Ärzt*in für Wien: Die plötzliche Schließung des AUVA Traumazentrums Wien – Standort Brigittenau / Lorenz Böhler – im März 2024 sorgte für große Aufregung. Was hat sich seither getan?
Brenner: Es fand die sogenannte Dislozierung statt. Der Bereich der ambulanten Versorgung und Nachbehandlung blieb im Lorenz-Böhler, während der stationäre Bereich mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach Meidling übersiedelte. Dort haben sie – wenn man so will – ein kleines „gallisches Dorf“ gegründet: eine eigene Lorenz-Böhler-Station mit OP-Betrieb rund um die Uhr, geführt vom ursprünglichen Personal. Seit Sommer 2024 gibt es im Lorenz-Böhler außerdem eine sehr gut funktionierende Tagesklinik mit bis zu zwölf Eingriff en pro Tag. Parallel dazu hat die AUVA entschieden, ein Ersatzspital in Modulbauweise zu errichten.
Frank: Wir mussten den Standort wegen der bekannten Brandschutzproblematik in kurzer Zeit nahezu vollständig schließen, konnten den Ambulanzbetrieb aber ohne Unterbrechung aufrechterhalten. Innerhalb von vier Wochen erfolgte die Umsiedlung eines ganzen Krankenhauses: Teile der Belegschaft wechselten nach Meidling, Teile der Pflege ins AKH, wo wir eine eigene Station betrieben. Die begonnenen Brandschutzmaßnahmen wurden am Standort intensiviert, darunter Nasssteigleitung und Brandwache. Durch zusätzliche OP-Kapazitäten in Meidling konnten wir den Bedarf decken. Seit Sommer 2024 läuft im Bestandsgebäude Brigittenau eine neue Tagesklinik, hier wurden ca. 5.000 Patientinnen und Patienten versorgt. Die Ambulanz läuft stabil weiter – über 50.000 Patientinnen und Patienten wurden seit der Teilschließung behandelt. Wir haben Strukturen geschaffen, um die unfallchirurgische Versorgung der Stadt uneingeschränkt zu sichern, obwohl wir vom Gesetz her grundsätzlich nur einen Versorgungsauftrag für Arbeitsunfälle haben, die etwa 10 Prozent unseres Patientenguts ausmachen.
Ärzt*in für Wien: Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren von der Dislozierung betroffen, wie ist die Übersiedlung aufgenommen worden?
Brenner: Vor der Teilschließung waren mehr als 60 Ärztinnen und Ärzte hier beschäftigt, insgesamt gab es rund 450 Mitarbeitende. Der größte Teil ist nach Meidling gewechselt, derzeit sind noch etwa ein Dutzend Ärztinnen und Ärzte am Standort tätig. Es wurde eine Sozialvereinbarung abgeschlossen, die sicherstellt, dass niemand benachteiligt wird, weder beim Gehalt noch bei den Arbeitsbedingungen. Längere Anfahrtswege wurden etwa durch Jahreskarten für öffentliche Verkehrsmittel abgefedert, auch Parkmöglichkeiten wurden unterstützt. Trotz aller Kritik, hier hat die AUVA wirklich ein gutes Angebot geschaffen.
Frank: Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zeigen enorme Loyalität. Natürlich war die Situation schwierig, aber die AUVA hat rasch reagiert. Uns war auch wichtig, dass die Teams weitgehend zusammenbleiben. Das ist uns auch mit der Etablierung von zwei sogenannten Böhler- Stationen plus OP am Standort Meidling gelungen.
Ärzt*in für Wien: Neben dem Lorenz-Böhler entsteht derzeit ein neues temporäres Traumazentrum. Wird das Gebäude ein vollwertiger Ersatz für das stillgelegte Gebäude?
Frank: Wien wächst – den Standort Brigittenau braucht die Stadt. Deshalb errichten wir ein Interimsgebäude auf dem Gelände des alten Parkhauses: drei Etagen Stahlbeton, drei Modulbauweise. Wir liegen im Zeitplan; in acht Monaten soll die Fertigstellung erfolgen. Damit bleibt unsere Schlagkraft erhalten. Auch die rekonstruktive Chirurgie kehrt zurück. Es wird ein angeglichenes Behandlungsspektrum wie vor der Teilschließung geben, inklusive Versorgung von Monotraumen und Patientinnen und Patienten an der Intermediate Care Unit (IMCU). Das neue Haus umfasst mit Bestandsgebäude ca. 60 Betten, drei OPs und IMCU-Betten. (Anm. d. Red.: Nach Redaktionsschluss gab die AUVA in einer Pressemitteilung bekannt, dass kein Schockraum für das neue Gebäude geplant ist).
Ärzt*in für Wien: Wie wird der der Bau von der Lorenz-Böhler-Belegschaft aufgenommen?
Brenner: Die Teilschließung hat uns damals wie ein Keulenschlag getroffen, danach hingen wir monatelang in der Luft. Jetzt zu sehen, wie hier täglich etwas wächst, ist eine große Freude – auch weil die Dimensionierung dem entspricht, was wir vorher hatten. Wir wissen, wir werden hier gebraucht. Die Aufteilung zwischen Meidling und Brigittenau ist sinnvoll, Schwerverletzte werden weiterhin nach Meidling gebracht, während wir auf rekonstruktive Chirurgie spezialisiert sind. Diese Zusammenarbeit funktioniert hervorragend.
Ärzt*in für Wien: Wird das Personal vollständig zurückkehren können?
Frank: Wir wissen natürlich noch nicht, wie viele am Tag X tatsächlich ins Lorenz-Böhler zurückwechseln wollen. Der Bedarf wird groß sein. Manche KollegInnen und Kollegen haben aber bereits anklingen lassen, dass sie durchaus am anderen Standort bleiben wollen. Wir werden da niemanden in eine Richtung zwingen, sondern auf Freiwilligkeit setzen.
Brenner: Wenn wir dieses Haus wieder mit Leben füllen wollen, brauchen wir natürlich die Menschen dazu. Ich bin überzeugt, dass das Lorenz-Böhler auch künftig gut mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besetzt sein wird. Natürlich wird nicht jede oder jeder zurückkehren, einige fühlen sich in Meidling inzwischen wohl. Die außergewöhnliche Situation hat die Teams enger zusammengeschweißt. Wichtig ist, dass niemand gezwungen wird, an einem Ort zu arbeiten, an dem er oder sie nicht sein möchte. Das funktioniert bislang sehr gut.

Angrenzend an das AUVA-Traumazentrum in Brigittenau wird aktuell ein Interims-Spital errichtet.
Ärzt*in für Wien: Wie wird es mit dem Bestandsgebäude weitergehen?
Frank: Unser Ziel ist es, mit der Stadt Wien einen modernen Campus für Wissenschaft, Forschung und Traumaversorgung zu schaffen und so den Standort Brigittenau dauerhaft als Zentrum medizinischer Innovation und Ausbildung zu positionieren. Eine entsprechende Vereinbarung mit Stadt und Wirtschaftskammer als Letter of Intent (LOI) liegt vor. Die Finanzierung ist erschwert, da die ehemalige AUVA-Hauptstelle in der Adalbert-Stifter- Straße unter Denkmalschutz steht. Das leere Gebäude darf nicht abgerissen werden und müsste für die Nutzung ohne zeitgemäße Änderungen um rund 30 Millionen Euro saniert werden. Geld, das für den Campus und die Versorgung verwendet werden könnte, liegt dadurch brach. Der Denkmalschutzbescheid wurde deshalb von uns beeinsprucht.
Ärzt*in für Wien: Aktuell muss auch das Primariat am Lorenz-Böhler neu besetzt werden. Wie wichtig ist es, dass hier rasch eine Lösung gefunden wird?
Brenner: Sehr wichtig. Die vergangenen eineinhalb Jahre waren herausfordernd, und auch die Übersiedlung wird kein einfacher Prozess. Es braucht jemanden, der hinter der Mannschaft steht und mit dem sich das Team identifizieren kann – jemand, der den „Böhler-Spirit“ fortführt. Ich bin zuversichtlich, dass die AUVA eine gute Entscheidung treffen wird.
Frank: Die Ausschreibung für die Nachfolge von Primar Hausner ist abgeschlossen, wir sichten gerade die Bewerbungen. Unser Ziel ist, den Standort so rasch wie möglich so wie bisher, mit einer eigenständigen ärztlichen Leitung zu besetzen. Das zeigt: Es gibt keine Einsparungen – das neue Gebäude soll mit Leben gefüllt werden und in bewährter Weise wieder einen Anteil an der unfallchirurgischen Versorgung Wiens beitragen.