wellengang und wird quasi via Langboot an Land gespült", erinnert sich Schallaböck an ihre Ankunft. Übrigens liegen in der Bucht noch heute Reste der Bounty in wenigen Metern Tiefe, die neun verbliebenen Meuterer verbrannten den britischen Dreimaster 1790 und wurden dann auf Pitcairn sesshaft. Fast alle heutigen Bewohnerinnen und Bewohner stammen von ihnen und deren einheimischen Frauen ab. Die Realität war allerdings wenig idyllisch, sondern geprägt von Fehden der Familien untereinander und viel Gewalt. In der jüngeren Geschichte, rund um die Jahrtausendwende, wurde zudem ein Missbrauchsskandal auf der Insel publik, der in der hermetisch abgeriegelten Inselbevölkerung stattgefunden hat und von der Außenwelt lange nicht bemerkt wurde. Erst nach einem Auslandsaufenthalt einer jungen Pitcairnerin in Neuseeland wurde das Thema bekannt und die Justiz aktiv, ein Großteil der männlichen Bevölkerung Pitcairns wurde zu Haftstrafen verurteilt. „Das Thema ist nach wie vor präsent, aber es wird kaum darüber geredet, es ist natürlich ein höchst sensibler Bereich", sagt Schallaböck dazu. 

Die Inselbewohnerinnen und -bewohner sind grundsätzlich extrem gastfreundlich und pflegen ein reges Sozialleben, auch für den Tourismus, ein wichtiger Wirtschaftszweig, bemühe man sich, so Schallaböcks Wahrnehmung. Denn trotz oder wegen der völligen Abgeschiedenheit der Insel ist dieser ein großes Thema und Pitcairn für viele, die unkonventionell reisen wollen, eine reizvolle Destination. „Fast immer gibt es Besuch aus dem Ausland. Die Touristinnen und Touristen kommen dann bei Gastfamilien unter, man fühlt sich dann plötzlich wieder wie ein Austauschschüler", schmunzelt sie. Fazit ihres Aufenthaltes, der zwar nur einige Tage gedauert hat, aber extrem intensiv war: „Ich habe es wirklich spannend gefunden, sich wie in einer Filmkulisse zu fühlen, so unwirklich war das alles. Dabei stößt man aber auf eine Gesellschaft, die ganz ähnliche Probleme hat wie der Rest der Welt auch."

Als Ärztin/Arzt auf Pitcairn arbeiten?

Wenn Sie Interesse haben, auf der Insel als Ärztin oder Arzt zu arbeiten: Kerstin Schallaböck steht für Fragen und weiterführende Infos unter ordination@schallaboeck.at gerne zur Verfügung. 

Insel mit Meer, Felsen und Holzsteg
Eine der entlegensten Inseln der Welt: Pitcairn, mitten im südöstlichen Pazifik.
Foto: privat
 
© Ärztin für Wien | 23.07.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/index.php/panorama/medizin-am-anderen-ende-der-welt