Wahlarzt- und Kassensystem

„Kein Handwerker würde zum Kassentarif arbeiten“

Ein politischer Dauerbrenner: Die Idee, Wahlärztinnen und Wahlärzte für die öffentliche Versorgung zu verpflichten. Warum sie Medienhetze über „hohe Wahlarztkosten“ für entbehrlich hält und welchen Stellenwert Gesprächsmedizin hat, erklärt Renate Heinz, Leiterin des Referats für Wahlärztinnen und Wahlärzte. 

Elisa Cavalieri
Frau mit Kurzhaarfrisur und Brille.
Renate Heinz: „Ich stehe – wie auch die Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen – für ein solidarisches Gesundheitssystem.“
Foto: Stefan Seelig
„Statt Wahlärztinnen und Wahlärzte ins Kassensystem zu zwingen, sollte überlegt werden, die Fesseln im Kassenbereich zu lockern.“

Ärzt*in für Wien: Sie sind Fachärztin für Innere Medizin. Was waren Ihre beruflichen Stationen und wieso haben Sie sich entschieden, als Wahlärztin tätig zu sein? 
Heinz: Ich bin Fachärztin für Innere Medizin mit den Zusatzfächern Hämatoonkologie, Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin sowie Humangenetik und habe mich mein ganzes berufliches Leben Blut- und Krebskrankheiten gewidmet – eine Faszination, die mich bis heute nicht losgelassen hat. 
In meiner Zeit als junge Ärztin im Hanusch-Krankenhaus der heutigen Österreichischen Gesundheitskasse war ich unter anderem in der hämatologischen Ambulanz tätig. Die Rahmenbedingungen in einer Ambulanz machen es jedoch kaum möglich, den Patientinnen und Patienten die Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit zu schenken, die man ihnen gerne geben würde. 
Als die damalige Wiener Gebietskrankenkasse 1987 Ärztinnen und Ärzten des Hanusch-Krankenhauses erlaubt hat, neben ihrer Spitalstätigkeit eine Wahlarztordination zu eröffnen, habe ich die Chance, mir ein zweites Standbein aufzubauen und ein breiteres Leistungsspektrum anbieten zu können, sofort wahrgenommen. Seit meiner Spitals-Pensionierung bin ich ausschließlich als Wahlärztin tätig. 
Mein Lehrer im Hanusch-Krankenhaus war der renommierte Mediziner Professor Alois Stacher. Er hatte keine Berührungsängste zur Komplementärmedizin, was ich als seine Schülerin übernommen habe – Komplementärmedizin passt ergänzend zur Schulmedizin gut in das Leistungsspektrum einer Wahlarztordination. Auch die psychische Betreuung erkrankter Menschen und ihrer Angehöriger ist mir ein wichtiges Anliegen. Hier kommt mir in der Wahlarztordination meine Ausbildung in Psychosozialer-Psychosomatischer Medizin und Systemischer Psychotherapie zugute. 

Ärzt*in für Wien: Was gefällt Ihnen an der Tätigkeit als Wahlärztin – was sind die Vor- und Nachteile gegenüber der Kassenmedizin?
Heinz: Kolleginnen und Kollegen, die hauptberuflich wahlärztlich tätig sind, müssen ökonomisch kalkulieren und sich darum bemühen, einen Patientenstock aufzubauen – diesbezüglich haben es Kolleginnen und Kollegen im Kassenbereich im Vergleich etwas leichter.
Ich hatte und habe das Privileg, nebenberuflich tätig zu sein. Was ich als Vorteil gegenüber der Kassenmedizin sehe, ist, dass ich als Wahlärztin den erhöhten Gesprächsbedarf abdecken kann. Patientinnen und Patienten wollen und müssen mehr Informationen verarbeiten. Fake News aus dem Internet, aber auch unseriöse Angebote und alternative Methoden gab es schon immer. Heute sind es die komplexen Therapien, die mit Patientinnen, Patienten und Angehörigen besprochen werden. Das Einholen einer Zweitmeinung ist fast nie ein Misstrauenszeichen, sondern eine Ergänzung und die Möglichkeit, Fragen, die im öffentlichen System zu kurz kommen, zu stellen. Das gilt auch für Angehörige – eine stiefmütterlich behandelte, aber sehr wichtige Gruppe. 

Ärzt*in für Wien: Das Thema Wahlärztinnen und Wahlärzte wird medial immer wieder kontrovers diskutiert, von einzelnen politischen Parteien und Stakeholdern kommt laufend Kritik. Was halten Sie von Maßnahmen wie Honorarobergrenzen oder Verpflichtungen, zum Kassentarif zu praktizieren? 
Heinz: Ärztinnen und Ärzte sind ein freier Beruf – die angeführten Beispiele sind in einer liberalen Gesellschaft kategorisch abzulehnen. Bei der Zwangsverpflichtung zur ELGA müssen Kolleginnen und Kollegen, so sie nicht unter die Ausnahmebestimmungen fallen, die Kosten ihrer EDV-Installation und die sich stets verteuernden Wartungskosten selbst tragen. Der Rat, diese Kosten auf die Honorare aufzuschlagen und dann deckeln zu wollen, erscheint mir ungeheuerlich. Wir Wahlärztinnen und Wahlärzte sind zum Ziel des politischen Klassenkampfs geworden und was in der Diskussion immer wieder zu kurz kommt, ist die Tatsache, dass das Wahlarztsystem das ohnehin überlastete Kassensystem nicht nur sinnvoll ergänzt, sondern vor allem entlastet. 

Ärzt*in für Wien: Was halten Sie von dem Argument, dass das Wahlarztsystem zu einer Zweiklassenmedizin beiträgt?
Heinz: Ich stehe als ehemalige Angestellte der Gebietskrankenkasse – wie auch die Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen – für ein solidarisches Gesundheitssystem. Aber: Kolleginnen und Kollegen in den Spitälern muss die wahlärztliche Nebentätigkeit weiterhin unbedingt erlaubt bleiben, sonst besteht die Gefahr, dass Privatversicherungen eigene Spitäler gründen und die öffentliche Versorgung ausgehungert wird. Wir kennen das vor allem aus den USA mit dem teuersten und ineffizientesten Gesundheitssystem, aus Großbritannien, wo der NHS (National Health Service; staatliches Gesundheitssystem, Anm.) politisch gewollt gegen die Wand gefahren wurde, aber auch zunehmend aus unserem Nachbarland Deutschland. Die dortigen Entwicklungen sollten Warnung genug sein. 

Ärzt*in für Wien: Wie sieht Ihrer Meinung nach das ideale Nebeneinander zwischen Kassen- und Wahlarztsystem aus? Gibt es zwischen den beiden Gruppen Interessenkonflikte?
Heinz: Wahlärztinnen und Wahlärzte als Hybrid zwischen Kassen- und Privatsystem waren bisher die kostengünstigste Variante für die Sozialversicherung. Wir ersparen ihr Geld bei moderaten Zuzahlungen der Versicherten, die sich dazu noch zunehmend privat absichern. Die Hetze in den Medien über hohe Wahlarztkosten ist entbehrlich. Kein Handwerker würde zum Kassentarif arbeiten. Ich betrachte Wahlärztinnen und Wahlärzte und Kassenärztinnen und Kassenärzte als kommunizierende Gefäße. Statt Wahlärztinnen und Wahlärzte ins Kassensystem zu zwingen, sollte überlegt werden, die Fesseln im Kassenbereich zu lockern. Angesichts der Zunahme unserer Bevölkerung bei gleichzeitig überproportionalem Anwachsen vulnerabler Gruppen – insbesondere hochbetagter Menschen, multimorbider Patientinnen und Patienten sowie psychisch Kranker – ist für alle Platz. Bedauerlich fände ich eine scharfe Trennung zwischen Kassenmedizin und Privatmedizin, denn dann ist eine hochwertige medizinische Versorgung wirklich nur für Reiche gegeben.

Ärzt*in für Wien: Welche Aktivitäten setzt das Referat für Wahlärztinnen und Wahlärzte für die Interessen dieser Gruppe, wofür setzen Sie sich besonders ein? 
Heinz: Wahlärztinnen und Wahlärzte sind in ihrer Gesamtheit versorgungsrelevant – und gleichzeitig sind sie eine sehr heterogene Gruppe. Ich vertrete zusammen mit den Mitgliedern im Referat Kolleginnen und Kollegen, die in größeren Strukturen arbeiten, aus denen sich neue Arbeitsformen im Wahlarztsektor entwickeln könnten, aber auch Kleinstordinationen, wie zum Beispiel solche von Kolleginnen und Kollegen, die nach ihrer Zwangspensionierung aus dem Kassenbereich weiterarbeiten wollen oder solche, die angesichts familiärer Verpflichtungen keinen Kassenvertrag übernehmen können. Dazu kommen die bereits angesprochenen Spitalsärztinnen und -ärzte mit nebenberuflicher Wahlarzttätigkeit.
Wichtig ist uns, dass die Anbindung an den Kassenbereich und Codierungspflicht auf Freiwilligkeit beruhen sollten. Die Auswirkungen von Digitalisierung und KI auf das Vertrauensverhältnis zwischen Ärztinnen und Ärzten zu ihren Patientinnen und Patienten sind ein wichtiges Thema – es gilt, sehr wachsam zu sein, was die Datenweitergabe und die freie Wahl von diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen betrifft, und sich immer die Frage zu stellen, wer im Endeffekt davon profitiert. Aktuelle Themen wie diese behandeln wir unter anderem in unserem „Wahlärzt*innen Jour Fixe“, den die Kammer mehrmals im Jahr veranstaltet, was wir den Kolleginnen und Kollegen ans Herz legen möchten – die Einladungen dazu werden als E-Mail-Rundschreiben verschickt. 

„Die Rahmenbedingungen in einer Ambulanz machen es kaum möglich, den Patientinnen und Patienten die Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit zu schenken, die man ihnen gerne geben würde.“