Vorsorge
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„Viele Weichen werden bereits in der Kindheit gestellt"

Welche Risikofaktoren sind in Sachen Prävention entscheidend, was macht Fertigmahlzeiten aus medizinischer Sicht so tückisch und wie kann man die Gesundheitskompetenz der Menschen steigern? Friedrich Hoppichler, Internist, Diabetologe und SIPCAN-Gründer, beschäftigt sich unter anderem mit diesen Fragen intensiv und wird nicht müde, die Relevanz von früh beginnender Vorsorge zu betonen.

Eva Kaiserseder

Ärzt*in für Wien: Prävention ist ein enorm wichtiges Thema. Wie gut ist Österreichs Gesundheitswesen darin?
Hoppichler: Österreich verfügt grundsätzlich über ein sehr leistungsfähiges Gesundheitssystem. Im internationalen Vergleich haben wir einen guten Zugang zu medizinischer Versorgung und mit der Gesundenuntersuchung ein etabliertes Vorsorgeangebot. Das Problem ist, dass unser System nach wie vor stärker auf die Behandlung von Krankheiten als auf deren Vermeidung ausgerichtet ist. Außerdem nützt nicht einmal jede fünfte Österreicherin beziehungsweise jeder fünfte Österreicher pro Jahr das Angebot der kostenlosen Vorsorgeuntersuchung. Viele wissen daher nicht, dass sie an Diabetes oder Bluthockdruck leiden (rund 20 Prozent der Betroffenen), weil man diese Risikofaktoren auch oft nicht spürt. Gerade bei Lebensstil- beziehungsweise chronischen Erkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Bluthochdruck, könnten wir wesentlich mehr erreichen, wenn Prävention früher beginnen und konsequenter umgesetzt würde.

Ein wichtiges Ziel ist dabei eine gute Gesundheitskompetenz der Bevölkerung. Es bedeutet das Wissen, die Motivation und die Fähigkeit, gesundheitsbezogene Informationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und auch anzuwenden. Das Ziel ist, lebenslang Gesundheit und Lebensqualität zu erhalten, sinnvolle präventive Maßnahmen in Anspruch zu nehmen und mit Krankheiten gut umgehen zu können. Trotz vieler Bemühungen sind wir hier im internationalen Vergleich keine Ausnahme: So haben circa 47 Prozent der in Österreich lebenden Menschen eine zu geringe Gesundheitskompetenz. Besonders betroffen sind Menschen mit geringer formaler Bildung, sprich maximal mit Pflichtschulabschluss, Personen in finanziell prekären Situationen, Arbeitsuchende, Menschen mittleren Alters und solche mit Gesundheitsproblemen – ein Teufelskreis. Diese Menschen weisen nämlich ein ungünstigeres Bewegungs‐ und Ernährungsverhalten und einen höheren Body-Mass-Index auf, können ihre gesundheitliche Situation schlechter einschätzen und sind häufiger von chronischen Erkrankungen und gesundheitsbedingten Einschränkungen im Alltag betroffen. Zudem kommen sie schlechter mit chronischen Erkrankungen zurecht, nehmen das Gesundheitssystem stärker in Anspruch und 
verbringen mehr Tage im Krankenstand.

Viele Menschen wissen zwar, dass ein gesunder Lebensstil wichtig ist, unterschätzen aber den tatsächlichen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko. Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz müssen daher auf breiter Bevölkerungsebene stattfinden – in Kindergärten, Schulen, Betrieben und Gemeinden. Und es braucht gesündere Lebensräume: mehr Bewegungsmöglichkeiten, gesündere Speiseangebote, ein ausgewogenes, leistbares, tägliches Mittagessen in den Schulen und so weiter. Von politischer beziehungsweise öffentlicher Seite gibt es dafür leider immer noch zu wenig Durchsetzungskraft und konkrete Unterstützung bei der Umsetzung. Ein weiterer Schwachpunkt ist das mangelnde Angebot und insbesondere die mangelnde öffentliche Finanzierung der Adipositasprävention beziehungsweise -therapie, insbesondere bei Kindern. Das wäre ein großer Hebel, denn die übergewichtigen Kinder von heute sind die Diabetiker von morgen.

Ärzt*in für Wien: Worauf sollte – für Sie als Internist und Diabetologe – mehr Augenmerk gelegt werden?
Hoppichler: Ich würde mir wünschen, dass Risikofaktoren deutlich früher erkannt und ernst genommen werden. Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Übergewicht oder eine beginnende Insulinresistenz entwickeln sich oft über viele Jahre, bevor Beschwerden auftreten. Gerade diese „stillen" Risikofaktoren bieten aber die größte Chance für erfolgreiche Prävention. Besonders wichtig wäre außerdem, Prävention nicht erst im mittleren Lebensalter beginnen zu lassen. Viele Weichen für die spätere Gesundheit werden bereits in der Kindheit und Jugend gestellt. Wir wissen aus Langzeitstudien, dass etwa 80 Prozent der Jugendlichen mit Adipositas auch als Erwachsene adipös bleiben. Gleichzeitig entstehen viele Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits in jungen Jahren. Deshalb sollten Informationen zu gesunder Ernährung, regelmäßiger Bewegung und ausreichend Schlaf altersgerecht und mit Freude vermittelt werden – in der Familie ebenso wie in der Schule.

Ärzt*in für Wien: Was sind sozusagen neue Trends in der Präventionsmedizin? Was ist nicht mehr State of the Art oder, anders gefragt, welche Marker haben an Relevanz gewonnen oder verloren?
Hoppichler: Die Präventionsmedizin entwickelt sich zunehmend in Richtung einer personalisierten Risikobewertung. Heute betrachten wir nicht mehr nur einzelne Laborwerte, sondern das gesamte individuelle Risikoprofil. Als neuer Risikomarker für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat sich in den letzten Jahren das Lipoprotein(a) herauskristallisiert. Da der Wert genetisch festgelegt ist und er sich nicht wesentlich verändert, genügt es, ihn einmal im Leben zu bestimmen. Was nicht mehr State of the Art ist: Früher galt der LDL/HDL-Quotient als bedeutsame Größe bei der Beurteilung des kardiovaskulären Risikos. Heute weiß man, dass ein hoher HDL-Cholesterinwert einen hohen LDL-Cholesterinwert nicht ausgleichen kann. Die Therapieziele richten sich daher nun vorwiegend an der Höhe des LDL-Cholesterins aus. Aktuelle Trends sind außerdem digitale Gesundheitsanwendungen beziehungsweise Apps und auch Wearables zur Bewegungs- und Rhythmusüberwachung. Wenig sinnvoll ist jedenfalls ein ungezieltes Monitoring oder Screening von zahlreichen Laborparametern ohne medizinische Fragestellung. Mehr Diagnostik bedeutet nicht automatisch bessere Prävention. Entscheidend ist, dass Untersuchungen wissenschaftlich sinnvoll sind und konkrete präventive oder therapeutische Konsequenzen haben. 

Ärzt*in für Wien: Welche konkreten Vorsorgechecks und Screenings empfehlen Sie Ihren Patientinnen und Patienten?
Hoppichler: Die wichtigste Basis ist die jährliche Vorsorgeuntersuchung, die für alle in Österreich lebenden Menschen ab 18 Jahren vom österreichischen Gesundheitssystem übernommen wird und auch bei jungen Erwachsenen schon Sinn macht. Dazu gehören die Kontrolle beziehungsweise Messung von Gewicht, Bauchumfang, Body-Mass-Index, Blutdruck, Blutfetten, Blutzucker, die Abschätzung des individuellen Herz-Kreislauf-Risikos insbesondere auch unter Berücksichtigung der familiären Vorbelastung und eine Lebensstilberatung in Hinblick auf Ernährung, Bewegung, Nikotin- und Alkoholkonsum sowie Schlaf- und Stressmanagement. Ab 45 Jahren ist dazu die Darmkrebsvorsorge essenziell, und bei entsprechenden Risikokonstellationen auch die Überprüfung von Nieren- und Herzfunktionen. Bei Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck, familiärer Vorbelastung oder Adipositas beginnen viele Untersuchungen deutlich früher und engmaschiger beziehungsweise aufgrund eines Begleiterkrankungsrisikos; etwa regelmäßige Augen-, Nieren- und Fußuntersuchungen bei Diabetikerinnen und Diabetikern. Das heißt, wichtig ist immer auch eine individuelle Empfehlung für Screenings, je nach Alter und Risikoprofil, im Rahmen einer ärztlichen Beratung und Abklärung.

Ärzt*in für Wien: Soll man bei der Vorsorge gendern? Welche Untersuchungen sind jeweils für Männer und Frauen besonders sinnvoll – abseits von Prostatacheck und Mammografie?
Hoppichler: Für beide Geschlechter sind Blutdruckkontrollen, Blutzucker- und Cholesterinbestimmungen sowie die Darmkrebsvorsorge von großer Bedeutung. Frauen sollten zusätzlich auf Schwangerschaftskomplikationen wie Gestationsdiabetes – betroffene Frauen haben ein siebenfach höheres Risiko, später an Typ-2-Diabetes zu erkranken – oder Präeklampsie achten, da diese auch das spätere Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen können. Auch die Menopause ist eine sensible Zeitspanne, die in der Vorsorge berücksichtigt gehört. Bei Männern beobachten wir häufig, dass Vorsorgeuntersuchungen später oder seltener wahrgenommen werden. Gerade deshalb sind regelmäßige Kontrollen von Blutdruck, Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-Risikofaktoren besonders wichtig. Grundsätzlich gilt: Die Prävention sollte sich am individuellen Risikoprofil orientieren, an der familiären Belastung, am Lebensstil und an bestehenden Erkrankungen.

 

Fact Box SIPCAN 

„Eine unabhängige, wissenschaftliche Institution, die Menschen in verantwortungsvollen Positionen dabei unterstützt, besser für andere Sorge zu tragen." So definiert sich SIPCAN (Special Institute for Preventive Cardiology and Nutrition) selbst. Friedrich Hoppichler ist Gründer des Vereins. Seit 2005 werden pädagogischem Personal, Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, Eltern sowie der Nahrungsmittelindustrie Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, die eine gesundheitsfördernde Ernährung und damit eine Steigerung der Lebensqualität ermöglichen sollen. Ein breit aufgestelltes interdisziplinäres Team unter anderem aus Ernährungswissenschaft, Immunologie oder Gesundheitspsychologie ist das wissenschaftliche Rückgrat des Vereins.

„Trotz vieler Bemühungen sind wir hier im internationalen Vergleich keine Ausnahme: So haben circa 47 Prozent der in Österreich lebenden Menschen eine zu geringe Gesundheitskompetenz.“
Eine Ärztin steht im Klassenzimmer und unterrichtet Gesundheit.
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr - lautet ein Sprichwort. Und in der Tat ist die Gesundheitskompetenz in jungen Jahren der Schlüssel zu einem gesünderen Leben.
Foto: iStock/skynesher
Blonder Mann mit Brille
Friedrich Hoppichler ist Internist und seit 2008 Ärztlicher Direktor im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder.
Foto: Mike Vogl
„Die übergewichtigen Kinder von heute sind die Diabetiker von morgen.“
 
© Ärztin für Wien | 15.07.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/gesundheitspolitik/viele-weichen-werden-bereits-der-kindheit-gestellt