Wie es gelingen kann, Qualität zu halten und Strukturen zu optimieren
Thomas Szekeres und Herwig Ostermann gingen beim Europäischen Forum Alpbach 2026 der Frage nach, wie es sich angesichts aktueller finanzieller und gesellschaftlicher Herausforderungen künftig noch ausgehen kann, die Errungenschaft solidarischer Gesundheitssysteme aufrecht zu erhalten.
Europaweit ist man im Gesundheitswesen mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert: Personalmangel in Medizin und Pflege, ein stetiger Anstieg von Zivilisationskrankheiten und eine Bevölkerung, die immer älter, aber nicht gesünder wird. Gleichzeitig stehen laufend fortschrittlichere medizinische Innovationen und Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die höchstwirksam, aber kostspielig sind. Wie kann es sich künftig noch ausgehen, die Errungenschaft solidarischer Gesundheitssysteme aufrecht zu erhalten? Wo kann eingespart werden und in welchen Bereichen muss man investieren? Diesen Fragen widmete sich am 2. September beim Europäischen Forum Alpbach eine Diskussionsrunde mit Thomas Szekeres, Ehrenpräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, und Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), die gemeinsam mit dem Publikum Vorteile und Herausforderungen solidarisch organisierter Gesundheitssysteme erörterten.
Thomas Szekeres stellt klar: „Das österreichische Gesundheitssystem mag in den letzten Jahren an Ruf eingebüßt haben, Fakt ist jedoch, dass wir ein solides solidarisches System haben, wo jede Patientin und jeder Patient das bekommt, was sie oder er braucht – von der Akutversorgung bis hin zur Spitzenmedizin.“ Dennoch gebe es in mehreren Bereichen Verbesserungsbedarf und Schrauben, an denen gedreht werden müsse, um das hohe Niveau der Versorgung auch in Zukunft gewährleisten zu können.
Herwig Ostermann, der als GÖG-Geschäftsführer unter anderem die Planung des österreichischen Gesundheitswesens verantwortet, gibt zu bedenken: „Wir stehen vor einer doppelten Herausforderung: Zum einen ist es unsere gesellschaftliche Aufgabe, die Bevölkerung gesünder zu machen und kranken Menschen jene Therapien zukommen zu lassen, die sie dringend benötigen. Zum anderen stehen uns dabei nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung, mit denen wir verantwortungsvoll und möglichst effizient umgehen müssen.“
Um den medizinischen Anforderungen, die mit dem demografischen Wandel einhergehen, gerecht zu werden, spricht sich Szekeres für eine zielgerichtete Stärkung des niedergelassenen Bereichs aus: „Die sinkende Zahl an niedergelassenen Kassenärztinnen und Kassenärzten bei der gleichzeitig steigenden Zahl an älteren und kranken Menschen führt zu einer dauerhaften Überlastung des Systems. Es ist dringend notwendig, nicht nur mehr Kassenstellen zu finanzieren, sondern diese auch langfristig zu attraktivieren, damit mehr Ärztinnen und Ärzte gerne im öffentlichen System arbeiten.“
Einen der Hauptgründe, warum die Sozialversicherung die Kassenverträge nicht systementlastend aufstocken könne, sieht Szekeres in der Entwicklung, dass deren Einnahmen nicht mit den Ausgaben mithalten können. „Würde man die Sozialversicherung von versicherungsfremden Leistungen wie beispielsweise dem Wochengeld entbinden, stünden deutlich mehr Kapazitäten für den Gesundheitsbereich zur Verfügung.“
Einen weiteren Bereich mit Optimierungspotenzial ortet Szekeres in der zersplitterten Spitalsstruktur: „Wir haben in Österreich eine kleinteilige Spitalslandschaft mit vielen Krankenhäusern – was de facto wenig Sinn macht. Wenn man die Anzahl der Spitäler reduzieren und diese Einrichtungen dann dafür sowohl im Personalbereich als auch in der medizinischen Infrastruktur hochspezialisieren würde, könnten nicht nur Kosten reduziert, sondern für Patientinnen und Patienten auch eine bessere Qualität erbracht werden.“ Gleichzeitig sei für ihn nachvollziehbar, dass gerade im ländlichen Raum niemand auf „sein Spital“ verzichten möchte. „Man muss der Politik und auch der Bevölkerung klar machen, dass bei den Spitälern Qualität ganz klar vor Quantität geht, auch wenn man für eine bestimmte Behandlung dann vielleicht in ein benachbartes Bundesland fahren muss.“
Nicht zuletzt sei die Gesundheitsprävention ein Punkt, an dem man gezielt ansetzen müsse. „Bei der Prävention sind wir in Österreich vergleichsweise schlecht aufgestellt. Die Folge sind weniger gesunde Lebensjahre, die den Patientinnen und Patienten nicht nur vermeidbares Leid, sondern dem Gesundheitssystem auch hohe Kosten verursachen.“ Hier müsse man laut Szekeres schon im Kindes- und Jugendalter ansetzen: Mit dem Erlernen von Gesundheitskompetenz in Kindergärten und Schulen, der gezielten Förderung von Bewegung und der niederschwelligen Verfügbarkeit von gesunden Lebensmitteln. Auf diese Weise könnten sich die typischen Zivilisationskrankheiten von morgen verhindern lassen.
Ostermann verweist indes auf die Notwendigkeit, alle Bereiche des Gesundheitssystems stärker miteinander zu verzahnen. „Prävention, Grundversorgung, Spitalswesen, Pflege und Rehabilitation sollten nicht isoliert betrachtet werden“, so Ostermann. Entscheidend sei, dass Patientinnen und Patienten nicht zwischen unterschiedlichen Zuständigkeiten verloren gehen.
„Tatsache ist: Wenn wir unser solidarisches Gesundheitssystem auf hohem Niveau erhalten wollen, sind budgetäre Kürzungen keine Option. Was man viel mehr verfolgen muss, sind sinnvolle Umstrukturierungen für zielgerichtete Behandlungswege, mehr Effizienz bei der Behandlung der Patientinnen und Patienten und eine gebündelte Strategie für Prävention von klein auf“, ist Szekeres überzeugt.
