Kommentar von außen
Kommentar von außen

Gendermedizin ist Brücke zur Präzisionsmedizin

Die Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer über Fragen rund um Medizin, die sich die Gesellschaft dringend stellen sollte, welche Unterschiede sich bei den Geschlechtern von Zellforschung bis hin zur biomedizinischen Grundlagenforschung ergeben und warum ihr Fach alle Menschen betrifft. 

Alexandra Kautzky-Willer

Gendermedizin hat in den letzten 15 Jahren stetig an Bedeutung gewonnen und ist mittlerweile ein wesentlicher Bereich der Medizin, der alle Fachgebiete betrifft. Die Anzahl herausragender Forschungsergebnisse und Publikationen stieg zuletzt steil an und viele renommierte Universitäten haben Gendermedizin in den Lehrplan der Studierenden integriert.
Gendermedizin befasst sich mit Unterschieden aber auch Gemeinsamkeiten zwischen Männern und Frauen beziehungsweise allen Geschlechtern in Bezug auf Erhaltung und Förderung der Gesundheit, sowie der Entstehung, Behandlung und den Auswirkungen von Krankheiten. Unterschiede finden sich von der Zellforschung, der biomedizinischen Grundlagenforschung, über weibliche und männliche Tiermodelle bis zu klinischen Studien. Sie sind einerseits biologisch bedingt durch die Unterschiede in den Sexualhormonspiegeln und den Geschlechtschromosomen und andererseits durch psychosoziale und kulturelle Einflüsse und Umweltfaktoren sowie epigenetische Effekte mitverursacht. Das komplexe Zusammenspiel all dieser Faktoren macht Gendermedizin besonders spannend, aber auch herausfordernd.

Fragen im Wandel der Gesellschaft neu stellen 

Gendermedizin ist gesellschaftspolitisch eingebettet und deshalb müssen viele Fragen im Wandel der Gesellschaft immer wieder neu gestellt werden, Veränderungen über Generationen geprüft werden. Gendermedizin steht im Spannungsfeld zwischen historischen, politischen, wirtschaftlichen und kommerziellen Kräften und der Wissenschaft und dem Fortschritt. In Umfragen fordern Menschen mehr Wissen über Geschlechterunterschiede in der Diagnose und Behandlung und Gendergerechtigkeit in der Medizin. Gendermedizin braucht Förderung für die Forschung und die klinische Anwendung. In der Praxis umgesetzt können neue Erkenntnisse zu gender-sensitiven innovativen Konzepten zu Prävention und Therapie von Krankheiten und zielgruppenspezifischer Rehabilitation beitragen. Frauen profitieren vor allem durch eine Verringerung des Gender-Data-Gaps und frauenspezifische Lebensphasen-angepasste Präventionsmaßnahmen. Weniger Fehldiagnosen und raschere Diagnosen von Krankheiten, eine Verminderung von Nebenwirkungen und die Auswahl effizienterer Therapien können daraus resultieren. Frauen werden insgesamt vor allem von einer Verlängerung der gesunden Lebensspanne profitieren. Männer profitieren vor allem von einer besseren Einbindung von psychosozialen Einflussfaktoren in der Männergesundheit und speziell von einer Verringerung der vorzeitigen Sterblichkeit. Ein weiterer Ausbau der Forschung und eine Vertiefung der internationalen und interdisziplinären Kooperationen und letztlich eine breite Umsetzung in die Praxis kann also nur Mehrwert für alle bedeuten. 

 

 

Frau in Arztkittel
Alexandra Kautzky-Willer
Foto: MedUni Wien, Feelimage
 
© Ärztin für Wien | 10.04.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/index.php/gesundheitspolitik/gendermedizin-ist-bruecke-zur-praezisionsmedizin