Männergesundheit
Männergesundheit

„Man muss Männer auf ihre Gesundheit ansprechen“

Männergesundheit ist mehr als Gesundenuntersuchung und Prostatavorsorge. Zum Awareness-Monat Movember spricht Romeo Bissuti vom Männergesundheitszentrum MEN über die gesundheitlichen Folgen von einseitigen Männlichkeitsbildern und warum Gesundheitsförderung auch beim Friseur beginnen kann.

Stefan Eckerieder-Donovan

Ärzt*in für Wien: Im November wird viel über Männergesundheit gesprochen. Worüber sollten wir dabei mehr reden?

Bissuti: Wir verbinden Männergesundheit häufig mit Sexualität, urologischen Erkrankungen und der Prostata. Das ist wichtig, aber über die Lebensphasen hinweg sehen wir viele weitere Themen: Bei jungen Männern spielen Unfälle und Risikoverhalten eine große Rolle, später etwa die frühzeitige Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Besondere Aufmerksamkeit braucht die psychische Gesundheit. Wir müssen Burschen und Männer früh erreichen, gerade bei Suizidgefährdung und Depressionen. Ein weiteres wichtiges Thema ist die soziale Gesundheit: Habe ich tragfähige Beziehungen? Bin ich einsam? Und wir müssen unterscheiden, von welchen Männern wir sprechen. Einkommen, Herkunft, sexuelle Orientierung oder eine Behinderung können sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Belastungen mit sich bringen.

Ärzt*in für Wien: Mit welchen Anliegen kommen Männer ins Männergesundheitszentrum MEN, und wie gehen Sie in der Beratung darauf ein?

Bissuti: Meist kommen sie mit einem konkreten Anliegen, aber dieses betrifft oft mehrere Bereiche. Wer seit Jahren unter Schmerzen leidet, ist dadurch häufig auch psychisch belastet und hat Schwierigkeiten in seinen Beziehungen. Andere kommen nach einer Trennung, wegen Konflikten oder Unterhaltsfragen. Auch dann fragen wir: Wie geht es Ihnen zurzeit körperlich? Wie ernähren Sie sich? Wenn jemand nach der Arbeit Alkohol trinkt, um seine Sorgen zu vergessen, machen wir das zum Thema.

Erst kürzlich kam ein Mann wegen Gewalterfahrungen aus seiner Kindheit zu uns. Im Gespräch ging es später dann auch um seinen Diabetes und darum, dass er mit Mitte 50 noch nie bei der Darmkrebsfrüherkennung war. Diesen Blick auf die verschiedenen Lebensbereiche versuchen wir zu ermöglichen. Ich habe in Beratungen und Workshops noch nie „Gesundheitsmuffel“ erlebt. Man muss Männer auf ihre Gesundheit ansprechen und einen Zugang finden, der sie erreicht.

Ärzt*in für Wien: Was steht dem Schritt, sich Hilfe zu holen, trotzdem im Weg?

Bissuti: Manche Männer glauben, ihre Probleme alleine bewältigen zu müssen. Hilfe anzunehmen kann dann mit Scham verbunden sein. Dahinter stehen auch Männlichkeitsbilder, die Härte und ständiges Funktionieren verlangen: breite Schultern haben, nicht jammern, nicht klagen, alles schaffen. Ein Burn-out und zu sagen "Ich habe so viel geleistet, bis es nicht mehr ging", lässt sich mit solchen Vorstellungen mitunter leichter vereinbaren als frühzeitig zu sagen "Mich belastet etwas, ich schlafe schlecht und brauche Unterstützung". Wir erleben Männer, die monatelang nicht schlafen können und trotzdem glauben, sie müssten alles weiter stemmen. Gerade bei psychischen Belastungen ermutigen wir sie deshalb, möglichst früh etwas zu unternehmen.

Ärzt*in für Wien: Auf Social Media bekommen solche Männerbilder wieder viel Aufmerksamkeit. Was beobachten Sie dort?

Bissuti: In der sogenannten ‚Manosphere‘ werden schädliche Vorstellungen verbreitet. Dahinter steckt auch ein großer Markt für Produkte, Gesundheitstipps und vermeintliche Erfolgsrezepte. Da wird etwa vermittelt, Frauen würden nur auf besonders muskulöse Männer stehen. Oder sie würden Männer ausnutzen und seien hinter ihrem Geld her. Das erschwert vertrauensvolle Beziehungen und ist für die psychische und soziale Gesundheit problematisch. Manche Communitys verbreiten zudem die Haltung, es sei ohnehin alles sinnlos. Solche Erzählungen können an Kränkungen nach Mobbing, einem Arbeitsplatzverlust oder einer Trennung anknüpfen. Die Folgen können sozialer Rückzug, Verbitterung bis hin zur Radikalisierung sein. Deshalb ist echte Beratung in schwierigen Lebenslagen wichtig. 

Ärzt*in für Wien: Wie erreicht man Männer, die sich damit schwer tun, Hilfe anzunehmen?

Bissuti: Wir müssen bei ihren tatsächlichen Fragen und Bedürfnissen ansetzen. Wie gut das funktioniert, zeigt ausgerechnet die Manosphere: Wie lerne ich ein Mädchen kennen? Wer bezahlt beim ersten Date? Das sind Fragen, die Burschen beschäftigen. Wir greifen diese Fragen ebenfalls auf, vermitteln aber einen respektvollen, gleichberechtigten Umgang. 

Beim Bezahlen kann man beispielsweise sagen: Sprich es an und klärt gemeinsam eure Erwartungen. Auch Fragen zum ersten Sex brauchen Raum. Darüber reden wir in unseren Jugendworkshops ganz normal. Männer sollen spüren, dass wir sie als Menschen wahrnehmen und uns für sie interessieren. Eine positive Ansprache bedeutet keineswegs, Probleme auszublenden.

Wir gehen in unserer Arbeit auch gezielt auf Männer zu, etwa mit Angeboten in der Wohnungslosenhilfe oder für Menschen mit Fluchterfahrung. Ein anderes Beispiel ist unser Projekt mit Herrenfriseuren. Beim Friseur entstehen viele Gespräche, in denen auch persönliche Belastungen zur Sprache kommen. Wir haben Friseure darin geschult, gesundheitliche Themen sensibel wahrzunehmen und bei Fragen verlässliche Informationen weiterzugeben. Das ist sehr gut angekommen.

Wir arbeiten zudem eng mit dem Wiener Gesundheitsverbund zusammen, dieser weist uns viele Klienten aus Spitälern zu. Im Projekt „Herzensbildung“ bieten wir zudem gemeinsam mit FEM und FEM Süd in vier Wiener Krankenhäusern Schulungen für kardiologische Patientinnen und Patienten an. Diese Zusammenarbeit möchten wir ausbauen und auch eine Brücke zur Rehabilitation schlagen.

Ärzt*in für Wien: Wie beurteilen Sie das aktuelle Angebot im Bereich der Männerberatungsstellen im Gesundheitsbereich und wo müsste man noch ansetzen?

Bissuti: Wir haben lange Wartelisten. Es braucht dringend einen Ausbau der Beratungsstellen, gerade im Bereich der psychischen Gesundheit. Gleichzeitig müssen bestehende Angebote bekannter werden. Nach einer Pressekonferenz und Zeitungsinseraten zum Männerinfo-Telefon ist das Telefon nicht mehr stillgestanden. Das zeigt, wie wichtig solche Angebote sind. Ansetzen könnte man etwa auch am Arbeitsplatz. Spannend finde ich das australische Programm „MATES in Construction“. Es arbeitet mit Betrieben und Beschäftigten am Bau, damit Kollegen Belastungen erkennen, einander unterstützen und Hilfe vermitteln können. Gerade dort kommen wirtschaftliche Unsicherheit, Sorgen um den Arbeitsplatz und teilweise lange Trennungen von der Familie zusammen. Solche Projekte könnte man durchaus auch für Österreich adaptieren.

Männerberatungsstellen

MEN Männergesundheitszentrum, Wien
Beratung für Männer und Burschen zu körperlicher und psychischer Gesundheit, Sexualität, Beziehungen und Lebensstil.
Telefon: 01 60191-5454
Website: men-center.at

Männerberatung Wien
Unterstützung bei Beziehungskonflikten, Trennung, Vaterschaft, Einsamkeit, Sexualität und Gewalt – sowohl für Betroffene als auch zur Auseinandersetzung mit eigenem gewalttätigem Verhalten.
Telefon: 01 603 28 28
Website: maenner.at 

Männerberatung 24/7 – vormals Männerinfo
Österreichweite, kostenlose und vertrauliche Beratung für Burschen, Männer und Angehörige in Konflikt- und Krisensituationen. Telefonisch rund um die Uhr, Chat täglich von 16 bis 22 Uhr.
Telefon: 0800 400 777
Website und Chat: maennerinfo.at 

Männernotruf
Österreichweite Beratung für Männer in Krisen- und Gewaltsituationen, etwa bei Beziehungsproblemen oder psychischen Belastungen. Rund um die Uhr erreichbar.
Telefon: 05 76 77
Website: maennernotruf.at

„Manche Männer glauben, ihre Probleme alleine bewältigen zu müssen. Hilfe anzunehmen kann dann mit Scham verbunden sein.“
Zwei ältere Männer auf einer Parkbank
Über das zu sprechen, was einen beschäftigt, gehört zur Gesundheit dazu.
Foto: Shutterstock/Lucigerma
Mann mit langen grauen Haaren zusammengebunden
Romeo Bissuti ist klinischer und Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut beim Männergesundheitszentrum MEN.
Foto: Kristian Bissuti
„Es braucht dringend einen Ausbau der Beratungsstellen, gerade im Bereich der psychischen Gesundheit.“
 
© Ärztin für Wien | 03.11.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/medizin/man-muss-maenner-auf-ihre-gesundheit-ansprechen