Reden wir darüber!
Sexuelle Gesundheit findet im ärztlichen Alltag noch immer zu wenig Platz. Zudem begleiten Scham und Tabus das Thema. Und in der Medizin fehlt eine frühe und strukturierte Ausbildung. Katja Varga ist Sexualmedizinerin sowie Sexualtherapeutin und bietet Einblicke in einen Bereich, der zu Unrecht wenig Aufmerksamkeit bekommt.
Ärzt*in für Wien: Welche Themen begegnen Ihnen als Sexualmedizinerin häufig? Und hat sich dabei in den letzten Jahren etwas geändert?
Varga: Tatsächlich hat sich thematisch nicht viel verändert, außer dass die Menschen etwas freier über ihre Beschwerden sprechen. Mir begegnet ein großes Spektrum sexualmedizinischer Diagnosen und Begleiterkrankungen in der Praxis, denn die Sexualmedizin beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Erkrankungen und Sexualfunktionsstörungen. Die Ursachen für Sexualfunktionsstörungen können dabei Erkrankungen sein, sie können aber auch eine Nebenwirkung von Therapien sein wie Medikamenteneinnahmen, Strahlentherapien im Rahmen von Krebserkrankungen oder auch Operationen. Immer wiederkehrende Themen sind die erektile Dysfunktion oder die Ejaculatio praecox, also der vorzeitige Samenerguss. Sehr oft ist ein Grund für den Besuch bei mir aber auch Libidoverlust, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder ein unerfüllter Kinderwunsch, wenn dieser da ist, aber die gemeinsame Sexualität nicht passt oder erst gar nicht vorhanden ist. Grundsätzlich gibt es immer einen Leidensdruck, wenn jemand zu mir kommt. Menschen warten dabei oft lange, weil die Scham und das Tabu, darüber zu sprechen, nach wie vor so groß ist. Oft kommen sie erst dann, wenn die Partnerschaft bedroht ist, denn sexuelle Funktionsstörungen eines Menschen betreffen auch immer Partnerinnen und Partner.
Ärzt*in für Wien: Was sind Beispiele von Erkrankungen, Eingriffen oder Behandlungen, worunter die Sexualität leidet?
Varga: Dazu gehören viele onkologische Erkrankungen, wie zum Beispiel das Prostatakarzinom oder das Mammakarzinom, bei dem sich viele Frauen zum Beispiel nicht mehr von ihrem Partner an der betroffenen Brust berühren lassen wollen. Operationen im kleinen Becken sowie Bestrahlungen, die die Schleimhäute verändern und den Sex schmerzhaft machen…all das sollte sexualmedizinisch begleitet und besprochen werden. Auch bei Psychopharmaka, die kontrasexuell wirken, sind Synergien zwischen Psychiaterinnen und Psychiatern und der Sexualmedizin sinnvoll. Ein sehr häufiges Thema sind zudem kardiovaskuläre Erkrankungen. 70 Prozent der Männer mit kardiovaskulären Erkrankungen leiden gleichzeitig an Erektionsstörungen und 65 Prozent der postmenopausalen Frauen mit kardiovaskulären Erkrankungen leiden gleichzeitig an mindestens einer Sexualfunktionsstörung. Warum postmenopausal? Weil durch den Östrogenabfall der vaskuläre Schutz wegfällt. Damit zusammenhängend gibt es Lubrikationsstörungen. Und wenn eine Frau nicht lubrizieren kann, also trocken bleibt, entstehen Schmerzen beim Sex. Wie viel Lust hat eine Frau dann wohl noch? Und schon sind drei Sexualfunktionsstörungen da: die Lubrikationsstörung, der genitale Schmerz und der Libidoverlust.
Knapp über 50 Prozent der Männer mit Bluthochdruck leiden zudem gleichzeitig an einer Erektionsstörung. Blutdrucksenkende Mittel führen zu Veränderungen im Gefäßsystem und bei Männern entstehen dadurch meistens in den ersten drei Monaten nach der Einnahme von Antihypertensiva Schwierigkeiten bei der Erektion, was sich aber wieder gibt. Hier sind die Männer bevorzugt, denn die Erektion ist sichtbar und so hat die Pharmaindustrie umgehend reagiert und PDE-5-Hemmer, also Potenzmittel, auf den Markt gebracht. Es sind also interdisziplinäre Ansätze gefragt. Solche Dinge muss man wissen und deswegen brauchen die Ärztinnen und Ärzte unbedingt eine bessere Ausbildung.
Brücken in der Patientenkommunikation zu bauen ist ebenfalls wichtig. Im ärztlichen Gespräch zu sagen: „Ich sehe, Sie haben ein neues Medikament verordnet bekommen, das könnte unter Umständen zu Sexualfunktionsstörungen führen, Sie können sich gerne an mich wenden, wenn Ihnen etwas auffällt.“ Die Patientinnen und Patienten können sich dann selbst aussuchen, ob sie darüber sprechen möchten oder nicht, aber sie sind informiert.
Ärzt*in für Wien: Kommen eigentlich mehr Männer oder Frauen zu Ihnen in die Praxis?
Varga: Das wechselt sich ab und ist phasenweise unterschiedlich. Sehr viele Männer definieren sich über ihre Manneskraft, über ihren Penis und ihre Erektion. Wenn da etwas nicht funktioniert, sind sie erschüttert. Frauen sind genauso erschüttert, wenn ihre Sexualität beeinträchtigt ist, aber oft auch aus dem Grund, weil sie Angst um ihre Beziehungen haben. Manchmal kommen Frauen auch in die Ordination und sagen, dass sie von ihrem Mann zu mir geschickt worden sind. Wichtig ist es dann zu hinterfragen, woher der Leidensdruck kommt oder ob es ihn überhaupt gibt. Unterm Strich kommen wahrscheinlich mehr Männer zu mir. Sie können das Problem manchmal klarer benennen und darüber sprechen, gerade wenn es mit dem Penis assoziiert ist. Bei Frauen ist immer noch viel Scham im Spiel, auch wenn es hier eine deutliche Entwicklung zu mehr Offenheit gibt.
Ärzt*in für Wien: Welche Sexualmythen gibt es denn, die Verunsicherung oder Druck auslösen?
Varga: Mythen rund um Sex betreffen Jung und Alt. Auch falsche Einschätzungen besonders von Erwachsenen in Bezug auf Jugendliche gehören dazu. Etwa die Annahme, die Jugendlichen hätten heutzutage sehr jung ihre ersten sexuellen Kontakte. Das Durchschnittsalter für das erste Mal ist auch durch omnipräsente und leicht zugängliche pornografische Darstellungen in den letzten Jahren nicht wesentlich gesunken, es liegt bei etwa 17 Jahren. Was sich geändert hat, ist eben der leider sehr frühe Zugang und Kontakt zu Pornografie und deren Einfluss. Pornografische Darstellungen lösen tatsächlich sehr viel Performancedruck aus. Das macht viel mit jungen Menschen. Sie sehen diese Bilder und denken, dass sei alltägliche Sexualität, die sie genauso leben müssen, um andere zu beeindrucken. Hier gibt es also viel Unwissen und falsche Ideale. Sexualmythen, wie ein „echter“ Mann oder eine begehrenswerte Frau zu sein hat, um das andere Geschlecht zu überzeugen, gab es aber natürlich zu jeder Zeit. Die Pornografie wirkt nur als Verstärker dahingehend, dass ich Patienten habe, die mit Mitte 20 kommen und unter erektiler Dysfunktion leiden, weil durch pornografische Bilder ein unglaublicher Leistungsdruck bei ihnen entstanden ist. Da braucht es mehr Aufklärung, wie diese Filmindustrie funktioniert und dass es eben nur Film und nicht Realität ist.
Ärzt*in für Wien: Wie sehr ist Sexualmedizin in der universitären Ausbildung verankert und wie präsent ist es später im ärztlichen Alltag?
Varga: Leider ist Sexualmedizin kein Teil der universitären Ausbildung. Angehende Ärztinnen und Ärzte lernen weder das Fachliche, also etwa die Zusammenhänge zwischen diversen Erkrankungen und Sexualität, noch den kommunikativen Umgang damit auf der Uni. Mein Anliegen wäre, das Thema bereits dort zu etablieren und später die Sexualmedizin als Routine im medizinischen Alltag zu leben. Sei es im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung die sexuelle Gesundheit zu thematisieren oder bei anstehenden Therapien oder Medikamentenverordnungen die Patientinnen und Patienten über etwaige kontrasexuelle Nebenwirkungen zu informieren. Wir Ärztinnen und Ärzte müssen die Gesprächsführung im sexualmedizinischen Kontext lernen, um die schon erwähnten Brücken für offene Gespräche bauen zu können, denn unsere Patientinnen und Patienten sind bei diesen Themen oft schambesetzt. Und nicht nur die Patientinnen und Patienten fühlen Scham, auch Ärztinnen und Ärzte sind schambesetzte Wesen und tun sich manchmal schwer, Sexualität anzusprechen. Manche sehen es sogar als peinliche Einmischung in das Privatleben unserer Patientinnen und Patienten. Aber wir fragen doch nicht aus Neugierde, sondern weil wir den medizinischen Auftrag haben, die sexuelle Gesundheit, die untrennbar mit der Gesamtgesundheit verbunden ist, zu erhalten beziehungsweise zu schützen und wenn nötig, zu therapieren, ohne jemals die Patientinnen und Patienten im Gespräch zu beschämen. Das ist die Voraussetzung, um auch eine Enttabuisierung des Themas zu erzeugen und dabei sollten auch wir Ärztinnen und Ärzte unsere eigene potenzielle Scham überwinden. Es soll in den Köpfen der Menschen ankommen, dass sexuelle Gesundheit ein Menschenrecht ist und dass es Ärztinnen und Ärzte gibt, die hier helfen können, wenn Probleme entstehen.
Ärzt*in für Wien: Sie sind ja gleichzeitig auch Sexualtherapeutin. Wie handeln Sie bei Partnerschaften, wo die Sexualität zum Erliegen kommt?
Varga: Sehr oft ist die Kommunikation zwischen den Paaren das Problem. Man fühlt sich nicht verstanden vom anderen und gerät in einen Teufelskreis. In der Sexualtherapie kann man genau hier arbeiten und die Emotionen des Paares ins Zentrum rücken. Es geht darum, neue Kommunikationsformen zu üben und aufzudecken, wo der Leidensdruck des jeweils anderen eigentlich sitzt. Man muss natürlich als Sexualmedizinerin oder -mediziner nicht zwingend auch Sexualtherapeutin oder-therapeut sein. Aber grundsätzlich geht es darum, dass sexuelle Funktionsstörungen selten monokausal, sondern meist multifaktoriell sind und dies immer bedacht werden muss. Man sollte in der Medizin immer vor dem Hintergrund agieren, dass wir biopsychosoziale Wesen sind und eben nicht nur aus unserem Körper bestehen. Und das ist in der Sexualmedizin besonders wesentlich. Erst wenn man dieses große Ganze berücksichtigt, können wir eine optimale Behandlung gewährleisten. Das Schöne an der Sexualität ist, dass sie ein wandelbarer Prozess ist und dass sie sich den Möglichkeiten der jeweiligen Lebensphase anpasst. Die Sexualität eines 60-jährigen Paares ist nicht so wie die eines 20-jährigen Paares. Viele wollen so „funktionieren“ wie früher. Es ist erleichternd für Menschen, wenn sie erfahren, dass es nicht so wie „früher“ sein muss, sondern so wie „heute“ sein darf. Denn das Ziel sollte doch sein, eine befriedigende Sexualität zu haben und diese erreicht im Laufe eines Lebens viele verschiedene Facetten. Und das ist eine Entdeckungsreise, die man in der Sexualtherapie ganz wunderbar begleiten kann und wo man als Ärztin oder Arzt auch sehr viel über sich selbst erfährt.
Was ist sexuelle Gesundheit?
„Es gibt eine perfekte WHO-Definition: Sexuelle Gesundheit ist ein Zustand des körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität. Sie geht weit über die bloße Abwesenheit von Krankheiten hinaus, so Katja Varga. Wichtige Säulen sind dabei: Einverständnis und Selbstbestimmung, also das Recht, die eigene Sexualität frei, selbstbestimmt, lustvoll und frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt zu erleben und zu gestalten. Auch gehört dazu die körperliche Sicherheit, also auch die Möglichkeit, sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, beispielsweise durch den Schutz vor ungewollten Schwangerschaften oder auch sexuell übertragbare Erkrankungen. Zudem umfasst sie die Möglichkeit, offen über eigene Bedürfnisse und Wünsche sprechen zu dürfen und respektvolle Beziehungen zu führen. Sexuelle Gesundheit trägt laut WHO erwiesenermaßen zum Wohlbefinden und zu einer höheren Gesamtgesundheit und Zufriedenheit der Menschen bei.
Weiterbildungen
ÖÄK-Zertifikatslehrgang Basismodul Sexualmedizin 2026 - Grundkurs
