„Eine Erkrankung, für die man sich Zeit nehmen muss“
ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom) ist eine Erkrankung, die die Lebensqualität stark einschränkt. In Österreich sind schätzungsweise zehntausende Menschen betroffen. Was ärztliche Gutachterinnen und Gutachter beachten müssen, erläutert Peter Poslussny, Gutachter-Referent der Kammer für Ärztinnen und Ärzte.
Ärzt*in für Wien: Das Gutachter-Referat der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien hat Ende November ein Fachsymposium zum Thema ME/CFS initiiert. Was war das Ziel der Veranstaltung?
Poslussny: Unser Anspruch war, die Kolleginnen und Kollegen, insbesondere jene, die als ärztliche Gutachterinnen und Gutachter tätig sind, für das Thema ME/CFS zu sensibilisieren und die Krankheit aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Vor allem wollten wir Wege zu Verständnis, Forschung und Versorgung aufzeigen. Die Krankheit ist zwar mittlerweile bekannter als früher, aber nach wie vor wenig sichtbar – und zwar in dem Sinn, dass Betroffene aufgrund ihres Zustandes nicht oder kaum am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Um das Thema möglichst umfassend zu erörtern, war es uns ein Anliegen, ein breites Podium auf die Beine zu stellen, mit Fachärzten der Neurologie, dem Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwalt sowie der Präsidentin des Bundesverbandes Selbsthilfe Österreich.
Ärzt*in für Wien: Welche Erfahrungen haben Sie selbst als Gutachter in Fällen von ME/CFS-Betroffenen gemacht?
Poslussny: Es ging dabei in erster Linie um Betroffene, mit denen ich aufgrund eines Antrags auf Pflegegeld zu tun hatte. Das sind teilweise wirklich harte Schicksale von Menschen, oft mit guter Ausbildung und mitten im Leben stehend, die durch diese Erkrankung völlig aus der Bahn geworfen wurden. Wenn man an ME/CFS erkrankt, ist durch die notwendige Unterstützung, die man im Alltag benötigt, automatisch auch das enge Umfeld massiv betroffen und ich habe gesehen, wie belastend das auch für die nahen Angehörigen ist. Mein Appell ist wirklich, dass man sich als Gutachterin und Gutachter für diese Erkrankung ausreichend Zeit nimmt, sich die Lebensumstände der Betroffenen gut anschauen und eine genaue Anamnese machen sollte. Im Zweifelsfall ist es ratsam, Kolleginnen und Kollegen aus dem Fachbereich Neurologie hinzuzuziehen.
Ärzt*in für Wien: Wie könnte man die Kolleginnen und Kollegen, die in Fällen von ME/CFS begutachten, noch besser unterstützen?
Poslussny: Eine Möglichkeit wären Schulungen der Fachgruppe für Neurologie für Gutachterinnen und Gutachter beziehungsweise eine Anlaufstelle der Fachgruppe, wo sich die Kolleginnen und Kollegen bei Fragen hinwenden könnten.
Ärzt*in für Wien: Welche Pläne hat das Gutachter-Referat für 2026?
Poslussny: Am 23. September wird das dritte Symposium für ärztliche Sachverständige stattfinden und am 4. Dezember ist Fixtermin für unsere große Forensisch-Psychiatrische Tagung. Nähere Informationen dazu werden wir wie üblich über die Informationskanäle der Kammer kommunizieren.
