Kommentar von außen

Vom Reparatursystem zur Gesundheitskultur

Was bedeutet der gesellschaftliche Umbruch für Medizin und Gesundheit? Zukunftsforscher Tristan Horx, Speaker beim 3. Future Talk der Kammer am 12. Februar 2026, über den Abschied vom reaktiven System, den Aufstieg präventiver Modelle und die zentrale Rolle von Nähe, Vertrauen und Zeit im ärztlichen Alltag.

Tristan Horx
Eine Porträtaufnahme von Zukunftsforscher Tristan Horx - der ein dunkles Gewand trägt und im Hintergrund einen smaragdgrünen Vorhang hat.
Zukunftsforscher Tristan Horx
Foto: Klaus Vyhnalek

Wir befinden uns mitten in einem Epochenübergang vom Industriezeitalter in eine neue Phase gesellschaftlicher Organisation. Dieser Wandel ver­ändert nicht nur Arbeitswelt und Lebensweise, sondern auch unser Verständnis von Gesundheit. Selbstverständlich bleibt auch das Gesundheitssystem davon nicht unberührt. Unsere Gesundheitsversorgung war lange darauf ausgerichtet, Gesundheit wiederherzustellen – mit großem Erfolg: In den vergangenen 150 Jahren hat sich die Lebenserwartung mehr als verdoppelt. Mit den gewonnenen Lebensjahren wächst natürlich jedoch der Wunsch, möglichst lange gesund zu bleiben. Gesundheit wird zunehmend nicht mehr als Reparatur verstanden, sondern als aktive Lebensgestaltung. Das System befindet sich damit im Übergang von einem reaktiven zu einem proaktiven Modell.

Doch unser medizinisches Denken – nicht zuletzt, weil es in der Pandemie so erfolgreich war – ist weiterhin stark im reaktiven Paradigma verhaftet. Gerade weil das System so erfolgreich war: Es sind weit weniger Menschen gestorben als während der Spanischen Grippe. Dieser Erfolg hat jedoch Leerstellen offengelegt, die unter anderem durch Falschinformationen gefüllt werden, die sich über das Internet rasant verbreiten und die Schulmedizin unter Druck setzen. Der gesellschaftliche Druck nach Veränderung trifft auf ein System, das in Teilen an seiner Vergangenheit festhält.

Parallel dazu hat die Pandemie den Generationenwandel im Gesundheitsbewusstsein beschleunigt. Umfragen zeigen, dass Gesundheit für die Gen Z oberste Priorität hat, entgegen der früheren Vorstellung jugendlicher Unverwundbarkeit. Der sinkende Alkoholkonsum ist ein sichtbarer Ausdruck davon. Auch psychische Gesundheit wurde entstigmatisiert. Der Trend zu Eigendiagnosen ist wiederum Ausdruck des begrenzten Vertrauens in das System. Umso wichtiger ist es, den Übergang zu einem proaktiven Gesundheits­system zu gestalten, ohne Errungenschaften der modernen Medizin preiszugeben. ­International werden unterschiedliche Modelle erprobt: In Singapur und Japan ­übernehmen Arbeitgeber stärker Verantwortung für die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden, etwa durch Wearables. In Deutschland sind solche Geräte teils auf Rezept erhältlich. Israel setzt auf ein stark zentralisiertes, hochdigitalisiertes System; in den Niederlanden wird die pauschale Vergütung von Hausärztinnen und Hausärzten erprobt, solange ihre Patientinnen und Patienten gesund bleiben.

Dass junge Menschen diesen Wandel mitgestalten wollen, zeigt der enorme Andrang zum Medizinstudium. Gleichzeitig gehen durch starre Zugangshürden und Hierarchien wertvolle Potenziale verloren. Innovationswillige Ärztinnen und Ärzte wandern nicht selten in andere Bereiche ab. Gerade mit Blick auf Zivilisationskrankheiten wird deutlich: Wir sind gut darin, Krankheiten zu behandeln, aber weniger darin, Gesundheit langfristig zu erhalten. Dafür braucht es neben technologischer auch soziokulturelle Innovation. Nähe, Bindung und soziale Vernetzung spielen eine zentrale Rolle. Ärztinnen und Ärzte werden künftig stärker als Knotenpunkt eines ganzheitlichen Systems wirken, an der Schnittstelle zwischen medizinischer Expertise, technologischer Innovation und sozialer Verbundenheit. 

 

Zur Person:

Tristan Horx, Zukunftsforscher und Speaker: 
www.horx.com
https://thefutureproject.de

„Gerade mit Blick auf Zivilisationskrankheiten wird deutlich: Wir sind gut darin, Krankheiten zu behandeln, aber weniger darin, Gesundheit langfristig zu erhalten.“