Präsident im Interview
Präsident im Interview

„Es lohnt sich, für die ärztliche Freiberuflichkeit zu kämpfen“

Diagnosencodierung, Dispensierrecht, Basisausbildung, Gesundheitsreform und der freie Arztberuf: Kammerpräsident Johannes Steinhart bezieht im Interview mit Ärzt*in für Wien zu grundlegenden gesundheitspolitischen Fragen Position.

Denise Daum

Ärzt*in für Wien: Sind Sie mit der Gesundheitsreform der Reformpartnerschaft zufrieden?
Steinhart: Eine abschließende Bewertung der Gesundheitsreform ist noch nicht möglich, weil vieles noch offen ist. Doch sie enthält zahlreiche sinnvolle Ansätze, die natürlich noch präzisiert und professionell umgesetzt werden müssen. Und das unbedingt unter Einbeziehung der Ärzteschaft.
Erfreulich ist, dass die Politik viele unserer Vorstellungen aufgreift. Sinnvoll ist zum Beispiel die Festlegung klarer Schwerpunkte von Spitälern und der Ausbau ambulanter und tagesklinischer Angebote. Die geplante Flexibilisierung der Kassenverträge wird die ärztliche Arbeit attraktiver machen. Positiv ist auch der Ausbau der PVE und die Implementierung von Facharztzentren. Natürlich müssen auch die Einzelordinationen gestärkt werden.
Ein Erfolg ist, dass die angedachte Überweisungspflicht für Facharztordinationen vom Tisch ist. Sie hätte Flaschenhälse geschaffen und die Versorgung behindert. Und besonders wichtig ist, dass wir eine Verschlechterung der wahlärztlichen Arbeit durch Zwangsmaßnahmen abwehren konnten.

Ärzt*in für Wien: Welche Vorteile bringt die Gesundheitsreform für Wahlärztinnen und -ärzte?
Steinhart: Der wahlärztliche Bereich funktioniert hervorragend. Aber aus ideologischen Gründen wollen ihn Teile der ÖGK und der SPÖ reglementieren und beschränken. Doch mit ihren Ideen konnten sie sich in der Reformpartnerschaft nicht durchsetzen: Das betrifft Eingriffe in die freie Honorargestaltung und die Zwangsverpflichtung zur teilweisen Arbeit im Kassensystem. Hier konnten wir mit unseren Argumenten überzeugen. Ein weiterer Erfolg ist, dass Arztpraxen mit weniger als 300 Patientinnen und Patienten pro Jahr nicht zur umstrittenen Diagnosencodierung verpflichtet sind, was Zeit und Bürokratie spart. 
Aber das Feindbild Wahlarzt, das manche Politikerinnen und Politiker haben, ist damit nicht aus der Welt geschafft. Hier müssen wir die Entwicklungen sehr genau verfolgen. Zwangsmaßnahmen, wie wir sie aus kommunistischen Planwirtschaften kennen, dürfen in unserem Gesundheitssystem keinen Platz haben. Dagegen müssen wir gemeinsam und geschlossen vorgehen.

Ärzt*in für Wien: Damit sprechen Sie auch die ärztliche Freiberuflichkeit an. Sehen Sie diese in Gefahr?
Steinhart: Dass der Arztberuf ein freier Beruf ist, ist ein hohes Gut. Angehörige freier Berufe erbringen ihre Leistungen persönlich, eigenverantwortlich und fachlich unabhängig – und das ist gerade in der Gesundheitsversorgung besonders wichtig. Es bedeutet, dass wir in der Diagnose und Therapie ausschließlich medizinischen Kriterien verpflichtet sind und keine medizinischen Anweisungen von Kassenfunktionären oder Betriebswirten befolgen müssen.
Doch unsere Freiberuflichkeit gerät gerade in Zeiten finanzieller Krisen oft unter Druck. Ich setze mich dafür ein, dass sie nicht nur erhalten bleibt, sondern weiter ausgebaut wird. Das ist wegen des Hereindrängens von Investoren in den Gesundheitsmarkt bedeutsam, aber auch wegen der Absicht einzelner politischer Gruppen, Zwangsmaßnahmen im Wahlarztsystem einzuführen. 
Es lohnt sich, für die ärztliche Freiberuflichkeit zu kämpfen.

Ärzt*in für Wien: Ein wichtiges Thema ist die Bürokratie, die sehr viel ärztliche Zeit beansprucht. Was lässt sich dagegen tun?
Steinhart: Unnötiger bürokratischer Aufwand ist ein enormer Zeitfresser. Es wird geschätzt, dass bis zu 30 Prozent der ärztlichen Arbeitszeit für Bürokratie aufgewendet wird. Zeit, die besser für die Patientenbetreuung genutzt würde. Jetzt kommt auch noch die verpflichtende Diagnosencodierung dazu, die gesundheitspolitisch nichts bringt und nur Zeit und Geld kostet. Das ist für uns Ärztinnen und Ärzte belastend und verringert die Arbeitszufriedenheit.
Zur Entlastung der Gesundheitsversorgung, sowohl in den Kassenarztpraxen als auch in den Spitälern, brauchen wir dringend einen spürbaren Bürokratieabbau. 
Ich schlage eine Task Force vor, in der Vertreterinnen und Vertreter der Ärzteschaft, der Politik, der Sozialversicherungen und der Spitalserhalter Maßnahmen erarbeiten, um den bürokratischen Aufwand rasch um 10 Prozent und anschließend um weitere 10 Prozent zu verringern. Das brächte für uns eine spürbare Entlastung – und für unsere Patientinnen und Patienten mehr Zeit und Zuwendung. 

Ärzt*in für Wien: Sie kritisieren die verpflichtende Diagnosencodierung. Was läuft hier falsch?
Steinhart: Die verpflichtende Diagnosencodierung hat in der aktuellen Form eine Reihe von Mängeln. Durch die zeitlichen Abläufe bildet sie zum Beispiel kein aktuelles Infektionsgeschehen ab und ist epidemiologisch wertlos.
ICD-10 ist zudem für den ambulanten Bereich unzureichend, weil seine eingeschränkten Diagnosencodes keine gute Datenqualität liefern. Kann man etwa bei Verdacht auf eine Penicillinallergie bloß Schwellung codieren, hat das für künftige Therapieentscheidungen keine Aussagekraft.
Dazu kommt, dass der Europäische Gesundheitsdatenraum für 2029 die Einführung der Patient Summary vorsieht, die neben e-Medikation, Allergien und Intoleranzen auch dauerhafte Diagnosen umfasst. Diese Daten müssen dann aktuell zur Verfügung stehen. Die technischen Details werden von der EU erst 2027 festgelegt, weshalb unklar ist, ob die jetzt angeschafften Systeme dann noch geeignet sein werden. 
Auf den Punkt gebracht: Die Politik ist gefordert, Mehrwert, Nutzen und Praxistauglichkeit der Diagnosencodierung sicherzustellen.

Ärzt*in für Wien: Sie fordern einen österreichweit einheitlichen Leistungskatalog. Was ist hier der Stand der Dinge?
Steinhart: In den vergangenen Jahrzehnten haben sich in der Tradition des Föderalismus die kassenärztlichen Leistungskataloge regional oft sehr unterschiedlich entwickelt. Bestimmte Leistungen werden in manchen Bundesländern angeboten, in anderen nicht. Außerdem schwanken die ärztlichen Honorare oft ohne sachlichen Grund beträchtlich. 
Wir haben deshalb in einem aufwändigen Verfahren einen aktuellen Leistungskatalog für alle Fächer erarbeitet, der auch die medizinischen Fortschritte abbildet. Er soll als Grundlage für eine österreichweite, regional adaptierte Leistungsharmonisierung im kassenärztlichen Bereich dienen. 
Im Interesse der Versicherten muss auf dieser Grundlage dringend ein entsprechender Honorarkatalog erarbeitet werden. Die Politik muss ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Damit könnten die niedergelassene Versorgung optimiert und die Spitäler entlastet werden.

Ärzt*in für Wien: Sie fordern ein Dispensierrecht für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte. Welche Auswirkungen auf die Versorgung erwarten Sie sich davon? 
Steinhart: Zu einer optimalen Versorgung gehört auch ein serviceorientierter und niedrigschwelliger Zugang zu Medikamenten. Daher sollten Patientinnen und Patienten, unabhängig von ihrem Wohnort und von der Entfernung zur nächstgelegenen Apotheke, das Recht und die Möglichkeit haben, ihre Medikamente auf Wunsch direkt in Arztpraxen zu erhalten. Also diskret, schnell und unabhängig von Verkehrsverbindungen und Apotheken-Öffnungszeiten, was insbesondere in den Abendstunden ein beträchtlicher praktischer Vorteil ist. 
Ein Dispensierrecht, wie es zum Beispiel in der Schweiz schon längst eine bewährte Selbstverständlichkeit ist, bedeutet ein Plus an Serviceleistungen im Sinne eines One-Stop-Shops. 
Erforderlich ist deshalb aus meiner Sicht eine Adaptierung des Ärzte- und Apothekengesetzes in Form von Lockerung der Hausapothekenregelungen für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte. 

Ärzt*in für Wien: Welchen Veränderungsbedarf sehen Sie bei der Basisausbildung? 
Steinhart: Die Wartezeiten für Ausbildungsplätze in der ärztlichen Basisausbildung nach Abschluss des Medizinstudiums werden immer länger und sind inzwischen ein echter Flaschenhals auf dem Weg zum Arztberuf. So geraten wir in einen massiven Versorgungsnotstand. Wir brauchen jede Ärztin und jeden Arzt, und das möglichst schnell und ohne Hürden bei der Ausbildung. Doch die Spitalsträger lassen aufgrund von zu knappen Budgets die Jungärztinnen und Jungärzte bei ihrer Basisausbildung hängen.
Dass die Basisausbildung jetzt von neun auf sechs Monate verkürzt wird, ändert am Problem des Flaschenhalses gar nichts. Wir fordern, dass jede Absolventin und jeder Absolvent sofort in die Basisausbildung starten können muss. Die Politik ist dringend gefordert, das sicherzustellen.

Ärzt*in für Wien: Zum Abschluss bitten wir Sie um eine zusammenfassende Perspektive des Versorgungssystems.
Steinhart: Es geht zunächst darum, die vielen bestehenden Versorgungsprobleme zu lösen. Dazu gehören der Ausbau des niedergelassenen ärztlichen Bereichs und die Linderung der Personalknappheit in Spitälern. Das Ziel muss sein, dass die Menschen in unserem Gesundheitssystem gut versorgt werden und dass wir Ärztinnen und Ärzte gerne in diesem System arbeiten. 
Eine moderne medizinische Versorgung kostet nun einmal Geld. Gesundheitsausgaben sollten nicht als Einsparpotenzial gesehen werden, sondern als sinnvolle Investition in die Gesundheit der Menschen und in eine wichtige Branche mit vielen Beschäftigten. Unser soziales und solidarisches Gesundheitssystem muss unbedingt abgesichert werden.
Dazu kommen die Herausforderungen durch die Künstliche Intelligenz, die auch unseren Beruf tiefgreifend verändern werden. Hier müssen wir die Entwicklungen mitgestalten.
Je einhelliger wir standespolitisch agieren und je breiter wir aufgestellt sind, desto wirksamer können wir die Gesundheitsversorgung positiv mitgestalten.

„Eine moderne medizinische Versorgung kostet nun einmal Geld. Gesundheitsausgaben sollten nicht als Einsparpotenzial gesehen werden, sondern als sinnvolle Investition in die Gesundheit der Menschen und in eine wichtige Branche mit vielen Beschäftigten. Unser soziales und solidarisches Gesundheitssystem muss unbedingt abgesichert werden.“
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Kammerpräsident Johannes Steinhart zur Gesundheitsreform und Reformpartnerschaft, zu Wahlärztinnen und Wahlärzten, ärztliche Freiberuflichkeit, Bürokratie und vieles mehr.
Foto: Katharina F-Roßboth
 
© Ärztin für Wien | 10.09.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/gesundheitspolitik/es-lohnt-sich-fuer-die-aerztliche-freiberuflichkeit-zu-kaempfen