Wechseljahre und Hormone
Wechseljahre und Hormone

Innovative Therapiewege ohne Tabus

Perimenopause, Wechseljahre und Hormone: Das Wissen darum und die Sensibilität dafür sind höher denn je. Bettina Toth ist gynäkologische Endokrinologin und sieht diesen Prozess als sehr positiv. Sie skizziert, was Hormone leisten und welche Möglichkeiten es bei menopausalen Beschwerden gibt. 

Eva Kaiserseder

Ärzt*in für Wien: Einer Ihrer Arbeitsschwerpunkte ist die Perimenopause. Welche Beschwerden kommen hier oft vor und sind mit Hormonen assoziiert?
Toth: Hormone spielen in jedem Frauenleben eine zentrale Rolle. In der Perimenopause ist die Unterscheidung zwischen hormonell getriggerten Beschwerden und Beschwerden, die durch Alltagsstress aufgrund von Familie oder Beruf entstehen, oft erschwert. Vielen Frauen ist nicht bewusst, dass perimenopausale Beschwerden schon mit Anfang 40 Jahren auftauchen können. Klassische Beschwerden sind etwa Reizbarkeit, depressive Verstimmungen, Veränderungen in der Libido oder Schlafstörungen wie Ein- und Durchschlafstörungen. 

Ärzt*in für Wien: Wie stark ist das Bewusstsein bei den Patientinnen um die Rolle der Hormone? 
Toth: Das Wissen rund um die weiblichen Hormone fehlt häufig, was daran liegt, dass es schon in der Schule beim Thema Körper, Sexualität und Hormone wenig Ausbildung gibt. Es wäre wichtig, dass Mädchen und auch Burschen lernen, wie der weibliche Zyklus aussieht und wie er das Leben der Frau von der Menarche bis zur Menopause betrifft. Hier besteht ein großer Bedarf. Für uns alle als Gesellschaft sollten diese allgemeingültigen und jeden betreffenden Dinge wie sexuelle Aufklärung und reproduktive Gesundheit mehr Relevanz bekommen. Wesentlich ist auch, dass nicht nur die Gynäkologinnen und Gynäkologen über das Thema Bescheid wissen, sondern alle Ärztinnen und Ärzte. 

Ärzt*in für Wien: Wie setzen Sie die Therapie an, wenn eine Frau mit eindeutig perimenopausalen Beschwerden zu Ihnen kommt?
Toth: Wenn eine Frau kommt und sagt, dass sie zum Beispiel schlimme Schlafstörungen hat, ist es wichtig, sich nicht nur auf dieses eine Symptom zu konzentrieren, sondern auch nach anderen möglichen Symptomen zu fragen. Tauchen daneben etwa noch Reizbarkeit, Depressionen oder Hitzewallungen auf? Man sollte sich Zeit nehmen und die Vielfalt an Symptomen detailliert mit der Patientin ansprechen. Sobald ich mir einen Überblick zur Dauer und Stärke der Beschwerden gemacht habe sowie die individuellen Risikofaktoren abgeklärt habe, kann ich mir überlegen, ob eine hormonelle oder nicht-hormonelle Behandlungsmöglichkeit in Betracht kommt. Die Frage ist auch, ob eine nicht-hormonelle Behandlung ausreicht oder ob zusätzlich Hormone notwendig sind. Oft hilft die Kombination aus pflanzlichen Wirkstoffen und einer Hormontherapie, die Beschwerden gut zu lindern und eine niedrige Hormondosis anzuwenden.

Ärzt*in für Wien: Was kann man präventiv tun, um menopausalen Beschwerden vorzubeugen? Wie wichtig ist etwa Krafttraining oder Ausdauersport und ab wann?
Toth: Um menopausale Beschwerden und mit dem Alter auftretende Erkrankungen vorzubeugen beziehungsweise diese früh zu erkennen sollte jede Frau regelmäßig zur Gesundenuntersuchung gehen, um frühzeitig Risikofaktoren wie zum Beispiel Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen, aber auch Osteoporose zu erkennen und zu behandeln. Körperliche Bewegung in Form von Ausdauersport und Krafttraining sind in jeder Lebensphase wichtig, mit dem Eintritt in die Perimenopause sollte man allerdings noch stärker darauf achten, beides regelmäßig zu tun und eine ausgewogene Ernährung anstreben.

Ärzt*in für Wien: Wie ist denn der State of the Art bei der Hormonersatztherapie? Die bekannte Studie aus 2002, die für massive Verunsicherung in Bezug auf ein stark erhöhtes Brustkrebsrisiko sorgte, ist ja längst widerlegt worden. 
Toth: Genau. Die Daten wurden damals falsch interpretiert, das Autorenteam hat sich öffentlich dafür entschuldigt. Durch diese Studie haben allerdings viele Frauen Hormone vorenthalten bekommen, die dadurch Erkrankungen wie etwa eine Osteoporose entwickelt haben. Die Studie und der Umgang mit den Patientinnen haben gezeigt, wie wichtig die richtige Kommunikation von Studiendaten ist. Durch die WHI Studie 2002 entstand der Eindruck, dass nur Hormontherapien Brustkrebs auslösen. Aber Brustkrebs hat viele Risikofaktoren wie etwa Adipositas oder familiäre Belastung aufgrund betroffener Familienangehöriger. Aktuellere Daten zeigen zum Beispiel, dass Frauen, die nur Östrogene und keine Gestagene nehmen, nahezu keine Erhöhung des Brustkrebsrisikos haben. Daher ist es heutzutage „State of the Art“, Hormontherapien bei menopausalen Beschwerden nach Abklärung von Risikofaktoren und Kontraindikationen einzusetzen.

Ärzt*in für Wien: Was hat sich im letzten Jahrzehnt bei der Behandlung getan? 
Toth: Es gibt mittlerweile mehr Präparate, was sowohl die Art der Anwendung – etwa Gel, Pflaster oder Spray – als auch die Zusammensetzung betrifft. Ebenso sind neue Medikamente wie zum Beispiel Neurokinin-Rezeptorantagonisten auf dem Markt. Auch bei den pflanzlichen Wirkstoffen hat sich einiges getan und die Bedeutung der sogenannten kognitiven Verhaltenstherapie ist ebenfalls neu dazugekommen. 

Ärzt*in für Wien: Stichwort Blutbefunde: Wie sieht ein aussagekräftiges Hormonprofil aus und wo könnten hier schon Hausärztinnen und -ärzte ansetzen?
Toth: Ein generelles Hormonprofil ist in der Perimenopause nicht zu empfehlen, da zyklusabhängige Hormone deutlichen Schwankungen unterliegen. Hier hilft es oft besser, einen Zykluskalender etwa mit Hilfe einer Zyklus-App zu führen und abhängig von den Beschwerden gezielt einzelne Parameter im Blut zu kontrollieren wie zum Beispiel Schilddrüse oder Eisen, Vitamin D und Folsäure.

Ärzt*in für Wien: Gibt es Krankheiten, die mit dem Eintritt in die Perimenopause entweder das erste Mal auftauchen, schlimmer werden oder im Gegenzug weniger werden bis hin zum Verschwinden? 
Toth: Die Menstruationsbeschwerden wie Unterbauch- oder zyklusabhängige Kopfschmerzen können mit dem Eintritt in die Perimenopause zunächst zunehmen, da manche Frauen verstärkte oder vermehrte Blutungen aufweisen, werden im Verlauf der Perimenopause aber meistens besser. Die Perimenopause ist eine Lebensphase, in der altersbedingte Erkrankungen zunehmen. Weibliche Hormone haben einen schützenden Effekt. Wir sehen das etwa beim Herzinfarktrisiko, das bei jüngeren Frauen deutlich geringer ist als bei gleichaltrigen Männern. Ab der Menopause ist das Risiko gleich hoch. Ebenso sinkt der Energiebedarf mit steigendem Alter und es fällt zunehmend schwer, das Gewicht zu halten. 

Ärzt*in für Wien: Wie geht es Ihnen persönlich als Ärztin im Umgang mit dem Thema Menopause?
Toth: Es freut mich, dass mittlerweile offen über das Thema gesprochen wird und es als etwas Normales erlebt wird. Mir war es ein großes Anliegen, 2024 mit der Initiative „Wir sind 1 Million“ als Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe auf die Tatsache hinzuweisen, dass bei uns in Österreich derzeit eine Million Frauen betroffen sind und das Thema auch unter Ärztinnen und Ärzten präsenter zu machen. Zudem sind wir gerade gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Schweiz und Österreich dabei, ein Konsensuspapier zur Diagnostik und Therapie in der Menopause zu veröffentlichen.   
 

„Es wäre wichtig, dass Mädchen und auch Burschen lernen, wie der weibliche Zyklus aussieht und wie er das Leben der Frau von der Menarche bis zur Menopause betrifft. Hier besteht ein großer Bildungsbedarf.“
Frau in Jacke und Brille schaut frontal in die Kamera
Bettina Toth ist Direktorin der Universitätsklinik für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck.
Foto: Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
„Es freut mich, dass mittlerweile offen darüber geredet wird und das Thema als etwas Normales erlebt wird. Es wird auch unter den Frauen selbst viel mehr darüber gesprochen.“
 
© Ärztin für Wien | 19.10.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/medizin/innovative-therapiewege-ohne-tabus