„Es bräuchte nicht viel, um viel mehr erreichen zu können“
In Österreich gibt es zahlreiche Angebote rund um die Gesundheitsvorsorge – genutzt werden diese jedoch nicht in zufriedenstellendem Ausmaß. Eine, die mit dieser Problematik bestens vertraut ist, ist Sigrid Pirker-Hammerle, Allgemeinmedizinerin im ÖGK Gesundheitszentrum Favoriten und Leiterin des Referats für Vorsorgemedizin. Die Ärztin, die in den letzten Jahren an die 6000 Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt hat, über Lücken und Verbesserungspotenziale.
Ärzt*in für Wien: Effizienzsteigerungen und Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen sind Schlagworte, die in der Gesundheitspolitik seit Jahren intensiv diskutiert werden. Inwiefern können gezielte Gesundheitsvorsorge-Programme dazu beitragen, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken?
Pirker-Hammerle: In erster Linie geht es um die Patientinnen und Patienten und darum, sie dabei zu unterstützen, möglichst viele gesunde Lebensjahre zu erreichen. Prävention ist kein Nice-to-have, sondern eine strukturelle Notwendigkeit. Die Bevölkerung wird immer älter, im Alter steigt die Zahl der multimorbiden Patientinnen und Patienten stark an und jemand muss diese Menschen ja auch medizinisch versorgen. Da ist es natürlich sinnvoll, wenn man durch regelmäßige Gesundheits-Checks chronische Erkrankungen erst gar nicht aufkommen lässt. Das bedeutet nicht nur weniger Leid der Betroffenen, sondern ist auch ein Hebel, um im Gesundheitswesen Kosten zu sparen. Gesunde Menschen bedeuten weniger Arbeitsausfälle, weniger Spitalsaufenthalte, weniger Medikamentenkosten – und ganz wichtig: eine höhere Lebensqualität und Selbstständigkeit im Alter.
Ärzt*in für Wien: Bei der Vorsorgeuntersuchung, die einmal jährlich ab 18 Jahren kostenlos in Anspruch genommen werden kann, werden bestimmte Parameter angeschaut, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes zu eruieren und ungesunde Lebensgewohnheiten wie Rauchen und hohen Alkoholkonsum zu besprechen. Ist das genug?
Pirker-Hammerle: Nein. Wir haben hier ein Strukturproblem: Dass es die Möglichkeit der Vorsorgeuntersuchung gibt, ist gut, aber sie ist nicht vom Anfang bis zum Ende durchdacht. Patientinnen und Patienten zu raten, sie sollen ihrer Gesundheit zuliebe mit dem Rauchen aufhören, mehr Bewegung machen, besser auf ihre Ernährung achten oder ihren Alkoholkonsum reduzieren, ist nett, aber damit ist es nicht getan. Selbst wenn sie es wollen, schaffen sie es meistens nicht, wenn sie keine weiterführende Unterstützung haben. Was in dem ganzen Prozedere – von der Einladung zur Vorsorgeuntersuchung, über den Termin, die Blutabnahme bis hin zur Untersuchung – fehlt, ist der Brückenschlag zum letzten Punkt, nämlich zu der Präventionsmaßnahme, die greift. Das kann eine Ernährungsberatung sein oder ein Raucherentwöhnungsprogramm. Was dabei ganz wesentlich ist, ist das kontinuierliche ärztliche Gespräch, bei dem man Erfolge besprechen und die Patientinnen und Patienten zum Weitermachen motivieren kann.
Ärzt*in für Wien: Kostenlose Angebote wie die Basisvorsorgeuntersuchung oder die Vorsorge-Koloskopie werden nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung regelmäßig genutzt. Wie könnte man das verbessern?
Pirker-Hammerle: Tatsächlich ist es so, dass nur etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung die Basisvorsorgeuntersuchung nutzen – diesbezüglich stehen wir im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nicht besonders gut da. Und von den Patientinnen und Patienten, die das Angebot nutzen, ist der Großteil ohnehin schon gesundheitsbewusst, wohingegen wir die Menschen, die es am dringendsten bräuchten, eher schlecht erreichen. Hier gäbe es sicher einige Ansätze, um die Quote zu erhöhen. In den Niederlanden beispielsweise liegt die Akzeptanz der allgemeinen Vorsorgeuntersuchung bei 70 Prozent. Ein Erfolgsfaktor ist hier, dass die Bevölkerung aktiv kontaktiert wird mit einem bereits feststehenden Untersuchungstermin, womit die erste große Hürde, nämlich sich einen Termin auszumachen, für die Patientinnen und Patienten wegfällt.
Ein weiterer Punkt sind Anreizsysteme, so wie es bei der SVS (Sozialversicherung der Selbständigen) schon lange üblich ist.
Und wenn man die Leute einmal in der Ordination oder im Gesundheitszentrum hat, ist das ausführliche ärztliche Gespräch ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Wenn ich den Patientinnen und Patienten in Ruhe erkläre, warum jetzt eine Mammografie oder eine Koloskopie sinnvoll wäre, auch wenn keine akuten Beschwerden vorliegen, wenn ich ihnen die Angst oder etwaige Bedenken nehme, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie diese Untersuchung auch machen, viel höher. Was uns zu dem leidigen Thema führt, dass die Gesprächsmedizin nicht so honoriert wird, wie es nötig wäre.
Ärztin für Wien: Ihr Referat hat im Vorjahr unter niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen der Allgemeinmedizin, Allgemein- und Familienmedizin, Inneren Medizin, Lungenkrankheiten sowie Chirurgie eine Umfrage zu Verbesserungspotenzialen der Vorsorgeuntersuchung gemacht. Ein wesentlicher Kritikpunkt, der genannt wurde, war die fehlende Vorsorge für Kinder und Jugendliche. Wie sehen Sie das?
Pirker-Hammerle: An dieser Stelle möchte ich mich für das Engagement der Kolleginnen und Kollegen herzlich bedanken.
Bei der präventiven Gesundheitsversorgung von Kindern und Jugendlichen gibt es definitiv eine große Lücke. Wenn man sich vor Augen führt, dass in Wien an die 30 Prozent der stellungspflichtigen Burschen aufgrund von Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Erkrankungen des Bewegungsapparats oder psychischen Problemen untauglich sind, müssten in der Gesundheitspolitik schon längst sämtliche Alarmglocken läuten.
Ein neugeborenes Baby kommt automatisch in das Eltern-Kind-Pass-Programm, das zur Vorsorge für werdende Mütter und Kleinkinder bis zum fünften Lebensjahr gedacht ist. Die Untersuchungen, die in der Schwangerschaft und bis zum 14. Lebensmonat des Kindes Voraussetzung für den Erhalt des Kinderbetreuungsgeldes sind, werden wahrgenommen, ab dann geht es bergab. Insofern halte ich die Ausweitung eines verpflichtenden beziehungsweise an finanzielle Leistungen gekoppelten Eltern-Kind-Pass-Programms bis zum fünften Lebensjahr für sinnvoll und wichtig, um die Gesundheit und Entwicklung der Kinder nicht aus den Augen zu verlieren.
Ärztin für Wien: Wie soll es danach weitergehen?
Pirker-Hammerle: Danach sollte es theoretisch mit den schulärztlichen Jahresuntersuchungen weitergehen, die in Österreich sogar verpflichtend sind. Da tut sich allerdings die nächste Lücke auf. Tausende von Kindern werden jährlich nicht untersucht, weil es zu wenige Schulärztinnen und Schulärzte gibt, unterschiedliche Träger zuständig sind, die das bezahlen, et cetera. Wenn es nicht möglich ist, den schulärztlichen Dienst österreichweit flächendeckend und mit zeitgemäßen Untersuchungen aufzustellen, muss sich die Politik für die Kinder-Gesundheitsvorsorge Alternativen einfallen lassen. Die SVS hat mit dem „Gesundheits-Check Junior“ ein sinnvolles Programm etabliert, das von mitversicherten Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und18 Jahren in Anspruch genommen werden kann. Solche Vorsorge-Tools wären für sämtliche Krankenversicherungsträger erstrebenswert.
Ärztin für Wien: Ein weiterer von vielen Punkten, die in der Umfrage angesprochen wurden, ist das Thema Osteoporose. Wenn sich ältere Menschen bei Stürzen die Knochen brechen, wochenlang im Spital liegen und eine Reha benötigen, ist das auch ein hoher Kostenfaktor. Wie sieht es mit der Osteoporose-Vorsorge aus?
Pirker-Hammerle: Osteoporose wird bei der Vorsorge komplett stiefmütterlich behandelt, auch hier gibt es dringenden Handlungsbedarf. In Österreich sind schätzungsweise 370.000 Frauen und 90.000 Männer betroffen, die Dunkelziffer ist jedoch weitaus höher. Knapp 100.000 Knochenbrüche sind jährlich auf Osteoporose zurückzuführen. Abgesehen davon, dass Hüftprothesen und Reha-Aufenthalte viel Geld kosten, geht es um Leid, Immobilität und erhöhte Mortalität nach schweren Knochenfrakturen im Alter.
Ein wesentliches Problem ist, dass die Politik diese Problematik noch nicht erkannt hat, ein weiteres, dass es keine klare Zuständigkeit einer bestimmten Fachrichtung für die Osteoporose-Vorsorge mit Risikoerhebung und Therapie-Einleitung gibt – auch weil es hier zwischen den Fächern gewisse Überschneidungspunkte gibt.
Ärztin für Wien: Welche Wünsche und Ziele haben Sie als Vorsorge-Referentin?
Pirker-Hammerle: Ich wünsche mir, dass Prävention endlich dort ankommt, wo sie hingehört, nämlich im Zentrum unseres Gesundheitssystems. Wir müssen von der Reparaturmedizin wegkommen, die Vorsorge modernisieren, die Aufklärung stärken, Anreize schaffen und gezielt bei Personen gegensteuern, die ein erhöhtes Risiko haben, zu erkranken. Ich sehe es tagtäglich in meiner Arbeit im Gesundheitszentrum Favoriten, dass man Patientinnen und Patienten mit Zeit, Gesprächen, Motivation und Nachkontrollen wirklich dazu bringen kann, ihren Lebensstil langfristig zu ändern und Krankheiten somit verhindert werden können. Es bräuchte eigentlich gar nicht so viel, um viel mehr erreichen zu können.
