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Vorsorge

„Österreich braucht endlich eine nationale Männergesundheitsstrategie“

Shahrokh Shariat, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie, erklärt, warum der „Movember“ als Awareness-Monat für Männergesundheit nicht ausreicht und warum das Fehlen einer nationalen politischen Strategie schwerwiegenden Folgen hat. Er verweist auf die Wichtigkeit, einen stärkeren Fokus auf Prostatavorsorge, Fertilität, Testosteronspiegel und die Enttabuisierung erektiler Dysfunktion zu legen.

Stefan Eckerieder
Der Arzt Shahrokh Shariat sitzt an einem Tisch, die Hände vor sich zusammengetan, und hat einen weißen Arztkittel an und trägt eine blaue Krawatte. Er trägt ebenso eine Brille und blickt direkt in die Kamera.
Shahrokh Shariat: "Männergesundheit kommt im öffentlichen Diskurs fast nicht vor."
Foto: feelimage/Matern
„Testosteron spielt eine zentrale Rolle für die Männergesundheit. Etwa 20 Prozent der Männer über 60 Jahren, mit steigender Tendenz, haben zu niedrige Werte – mit Folgen wie Depressionen, Schlafstörungen, Muskel- und Libidoverlust.“

Ärzt*in für Wien: Der Movember steht im Zeichen der Männergesundheit. Warum braucht es diesen Monat überhaupt?
Shariat: Weil Männergesundheit im öffentlichen Diskurs fast nicht vorkommt. Wenn wir über Gendermedizin sprechen, geht es meist um Frauengesundheit. Zur Männergesundheit existiert in Österreich kein einziges Strategiepapier. Der Movember ist daher eine der wenigen Initiativen, die das Thema überhaupt sichtbar machen. Dennoch darf der Awareness-Monat kein Ersatz für politische Verantwortung sein. In Australien, wo diese Kampagne ihren Ursprung genommen hat, funktioniert sie deshalb so gut, weil es dort eine nationale Männergesundheitsstrategie gibt. Österreich braucht das auch: gezielte Aufklärung, niederschwellige Vorsorgeangebote und Forschung. Wenn wir das schaffen, können wir nicht nur Leben verlängern, sondern auch Lebensqualität gewinnen. Der sogenannte Gender-Age-Gap zwischen Frauen und Männern beträgt etwa fünf Jahre. Ein Jahr davon ist biologisch bedingt, aber mehr als vier Jahre gehen durch vermeidbare Krankheiten verloren. 

Ärzt*in für Wien: Welche Erkrankungen sind für Männer besonders relevant?
Shariat: Etwa drei von vier Suiziden werden von Männern begangen. Das ist ein Zeichen dafür, wie stark etwa auch psychische Erkrankungen bei Männern unterschätzt und oft nicht diagnostiziert werden. Auch weil Männer das erst später als Erkrankung wahrnehmen. Einer von fünf Männern stirbt vor dem 65. Lebensjahr an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Männer sterben auch 16 Prozent häufiger an Tumoren als Frauen – und zwar bei fast allen Krebsarten, die beide Geschlechter betreffen. Ein großes Thema ist das Prostatakarzinom: Es ist der häufigste Tumor beim Mann, mit rund 7.500 Neuerkrankungen pro Jahr, damit auch häufiger als Brustkrebs bei Frauen. Trotzdem gibt es im Gegensatz zum Brustkrebsscreening bei Frauen kein organisiertes Screening für das Prostatakarzinom. Frauen erhalten Einladungsschreiben zum Brustkrebsscreening – Männer aber keine Erinnerung zur Prostatavorsorge.

Ärzt*in für Wien: Erklärt die fehlende Strategie bei Männergesundheit, dass Männer seltener Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen als Frauen? 
Shariat: Es führt zum einen dazu, dass Männer seltener zu Vorsorgeuntersuchungen gehen, aber auch, dass es ihnen häufiger an Gesundheitsbewusstsein mangelt. In Österreich fehlt es bei den Verantwortlichen in der Gesundheitspolitik am Willen, Männergesundheit als eigenständiges Thema, wenn es um Vorsorge und Aufklärung geht, wahrzunehmen. Obwohl wir als Fachgesellschaft für Urologie und Andrologie immer wieder auf die Notwendigkeit hinweisen, in Form von Schreiben, aber auch in persönlichen Gesprächen. Trotzdem wird bisher nichts unternommen. Die EU-Kommission empfiehlt seit 2022, ein EU-weites Screening-Programm aufzubauen, dennoch wurde das Thema in Österreich bisher nicht angegangen. Dabei könnten wir mit einem organisierten Programm die Sterblichkeit beim Prostatakarzinom um 30 bis 50 Prozent senken. Das opportunistische System der Selbstverantwortung in Österreich bei der Männergesundheit führt dazu, dass nur vergleichbar wenige Männer die Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Männer mit höherem Bildungsgrad suchen deutlich häufiger Urologinnen und Urologen auf, um den PSA-Wert bestimmen zu lassen, der ein Indikator für die Prostatagesundheit ist. Zudem ist die größte Altersgruppe, bei der ein PSA-Test gemacht wird, jene der Über-80-Jährigen. Ein organisiertes Screening würde helfen, deutlich mehr Männer zu erreichen – unabhängig von Alter, Bildung und Einkommen.

Ärzt*in für Wien: Welche weiteren Faktoren beeinflussen Männergesundheit?
Shariat: Weitere wichtige Themen bei der Männergesundheit sind die Fertilität und das Testosteron. In den letzten 30 Jahren hat sich die Spermienqualität weltweit halbiert – das ist ein stilles, aber alarmierendes Signal. Denn die Samenqualität ist weit mehr als ein Maß für Fruchtbarkeit, sie ist ein Spiegel der allgemeinen Männergesundheit. Schlechte Werte korrelieren mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf- und neurologische Erkrankungen. Hauptursachen sind ungesunder Lebensstil, Übergewicht, Alkohol, Rauchen – und Umweltfaktoren wie Mikroplastik, das hormonell wirkt und die Spermatogenese beeinträchtigt. Das sind alles Themen, die zugenommen haben und dazu führen, dass die Fertilität kontinuierlich abnimmt. Wir müssen Fertilität endlich als gesundheitspolitischen Marker anerkennen und gezielt erforschen. Sie ist ein Frühwarnsystem für die Gesundheit ganzer Generationen – und verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit in Medizin, Forschung und Politik. 

Ärzt*in für Wien: Und inwiefern spielt das Thema Testosteron eine Rolle? 
Shariat: Testosteron spielt eine zentrale Rolle für die Männergesundheit. Etwa 20 Prozent der Männer über 60 Jahren, mit steigender Tendenz, haben zu niedrige Werte – mit Folgen wie Depressionen, Schlafstörungen, Muskel- und Libidoverlust. Studien zeigen, dass eine Testosterontherapie, um einem zu niedrigen Testosteronspiegel entgegenzusteuern, diese Symptome lindern kann und zu einer Verbesserung der Lebensqualität führt. Zum Beispiel bei leichten Depressionen zeigen sich dabei deutliche Verbesserungen. Testosteron wird fälschlich noch immer als Dopingmittel gesehen, und viele glauben, es verursache Krebs – das Gegenteil ist richtig: Ein zu niedriger Spiegel erhöht das Risiko für Prostatakrebs. Testosteron ist der wichtigste Biomarker des Mannes und entscheidend für Wohlbefinden, Vitalität und Vorsorge. Ein gezieltes Gegensteuern bei niedrigen Werten kann zahlreiche Beschwerden abmildern und die Lebensqualität spürbar verbessern. Wir müssen mehr Bewusstsein schaffen – auch unter Ärztinnen und Ärzten. Die Messung des Testosteronspiegels sollte Bestandteil jeder urologischen Untersuchung sein. Die Krankenkassen sollten den Zugang zur Hormontherapie erleichtern.

Ärzt*in für Wien: Die erektile Dysfunktion ist immer noch ein großes Tabu. Warum ist sie so relevant?
Shariat: Weil sie oft das erste Warnsignal für eine Gefäßerkrankung ist. In 20 Prozent der Fälle tritt sie Jahre vor einem Herzinfarkt auf. Die Blutgefäße im Penis haben nur 1–2 Millimeter Durchmesser und zeigen somit früher Symptome als die Herzkranzgefäße. Eine erektile Dysfunktion ist also kein bloßes Sexualproblem, sondern ein Frühindikator für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Ärzt*in für Wien: Wie sollte damit umgegangen werden?
Shariat: Männer müssen ermutigt werden, darüber zu sprechen. Nur Potenzmittel zu verschreiben, ohne die Ursache zu untersuchen, ist gefährlich. Die Erektionsfähigkeit kann als Marker dienen, um Männer zur Vorsorge zu motivieren, denn diese zu erhalten ist für die allermeisten sehr wichtig.

Ärzt*in für Wien: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Männergesundheit?
Shariat: Männergesundheit muss denselben Stellenwert wie Frauengesundheit haben – mit konkreten Strategien, Aufklärung und Präventionsangeboten. Dazu müssen sich alle Entscheidungsträger im Gesundheitssystem in einem Leitbild bekennen. Das Thema sollte bereits in Schulen und Sportvereinen verankert werden, um das Bewusstsein dafür zu schärfen. Wir müssen das Gesundheitsbewusstsein der Männer stärken und ihren Lebensstil nachhaltig verbessern.

„Wir müssen das Gesundheitsbewusstsein der Männer stärken und ihren Lebensstil nachhaltig verbessern.“