Reproduktionsmediziner Heinz Strohmer
Reproduktionsmediziner Heinz Strohmer

„Optimierte Kinder, optimierte Medizin?“

Vom Embryonen‑Screening bis zum Wearable: Neue Technologien loten die Grenzen zwischen gesund und krank teils schon in der Zeugungsphase aus. Reproduktionsmediziner Heinz Strohmer über Optimierungsdruck, Ethik und die Frage, welche Rolle Ärztinnen und Ärzte in einer von Künstlicher Intelligenz geprägten Medizin noch spielen werden.

Stefan Eckerieder

Ärzt*in für Wien: Sie setzen sich als Reproduktionsmediziner intensiv mit neuen Technologien und gesellschaftlichen Trends in der Medizin auseinander. Welche Entwicklungen nehmen Sie wahr und wie wirken sie sich auf Ihre tägliche Arbeit aus?
Strohmer: Zunächst sehen wir einen ungebrochen starken Kinderwunsch, aber in sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten. Die klassische „Mann–Frau–Ehe“ ist längst nicht mehr das einzige Modell. Wir behandeln verheiratete und unverheiratete heterosexuelle Paare, lesbische Paare, alleinstehende Frauen, ebenso Patientinnen und Patienten nach Geschlechtsangleichung. Jede dieser Konstellationen bringt eigene Erwartungen, Bedürfnisse und rechtliche Rahmenbedingungen mit sich. Das Spektrum der Menschen, die zu uns kommen, hat sich in wenigen Jahren dramatisch erweitert und die Reproduktionsmedizin hat darauf reagiert. Auch gesetzliche Änderungen haben diese Öffnung unterstützt.
 

Ärzt*in für Wien: Wie verändert sich die Reproduktionsmedizin durch neue Verfahren?
Strohmer: Die Technik hat sich rasant weiterentwickelt. Wir können Embryonen heute deutlich länger im Labor kultivieren, bis zum fünften oder sechsten Tag. Das erlaubt differenziertere Beurteilungen und eröffnet neue diagnostische Optionen. International, weniger in Österreich, ist ein starker Trend zur genetischen Analyse von Embryonen zu beobachten. Der klassische Fokus lag früher auf groben chromosomalen Störungen. Heute geht es zunehmend um eine viel feinere Risikoabschätzung: Welche Wahrscheinlichkeit hat dieses künftige Kind, später etwa an Diabetes, einem Prostatakarzinom oder Bluthochdruck zu erkranken? Für die befruchteten Embryonen wird gewissermaßen ein individuelles Risikoprofil ermittelt und am Ende gilt als „optimaler“ Embryo derjenige mit der niedrigsten Gesamtsumme an Risiken. 

Ärzt*in für Wien: Welche Erwartungen liegen solchen Genanalysen zugrunde?
Strohmer: Die Eltern möchten wissen: Mit welchem Risikogepäck wird dieses Kind in sein Leben starten? Teilweise schwingt sogar die Frage mit, ob sich aus genetischen Daten auch kognitive Fähigkeiten, also Intelligenz, prognostizieren lassen. Erste Studien versuchen, solche Zusammenhänge zu modellieren.
Das zentrale Motiv dahinter ist Optimierung, aber auch Verantwortung für die nächste Generation. Gleichzeitig entsteht ein neues Vergleichsnarrativ: Menschen, die „normal“ gezeugt wurden, könnten sich fragen, warum ihnen diese Optionen verwehrt geblieben sind. Jemand, bei dem später ein 60‑prozentiges Alzheimer‑Risiko festgestellt wird, könnte rückblickend fragen: „Warum hat das niemand schon im Embryostadium erkannt?“

Ärzt*in für Wien: Kann die Medizin diesen Erwartungen überhaupt gerecht werden und welche ethischen Probleme ergeben sich daraus?
Strohmer: Noch befinden wir uns in einer Art Testphase, und vieles von dem, was ich beschrieben habe, ist vor allem ein US‑amerikanischer Trend, der dort auch aktiv vermarktet wird. Damit hat sich der Gesundheitsbegriff fundamental verschoben.
Das prominente Beispiel Angelina Jolie zeigt das gut: Als BRCA‑1‑Trägerin ließ sie sich Brüste und Gebärmutter entfernen, nicht, weil sie krank war, sondern weil sie eine hochgradige Disposition zu einer schweren Erkrankung hatte. War sie in diesem Moment gesund oder krank? Und übertragen auf die Reproduktionsmedizin: Ist ein Mensch mit einem 60‑prozentigen Alzheimer‑Risiko ein gesunder oder ein kranker Mensch oder bewegen wir uns in einem neuen Verständnis, für den wir noch gar keinen Begriff haben?
Ethisch heikel ist zudem die Frage, ob genetische Risikoangaben ein Segen oder ein Fluch sind. Wissen kann entlasten, weil man Verhalten anpassen und Prävention betreiben kann, etwa bei Bluthochdruckrisiko durch Lebensstiländerungen. Aber bei anderen Erkrankungen fehlt die Möglichkeit, das Risiko wirklich substanziell zu senken.

Ärzt*in für Wien: Auch der Trend zum Tracking der eigenen Gesundheitsdaten mittels Wearables spiegelt den Wunsch nach Selbstoptimierung wider. Sehen Sie darin bereits einen konkreten Mehrwert?
Strohmer: Menschen überwachen heute nahezu permanent ihre Gesundheitsdaten wie Schrittzahl, Schlafphasen, Herzfrequenz. Wearables sind Ausdruck eines starken Kontroll- und Optimierungsbedürfnisses. Ob das für alle einen echten Mehrwert bringt, ist allerdings noch nicht eindeutig. Die Uhr teilt mir mit, wie „gut“ ich geschlafen habe und beeinflusst damit meine Tagesstimmung. Das kann motivieren, gesünder zu leben, aber es kann auch verunsichern und Stress erzeugen.Es zeichnet sich ab, dass Beratung zu Apps und Wearables ein eigener Baustein medizinischer Betreuung werden wird. Ein Diabetiker, der aus zwanzig Blutzucker‑Apps wählen kann, braucht jemanden, der diese Tools kennt, die individuelle Situation einschätzt und eine fundierte Empfehlung gibt. Diese Form der „digitalen Gesundheitslotsen“ wird vermutlich ein neues Berufsfeld eröffnen.

Ärzt*in für Wien: All diese Trends spiegeln einen gewachsenen Vorsorgegedanken wider. Muss hier das Gesundheitssystem nachziehen?
Strohmer: Unbedingt. Prävention wird bisher in Österreich strukturell kaum gelebt. Unser System ist nach wie vor primär auf Therapie ausgerichtet. Es gibt wenig groß angelegte, langfristig gedachte Strategien. Wenn wir Wearables, Telemonitoring und genetische Risikoprofile ernsthaft präventiv nutzen wollen, muss sich das System anpassen.

Ärzt*in für Wien: Wie verändert sich der Arztberuf angesichts dieser Entwicklungen?
Strohmer: Wir stehen an der Schwelle zu einer Medizin, die stark von Maschinen abhängt. Viele diagnostische Aufgaben – EKG‑Auswertung, Bildinterpretation, Mustererkennung – können schon heute von KI übernommen werden, oft mit beeindruckender Präzision. Künstliche Intelligenz wird aus den Datenströmen filtern, welche Patientinnen und Patienten akute persönliche Zuwendung brauchen. Die Rolle der Ärztinnen und Ärzte verschiebt sich damit vom primären Diagnostiker hin zum Vermittler, Übersetzer und Begleiter. Wir werden Ergebnisse erklären, einordnen, gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten Entscheidungen treffen und sie durch oft komplexe Krankheitsverläufe begleiten. Kurz gesagt: Empathie, Kommunikation und Entscheidungsbegleitung werden noch zentraler, während viele klassische ärztliche Tätigkeiten technisch unterstützt oder ersetzt werden. 

„Ethisch heikel ist zudem die Frage, ob genetische Risikoangaben ein Segen oder ein Fluch sind.“
Mann sitzt vor Fenster und gestikuliert in Gesprächssituation
Reproduktionsmediziner Heinz Strohmer
Foto: Stefan Seelig
„Wenn wir Wearables, Telemonitoring und genetische Risikoprofile ernsthaft präventiv nutzen wollen, muss sich das System anpassen.“
 
© Ärztin für Wien | 10.04.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/index.php/medizin/optimierte-kinder-optimierte-medizin