Patientenbesuche zwischen Parkbank und Wald
Monika Stark ist Allgemeinmedizinerin, Notärztin und Gründerin von „Med4Hope“. Die ärztliche Wiener Hilfsorganisation kümmert sich um die niederschwellig-medizinische Betreuung von obdachlosen Menschen.
Med4Hope steht für Medical Aid for Homeless People, also medizinische Hilfe für obdachlose Menschen, und dient der ärztlichen Wiener Hilfsorganisation, die vor vier Jahren von Allgemeinmedizinerin Monika Stark gegründet wurde, als Name. Und der steht nicht für eine leere Worthülse, sondern für eine Arbeit, die immer dringender wird.
Ärzt*in für Wien: Was hat Sie bewogen, Med4Hope zu gründen?
Monika Stark: Ich bin Allgemeinmedizinerin und Notärztin, und seit 25 Jahren in der medizinischen Betreuung obdachloser und nicht krankenversicherter Menschen tätig. Davon habe ich die meiste Zeit als ärztliche Leiterin für den Louisebus der Caritas gearbeitet, aber auch regelmäßige Dienste für die Diakonie bei AmberMed gemacht. Obwohl die medizinische Versorgung obdachloser Menschen in Wien gut organisiert ist, sind mir in all der Zeit Versorgungslücken aufgefallen, die großes Leid verursachen, wie das Fehlen eines aufsuchenden Angebots für Menschen, die es nicht zu den vorhandenen Einrichtungen schaffen, und davon gibt es gerade in dieser Bevölkerungsgruppe sehr viele. Außerdem gab es bis dahin auch keine Möglichkeit, diese doch sehr spezielle Art der Medizin in Form von zertifizierten Schulungen zu erlernen. Es ist als würde man Notarztdienste machen ohne eine notfallmedizinische Ausbildung zu haben. Um diese Lücken zu schließen haben wir Med4Hope gegründet.
Ärzt*in für Wien: Was unterscheidet die Straßenmedizin von herkömmlicher Versorgung in der Ordination?
Stark: Obdachlose Menschen haben – wie der Name schon sagt – kein Dach über dem Kopf, also kein Zuhause, das klingt banal, aber die Wirkungen sind uns nicht in aller Härte bewusst: Sie können sich kaum oder nur sehr selten waschen oder gar duschen. Damit steigen die Infektionen, die darüber hinaus auch meistens – wenn überhaupt – viel zu spät behandelt werden. Wir hatten in den letzten zwölf Monaten zwei Fälle von Weichteildiphterie bei obdachlosen Patienten im Rahmen unserer aufsuchenden Straßenmedizin. Das ist eine Erkrankung, die ich seit meiner Promotion 1995 vorher noch nie gesehen haben, weder in der Ordination noch im Krankenhaus. Um hier entgegen zu wirken, haben wir ein Programm entwickelt: mobile ärztliche Duschambulanzen zur medizinischen Versorgung von obdachlosen Menschen. Wir werden heuer dank eines großzügigen privaten Spenders und seiner Gattin noch in der Lage sein, den Prototypen davon als „Elisabeth Bus“ auf die Straßen Wiens zu bringen, um dort noch besser helfen zu können und Erfahrungen damit zu sammeln. Mit den Learnings daraus planen wir jetzt schon einen weiteren Bus, der ebenfalls bereits gestiftet wurde vom Lions Club, der als internationales Pilotmodell dienen soll, das auch von anderen Clubs an kooperierende Einrichtungen ausgeliehen und nachgebaut werden kann, um möglichst großen Nutzen zu stiften. Abgesehen von den Hygieneproblemen können unsere Patientinnen und Patienten aber auch ihre persönlichen Sachen nicht wegsperren und sind im Schlaf wehrlos ausgeliefert gegenüber körperlichen Angriffen und Diebstahl. Das betrifft natürlich auch ihre Medikamente, was eine kontinuierliche Behandlung vor allem von chronischen Erkrankungen erschwert. Sie sind der Witterung ausgesetzt – und das ist an heißen Tagen mindestens genauso schlimm wie in der Kälte. Außerdem können sie sich so gut wie nie die Schuhe ausziehen. Wenn man sich die Schuhe wochenlang nicht auszieht, hat das fatale gesundheitliche Folgen. Viele Menschen, die auf der Straße leben, haben Verdauungsprobleme, durch Nahrung aus Mülleimern und der Unmöglichkeit, verderbliche Speisen zu kühlen. Darüber hinaus entwickeln sich chronische Krankheiten, wie beispielsweise Diabetes, zu schweren Erkrankungen mit den entsprechenden Folgeschäden.
Ärzt*in für Wien: Klappern Sie beziehungsweise Ihre ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einschlägige Plätze auf Verdacht ab oder erhalten Sie gezielte Infos zu Notsituationen?
Stark: Wie wir begonnen haben, waren wir nur auf Anfrage von Streetworkern im Einsatz. Wenn diese Hilfsbedarf orten, beispielsweise wenn die Person nicht gehfähig ist, die Hoffnung auf Hilfe aufgegeben hat, aufgrund schlechter Vorerfahrungen oder aus Angst vor Kosten ärztliche Behandlung oder den Transport ins Krankenhaus ablehnt, oder wenn sie aufgrund einer psychischen Erkrankung keine Krankheitseinsicht hat. Im Laufe der Zeit haben wir aber unsere Einsatzmodi um fixe Runden erweitert, die wir mit den Streetworkern regelmäßig an den Hotspots – etwa rund um Bahnhöfe, entlang der Einkaufsstraßen und Parks – durchführen. Das erleichtert die Einsatzplanung für unsere ehrenamtlichen Ärztinnen und Ärzte, und wir können dadurch präventiv vieles verhindern.
Ärzt*in für Wien: Es hat manchmal den Anschein, als würden sich viele obdachlose Menschen ihrem Schicksal einfach so ergeben. Wie sehen Sie das?
Stark: Viele haben schlimme Schicksalsschläge hinter sich, sind in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, flüchteten vor Armut aus ihren Heimatländern oder leiden an psychischen Erkrankungen. Allen ist gemeinsam, dass das Leben auf der Straße mit seinen wiederholten traumatisierenden Erlebnissen all diese traurigen Vorerfahrungen verfestigt. Daher ist zunächst der Vertrauens- und Beziehungsaufbau unser erstes und wichtigstes Tool in der Straßenmedizin. Wenn das gelingt, wird die Hand, die wir ausstrecken, auch angenommen.
Ärzt*in für Wien: Gesunder Schlaf ist für Menschen besonders wichtig. Kommen obdachlose Menschen überhaupt dazu?
Stark: Wir haben bei Med4Hope mehrere ehrenamtliche Peer-Mitarbeitende (ehemalige obdachlose Menschen, Anm. d. Red.) bei uns im Verein. Einer davon hat bei einer unserer Ärztefortbildungen bemerkt, als es um die Behandlung von Schlafstörungen bei obdachlosen Menschen ging: „Wenn du auf der Straße lebst, schläfst du immer nur mit einem Auge“. Das andere bewacht den Körper sowie das spärliche Hab und Gut. Außerdem sind die Schlafmöglichkeiten entweder laut, wie etwa unter Brücken oder in der Nähe großer Straßen, oder gefährlich, wenn man abseits der Öffentlichkeit in einem dunklen Park oder an einem anderen ruhigeren Ort schlafen möchte. Allen Orten gemeinsam ist, dass Temperaturen und harte Schlafunterlagen es kaum gestatten, ungestört die erforderliche Mindeststundenzahl durchzuschlafen. Das hinterlässt Spuren bei den Betroffenen – physisch und mental. Vielfach können obdachlose Menschen auch gar nicht im Liegen schlafen, vor allem wenn das Wetter eine Übernachtung im Freien nicht zulässt, sondern müssen sitzend schlafen, etwa in Wartebereichen auf Bahnhöfen, Haltestellen oder in Nachtautobussen. Wer sich dort hinlegt, wird gleich entfernt. Bänke im öffentlichen Raum werden neuerdings so gestaltet, dass man sich nicht mehr darauflegen kann. Wenn Sie aber die ganze Zeit sitzen und die Beine nicht hochlagern, führt das zu orthostatischen Problemen, wie zu Stauungsdermatitis durch chronisch venöse Insuffizienz. Dadurch kommt es zu Ulzera, die ohne Verband und Reinigungsmöglichkeit zu Infektionen führen, die im schlimmsten Fall bis hin zur Amputation führen können. Was das für ein Leben auf der Straße bedeutet, will man sich gar nicht vorstellen.
Ärzt*in für Wien: Warum beziehen viele obdachlose Menschen keine Notschlafstelle?
Stark: Sie dürfen sich das nicht wie ein Hotel vorstellen. Dort sind bis zu 60 Menschen in einem Raum, die es gewohnt sind, sich sehr anstrengen zu müssen, um für uns völlig normale Dinge wie Essen, Duschen oder Gewandwechsel zu erledigen. Da wird es schon manchmal laut, viele schnarchen, husten, kratzen sich und so weiter. „Da überlegt man sich schon ob man nicht lieber allein in einem Teppich im Wald schlaft“, wie es mir einer meiner Patienten mal erklärt hat, der sich für diese Version entschieden hat. Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihr ganzes Hab und Gut auf drei Koffer reduzieren und dann auch noch einen davon stehen lassen, weil Sie sonst keinen Zugang zu einer Notschlafstelle kriegen. Das ist übrigens auch einer der Gründe warum oft das Mitfahren mit der Rettung verweigert wird: Rollatoren, und was sie sonst alles besitzen, darf nicht mitgenommen werden und wenn sie zurückkommen, ist alles weg.
Ärzt*in für Wien: Wie ist Obdachlosigkeit für Frauen?
Stark: Darüber könnten wir einen eigenen Artikel machen. Das ist tatsächlich ein großes Problem und hat viele Besonderheiten. Man sieht weniger obdachlose Frauen im öffentlichen Bereich, aber es gibt sie genauso. Allerdings sind sie viel öfter von „versteckter Obdachlosigkeit“ betroffen. Sie schlafen eher bei irgendwelchen Leuten, meist Männern, weil es auf der Straße so unsicher ist.
Ärzt*in für Wien: Gibt es auch sonderbare Begegnungen?
Stark: Vielleicht im Zusammenhang mit dem, was psychisch gesunde Menschen darunter verstehen würden. Wir haben natürlich auch Patientinnen und Patienten, die an wahnhaften Störungen leiden, das ist auch oft die Ursache für ihre Obdachlosigkeit und da herrscht eine eigene Logik. Wenn mir als Ärztin jemand sagt, ich darf einen Fuß nicht verbinden, der hochentzündet und geschwollen ist und aus dem Exsudat tropft, weil die CIA dort Mikrochips implantiert hat und das nun rausfließen muss, und alle, die das berühren, auch damit infiziert werden, dann würde ich dem nie widersprechen. Sonst macht dieser von diesen Ängsten und Überzeugungen betroffene Mensch zu und ich habe nie wieder eine Chance, an ihn oder sie heranzukommen. Ich kann aber zuhören, die Angst hinter so einer Vorstellung verstehen und die notwendigen Verbandsmaterialen dalassen, damit die Person sich selbst versorgt und vielleicht Vertrauen fasst. Auch wenn das nicht der optimalen Wundversorgung entspricht, ist es doch allemal besser als die alten Zeitungspapiere, die sonst von den Betroffenen als „Verband“ benutzt werden.
Ärzt*in für Wien: Warum machen Sie und andere Ärztinnen und Ärzte diese ehrenamtliche Tätigkeit?
Stark: Ich wünsche jedem, das erleben zu können. Im Endeffekt ist es eine sehr befriedigende Arbeit. Medizin können wir ja alle. Und fast alle haben Zugriff darauf. Doch wie sieht das Leben von Menschen aus, die keine medizinische Leistung in Anspruch nehmen können. Die Dankbarkeit, die man dabei erlebt, und die Möglichkeit mit einfachen Handgriffen helfen zu können, Leid zu nehmen oder ein offenes Ohr zu bieten, sind ein echter Glücksmoment. Ich denke, im Endeffekt haben wir doch damals Medizin studiert, um genau das machen zu können: unbürokratisch und unmittelbar zu helfen und zu heilen.
Ärzt*in für Wien: Es gibt Schwierigkeiten für obdachlose Menschen – auch über die Zeit der Obdachlosigkeit hinaus. Welche sind das?
Stark: Aus gesundheitlicher Sicht sind es die vielen Infektionen und Erkrankungen, die nicht behandelt und chronisch geworden sind. Aber auch aus finanzieller Sicht: Wenn man ohne Krankenversicherung von der Rettung aufgelesen und ins Spital gebracht wird, dann werden die Personalien aufgenommen. Nach der Spitalsentlassung werden Rechnungen ausgestellt und verschickt. Die kommen natürlich – mangels Wohnadresse – nicht bei den Patientinnen und Patienten an und selbst wenn sie bei einer Postadresse landen, können sie nicht bezahlt werden. Dadurch entstehen horrende Mahngebühren und es werden Exekutionstitel schlagend. Sobald so jemand aber im System wieder aufscheint, kommen die Schuldeneintreiber. Das passiert zumeist dann, wenn ehemalige Obdachlose wieder einen Job gefunden haben. Für einen Job braucht man ein Konto und eine Meldeadresse. Und so wird der erste Lohn gepfändet, bevor der erste Arbeitsmonat um ist. Sie können sich vorstellen, dass wenige Unternehmen dafür Verständnis haben. Das ist ein anderer Grund, warum obdachlose Menschen das Mitfahren im Rettungswagen oftmals ablehnen – die Angst vor den Kosten.
Ärzt*in für Wien: Wie stark nagen die Lebensumstände obdachloser Menschen an der Lebenserwartung?
Stark: Die Sterblichkeit von obdachlosen Menschen liegt deutlich über der von Menschen mit einer eigenen Wohnmöglichkeit. Je nach Dauer der Obdachlosigkeit sterben obdachlose Männer im Durchschnitt mit Mitte 50, und Frauen – gewaltbedingt – noch früher.
Ärzt*in für Wien: Wie ist es um die palliativmedizinische Betreuung bestellt?
Stark: Wir versuchen die Leute zu begleiten und manche sind schon so lange auf der Straße, dass sie auch tatsächlich gar nirgendwo anders hinwollen. Wir hatten eine obdachlose schizophrene Frau, die selbst früher Krankenschwester war und im Wald gelebt hat. Sie hatte bereits Metastasen eines Ovarialkarzinoms (Eierstockkrebs, Anm. d. Red.) und jede Behandlung abgelehnt. Ein pensionierter, lieber Praktiker von uns namens Karl ist immer zu ihr gegangen, hat Medikamente gebracht und ihr zugehört. Sie hat ihm dann aus einer Blechdose, gewärmt über den Resten gesammelter Friedhofskerzen, Tee gemacht, wenn er sie besucht hat. Er hat sie begleitet und darauf geachtet, dass sie möglichst wenig Schmerzen hat. Leider wurde das Mobilklo, in dem sie übernachtet hat, dann weggebracht und so wurde dieser Dame „ihr Zuhause“ genommen, das war ein arger Rückschlag, und hat ihre Überzeugung gefestigt, dass es andere mit ihr schlecht meinen. Sie war danach deutlich weniger zugänglich und ist auch bald verstorben. Aber es gibt auch viele obdachlose Menschen, die palliativ erkrankt sind und Hilfen brauchen und auch wollen, für die es aber leider – wenn sie nicht versichert sind – keinen Ort gibt in Wien, an dem sie in Würde sterben können. Es „erbarmen“ sich immer wieder Einrichtungen und auch Krankenhäuser dazu, einzelne Patientinnen und Patienten zu behalten – denn keine Kolleginnen und Kollegen, die im Krankenhaus arbeiten, würden wohl einen sterbenden obdachlosen Menschen auf die Straße setzen. Aber die Behandlung verursacht natürlich enorme Kosten. Viel klüger, menschlicher und ökonomischer wäre es, ein Hospiz für obdachlose Menschen in Wien zu schaffen. So wie es das Model schon in Graz gibt.
Mitarbeit und Fortbildung bei Med4Hope
Med4Hope sucht laufend ehrenamtliche Ärztinnen und Ärzte. Siehe unter: www.med4hope.org. Falls Interesse an Hospitationen besteht oder wenn man sich die Arbeit aus nächster Nähe ansehen will, kann man sich in Verbindung setzen mit: notburga@nfast.atund monika.stark@med4hope.org
Darüber hinaus besteht noch die Möglichkeit zur Fortbildung mit Zertifikat „Niederschwellige Medizin“ auf der Med4Hope-Akademie. Die Kursanmeldungen laufen über das Fortbildungsreferat der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien unter: mann@aekwien.at (Fr. Elena Mann) – detaillierte Infos unter der oben angeführten Internetadresse.
