Gendersensible Kommunikation in der Medizin
Gendersensible Kommunikation in der Medizin

„Sprache schafft Vertrauen“

Wie beeinflusst Sprache die medizinische Versorgung? Chirurgin Mariam Vedadinejad befasst sich intensiv mit Inklusion und hat im März einen Vortrag zu gendersensibler Sprache in der Medizin in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien gehalten. Im Interview erklärt sie, warum gendersensible Kommunikation ein Schritt zu mehr Fairness im Gesundheitssystem ist.

Stefan Eckerieder-Donovan

 

Ärzt*in für Wien: Sie halten Vorträge zu gendersensibler Sprache in der Medizin. Was konkret ist damit gemeint?

Vedadinejad: Sprache lebt. Sie ist kein starres Konstrukt, sondern spiegelt immer auch unsere gesellschaftliche Realität wider. Das sieht man etwa daran, dass ständig neue Wörter entstehen oder Begriffe eine neue Bedeutung bekommen. Inklusive Sprache ist Ausdruck der Vielfalt der Gesellschaft: Es gibt unterschiedliche Lebensrealitäten, Geschlechtsidentitäten und Hintergründe. Diese Diversität sollte sich auch in der Sprache widerspiegeln – besonders in einem Bereich wie der Medizin, in dem Vertrauen und Kommunikation eine zentrale Rolle spielen. Gendersensible Sprache ist eine Ausdrucksweise, die alle Geschlechter berücksichtigt. Ziel ist es, Diskriminierung zu vermeiden und Vielfalt abzubilden. Es geht also nicht nur ums „Gendern“ im engeren Sinn, sondern darum, Menschen unabhängig von Geschlecht oder Geschlechtsidentität respektvoll anzusprechen.

Ärzt*in für Wien: Welche Personen profitieren besonders von gendersensibler Kommunikation im medizinischen Kontext?

Vedadinejad: Besonders profitieren Menschen, die im Gesundheitssystem häufiger Diskriminierung oder Unsicherheit erleben. Dazu zählen vor allem Trans- und Interpersonen, deren Geschlechtsidentität oft nicht mit den Erwartungen des Umfelds übereinstimmt und die deshalb im medizinischen Alltag häufiger auf Vorurteile oder Missverständnisse stoßen. Auch alle anderen Mitglieder der LGBTQIA+-Community profitieren von einer inklusiven Kommunikation. Sie sorgt dafür, sich ernstgenommen und respektiert zu fühlen. 

Darüber hinaus betrifft das auch Menschen mit Migrationshintergrund, BIPoC-Personen sowie Menschen in prekären Lebenssituationen. Diese Gruppen erleben im Alltag häufiger strukturelle Benachteiligung und bringen daher oft ein geringeres Vertrauen in Institutionen – auch in das Gesundheitssystem – mit.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die sogenannte Intersektionalität: Diskriminierungsformen treten häufig nicht isoliert auf, sondern überschneiden sich. Besonders stark betroffen sind daher beispielsweise schwarze Frauen, insbesondere schwarze Transfrauen, also Menschen, die mehreren marginalisierten Gruppen gleichzeitig angehören.

Inklusive Sprache kann hier eine wichtige Rolle spielen. Sie signalisiert Respekt, schafft Vertrauen.

Ärzt*in für Wien: Inwiefern hat die Verwendung gendersensibler Sprache Auswirkungen auf die Behandlung selbst?

Vedadinejad: Wenn Menschen Vertrauen haben und sich respektiert fühlen, steigt die sogenannte Behandlungscompliance, also die Bereitschaft, medizinische Empfehlungen zu befolgen.

Patientinnen und Patienten nehmen eher Vorsorgeuntersuchungen wahr, halten Therapiepläne besser ein und wechseln seltener die behandelnde Ärztin oder den Arzt. Das verbessert langfristig nicht nur die individuelle Gesundheit, sondern entlastet auch das Gesundheitssystem.

Gerade Menschen in prekären Lebenssituationen oder marginalisierte Gruppen leiden häufig an multiplen oder bereits weit fortgeschrittenen Erkrankungen, weil sie lange keine medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Eine inklusive Sprache kann dazu beitragen, diese Hürden zu reduzieren.

Insgesamt sorgt gendersensible Kommunikation daher für mehr Fairness im Zugang zur medizinischen Versorgung und letztlich auch für bessere Behandlungsergebnisse.

Ärzt*in für Wien: Hat die Verwendung von inklusiver Ausdrucksweise auch medizinische Auswirkungen?

Vedadinejad: Ja, denn gerade im Gesundheitswesen zeigt sich, wie stark Sprache und Kommunikation den Zugang zu medizinischer Versorgung beeinflussen können. Studien zeigen, dass bestimmte Gruppen, etwa Transmenschen oder Menschen aus marginalisierten Communities, deutlich seltener medizinische Leistungen in Anspruch nehmen. Gründe dafür sind negative Erfahrungen oder die Angst vor Diskriminierung.

Viele Menschen haben bereits erlebt, dass sie im medizinischen Kontext auf ihre Geschlechtsidentität reduziert werden oder nicht ernst genommen werden. Wenn jemand etwa als Transperson mit gesundheitlichen Beschwerden kommt und sofort davon ausgegangen wird, dass alles mit einer Hormontherapie zusammenhängt, wird die eigentliche medizinische Fragestellung schnell aus dem Blick verloren. Solche Erfahrungen führen dazu, dass Betroffene medizinische Termine vermeiden. Dadurch werden Vorsorgeuntersuchungen seltener wahrgenommen und Erkrankungen häufig erst in einem späteren Stadium erkannt. 

Wiederholte Diskriminierungserfahrungen können zudem zu sogenanntem Minority Stress führen – einer dauerhaften psychischen Belastung, die entsteht, wenn Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Minderheit immer wieder Vorurteilen oder Ausgrenzung ausgesetzt sind. Studien zeigen auch, dass in betroffenen Gruppen psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen häufiger auftreten. Gendersensible Kommunikation kann hier eine wichtige Rolle spielen, weil sie Respekt und Offenheit signalisiert und dazu beiträgt, Barrieren abzubauen. Wenn Menschen sich respektiert fühlen, fällt es ihnen leichter, offen über Beschwerden zu sprechen und medizinische Hilfe anzunehmen. Das stärkt das Vertrauensverhältnis zwischen Ärztinnen, Ärzten und Patientinnen und Patienten.

Ärzt*in für Wien: Können Sie ein Beispiel geben?

Vedadinejad: Ein praktisches Beispiel ist der Umgang mit Anrede und Pronomen. Das beginnt bereits bei der Anmeldung. Wenn eine Person mit „Herr“ oder „Frau“ aufgerufen wird und diese Anrede nicht zum Erscheinungsbild passt, kann das für die betroffene Person sehr unangenehm sein, weil sie vor allen anderen im Wartezimmer sichtbar gemacht und möglicherweise in eine Situation gebracht werden, die sich wie eine Bloßstellung anfühlt.

Dabei ließe sich das sehr einfach vermeiden, etwa indem man Patientinnen und Patienten einfach nur mit ihrem Namen aufruft und keine Pronomen verwendet. Kleine Veränderungen in der Kommunikation können hier bereits einen großen Unterschied machen. Wenn bei der Behandlung die Unsicherheit aufkommt, wie eine Person angesprochen werden will, ist der beste Weg einfach nachzufragen, „Wie möchten Sie angesprochen werden?“.

Nachfragen ist in der Regel kein Problem. Wichtig ist vielmehr, respektvoll damit umzugehen, wenn jemand darauf hinweist, dass ein falsches Pronomen verwendet wurde. Dann reicht eine kurze Entschuldigung und Korrektur.

Ein weiteres Beispiel betrifft die medizinische Perspektive selbst. Es ist wichtig, Menschen nicht ausschließlich über eine bestimmte Eigenschaft – etwa ihre Transidentität – zu definieren. Sonst besteht zum einen die Gefahr, dass medizinische Beschwerden vorschnell auf diese Eigenschaft zurückgeführt werden und auf der anderen Seite, dass sich die zu behandelnde Person mit ihren Anliegen nicht wahrgenommen fühlt. 

Ärzt*in für Wien: Profitieren auch Ärztinnen und Ärzte von einer inklusiven Kommunikation?

Vedadinejad: Ja, auf jeden Fall. Wenn Patientinnen und Patienten Vertrauen haben und sich respektiert fühlen, verläuft auch die Behandlung meist ruhiger und konstruktiver. Gespräche sind offener, medizinische Empfehlungen werden eher angenommen und es entstehen weniger Missverständnisse.

Für Ärztinnen und Ärzte bedeutet das letztlich eine bessere Grundlage für medizinische Entscheidungen. Eine bewusste Kommunikation hilft auch dabei, eigene Vorannahmen oder Bias zu reflektieren und dadurch mögliche Behandlungsfehler zu vermeiden. Eine inklusive Kommunikation hilft also nicht nur den Patientinnen und Patienten, sondern auch Ärztinnen und Ärzten, medizinische Entscheidungen sorgfältiger zu treffen.

Kurz erklärt:

Gendersensible Sprache: Eine Ausdrucksweise, die alle Geschlechter sichtbar macht und respektvoll anspricht, um Diskriminierung zu vermeiden.

Inklusive Sprache: Sprachgebrauch, der unterschiedliche Identitäten, Lebensrealitäten und Hintergründe berücksichtigt und niemanden ausschließt.

Pronomen: Wörter wie „er“, „sie“ oder „they“, mit denen Personen angesprochen werden. Manche Menschen bevorzugen bestimmte Pronomen beziehungsweise, dass kein Pronomen verwendet wird.

Transperson / Transmensch: Eine Person, deren Geschlechtsidentität nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht.

BIPoC: Abkürzung für „Black, Indigenous and People of Color“. Der Begriff beschreibt Menschen, die von strukturellem Rassismus betroffen sind.

Intersektionalität: Das Konzept der Intersektionalität wurde von der US-Juristin und Bürgerrechtsaktivistin Kimberlé Crenshaw entwickelt und beschreibt, wie sich verschiedene Formen von Diskriminierung – etwa aufgrund von Geschlecht, Herkunft oder sexueller Orientierung – überschneiden und gegenseitig verstärken können.

Gerade Menschen in prekären Lebenssituationen oder marginalisierte Gruppen leiden häufig an multiplen oder bereits weit fortgeschrittenen Erkrankungen, weil sie lange keine medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Eine inklusive Sprache kann dazu beitragen, diese Hürden zu reduzieren.
Frau steht an der Mauer gelehnt
Mariam Vedadinejad empfiehlt die Verwendung inklusiver Sprache auch im medizinischen Kontext.
Foto: Stefan Eckerieder-Donovan
Studien zeigen, dass bestimmte Gruppen, etwa Transmenschen oder Menschen aus marginalisierten Communities, deutlich seltener medizinische Leistungen in Anspruch nehmen. Gründe dafür sind negative Erfahrungen oder die Angst vor Diskriminierung.
 
© Ärztin für Wien | 10.04.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/index.php/medizin/sprache-schafft-vertrauen