Krebsvorsorge

Organisiertes Screening kann die Sterblichkeit bei Prostatakrebs um mehr als die Hälfte senken

Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien empfiehlt die Einführung eines organisierten Prostatakrebsscreenings sowie ein eigenes Männervorsorge-Package als Kassenleistung. Die Vorsorgemaßnahmen sollen für mehr Effizienz und für weniger Krankheitsfälle sorgen.

Katharina Hemmelmair
Ein Mann und eine Frau (rechts) stehen nebeneinander im Rahmen einer Pressekonferenz nebeneinander.
Ein organisiertes Prostatakarzinom-Screening empfehlen Urologe Shahrokh Shariat und Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied.
Foto: Stefan Seelig
„In Österreich gibt es kein strukturiertes, nationales Screening-Programm. Das führt dazu, dass Prostatakrebs häufig erst dann entdeckt wird, wenn es bereits zu spät ist.“
Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied

Männergesundheit im Fokus: Organisiertes, nationales Screening-Programm fehlt
Prostatakrebs ist in Österreich die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Einer von acht Männern erkrankt im Laufe seines Lebens an Prostatakrebs. Die Früherkennung spielt eine wichtige Rolle, denn für eine erfolgreiche Therapie ist essentiell, dass die Krankheit frühzeitig entdeckt wird, und nicht erst, wenn sie symptomatisch ist. „In Österreich gibt es kein strukturiertes, nationales Screening-Programm. Das führt dazu, dass Prostatakrebs häufig erst dann entdeckt wird, wenn es bereits zu spät ist“, sagt Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. „Ein risikoadaptiertes Prostatakrebsscreening – also die richtigen Personen zur richtigen Zeit – könnte nicht nur die Sterblichkeit um mehr als die Hälfte verringern, sondern auch unnötige Behandlungen vermeiden und das Gesundheitssystem entlasten“. Vorsorgeuntersuchungen sind ein zentrales Frühwarnsystem, um die gesunden Lebensjahre zu steigern und Leid zu mindern. Das bestehende Leistungsspektrum ist aber nicht mehr zeitgemäß und muss geschlechterspezifisch erweitert werden. Im Bereich der Männergesundheit bedeutet das die Verankerung eines nationalen organisierten Prostatakrebsscreenings ebenso wie eines „Männervorsorge-Packages“ in der allgemeinen Gesundheitsvorsorge.

Eine Frau spricht gerade sitzend bei einer Pressekonferenz und sieht leicht zur Seite.
Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied. / Foto: Stefan Seelig
Ein Mann spricht sitzend im Rahmen einer Pressekonferenz. Vor ihm ist ein Mikrophon eines TV-Senders.
Shahrokh Shariat, Vorstand der Universitätsklinik für Urologie am AKH Wien. / Foto: Stefan Seelig

Moderne Diagnostik statt Zufallsmedizin
Bei einem risikoadaptierten, organisierten Screening wird eine gezielte Auswahl an Personen nach vordefinierten Intervallen und Regeln aktiv eingeladen, die Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Ähnlich wie beim Brustkrebsscreening bei Frauen. Aktuell finden Testungen (z. B. PSA-Test) nur opportunistisch statt, das heißt wenn der Patient aus Eigeninitiative, etwa bei der jährlichen Gesundenuntersuchung, oder bei unspezifischen Beschwerden in die Ordination kommt. „Das führt zu sozial unfairer Verteilung und Überdiagnosen. Denn urologische Vorsorgeuntersuchungen werden überwiegend von Männern im sehr hohen Alter und Personen mit höherer Bildung beziehungsweise höherem Einkommen in Anspruch genommen“, erklärt Shahrokh F. Shariat, Vorstand der Universitäts-Klinik für Urologie am AKH Wien. Mehr als 50 Prozent der Männer über 80 Jahre werden alle paar Monate auf PSA gescreent. Gleichzeitig bekommt nur rund ein Drittel der Männer zwischen 40 und 70 Jahren überhaupt einen PSA-Test. „Bei älteren Männern kommt es zu zahlreichen unnötigen Testungen, während die Zielgruppe, bei der eine Früherkennung möglich wäre, zu wenig getestet wird.“

Nur zwei bis drei PSA-Tests im Leben bei zielgerichteter Teststrategie 
Bei Männern über 50 Jahren ist die Prostata häufig auch ohne Krebs vergrößert. Dadurch kann der PSA-Wert erhöht sein, obwohl der Mann gesund ist. Hingegen ist bei Männern unter 50 Jahren die Prostata normalerweise noch klein und deshalb der PSA-Wert meist nur erhöht, wenn tatsächlich Prostatakrebs vorhanden ist. Wird der Krebs früh erkannt und behandelt, können schwere Krankheitsverläufe oft verhindert werden. „Bei einer zielgerichteten und effizienten Teststrategie brauchen die meisten Männer nur zwei bis drei PSA-Tests in ihrem Leben“ sagt Shariat. „Männer, die drei Mal im Abstand von fünf Jahren einen PSA-Wert unter eins haben, weisen ein extrem niedriges Risiko auf, jemals an einem klinisch relevanten Prostatakarzinom zu erkranken.“ Überschreitet der PSA-Wert einen festgelegten Grenzwert oder ergibt sich insgesamt ein verdächtiger Befund, wird eine MRT-Untersuchung veranlasst. Bei diesem Vorgehen ist keine digital-rektale Untersuchung mehr erforderlich, die für viele Männer eine Hemmschwelle beim Besuch des Urologen darstellt.

Screening-Konzept ist effizient und kostengünstig
Die große ERSPC-Studie (European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer) zeigt, dass ein organisiertes, strukturiertes Screening die Sterblichkeit durch Prostatakrebs in der Per-Protocol-Analyse um 51 Prozent reduziert. „Durch gezielte Tests werden mehr klinisch relevante Tumore entdeckt. Gleichzeitig kommt es zur Reduktion von Überdiagnosen und schädlichen Eingriffen“, erklärt Shariat die Vorteile. Die erhöhte Genauigkeit macht das System effizienter und kostengünstiger. Damit lassen sich PSA-Tests, MR-Untersuchungen sowie Biopsien signifikant reduzieren und Gesundheitskosten deutlich senken. Die EU-Kommission hat das Ziel ausgegeben, die Prävention durch Krebsfrüherkennung zu stärken. Sie fordert die Mitgliedstaaten dazu auf, ein Programm zum Screening von Prostatakrebs umzusetzen und stellte dafür auch Geld für Pilotprojekte zur Verfügung. „Österreich hat die Chance leider verstreichen lassen und die Förderungen nicht abgeholt“, so Shariat.

Männervorsorge-Package
Im Bereich der Männergesundheit ist darüber hinaus auch ein „Männervorsorge-Package“ notwendig, das im Zuge der jährlichen Vorsorgeuntersuchung durchgeführt werden sollte. Dieses könne dazu beitragen, männerspezifische gesundheitliche Risiken früher zu erkennen, das Gesundheitsbewusstsein zu stärken und die Lebenserwartung sowie die gesunden Lebensjahre von Männern nachhaltig zu verbessern. „Die kürzere Lebenserwartung von Männern ist nicht nur biologisch, sondern auch durch Lebensstil, soziale und medizinische Faktoren verursacht“, sagt Kamaleyan-Schmied. „Auf diese Weise würden auch Männer für ihre Gesundheit sensibilisiert.“ 

Forderungen:

  • Einführung eines organisierten Prostatakrebsscreenings 
  • „Männervorsorge-Package“ als Kassenleistung etablieren
  • EU-Fördermittel für Pilotprojekte und dgl. künftig nutzen

 

Prostatakrebsscreening-Pfad für Männer ab 50:

  • Rekrutierung mittels Einladung 
  • Screening bestehend aus einem ärztlichen Beratungsgespräch, klinischer Untersuchung und PSA-Blutuntersuchung in definierten Intervallen:
    • Erstmaliger PSA-Test im Alter von 50 Jahren. Bei PSA <1 Re-Screening in fünf bzw. zehn Jahren. Danach ist der Screening-Pfad abgeschlossen.
    • Liegt der PSA-Wert zwischen 1 und 2,99, erfolgt das Re-Screening mit einem Abstand von zwei Jahren.
    • Beträgt der PSA-Wert ≥ 3, wird der Test nach zwei bis sechs Wochen wiederholt. Bestätigt sich der Wert, erfolgt eine weitere Abklärung.
  • Bei einem erhöhten oder auffälligen Wert wird berücksichtigt, wie alt die untersuchte Person ist, ob sich der Wert im Verlauf verändert hat und ob andere Risikofaktoren – wie familiäre Vorbelastung – vorliegen. 
  • Überschreitet der PSA-Wert einen bestimmten Grenzwert oder erscheint insgesamt verdächtig, wird ein MRT veranlasst. 
  • Nur wenn das MRT auffällig ist, wird eine Biopsie durchgeführt. 
„Bei älteren Männern kommt es zu zahlreichen unnötigen Testungen, während die Zielgruppe, bei der eine Früherkennung möglich wäre, zu wenig getestet wird.“
Universitätsprofessor Shahrokh F. Shariat