Auszeichnung
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„Mein ganzes Leben dreht sich um Gesundheitsjournalismus“

Köksal Baltaci darf sich über eine weitere Ehrung für seine journalistischen Leistungen freuen: den Pressepreis der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Mit „Ärzt*in für Wien“ spricht der Presse-Journalist unter anderem über seine Sozialisierung, schwierige Gespräche, die er bereits als Kind führte, und über die Kunst, komplexe Gesundheitsthemen verständlich und spannend aufzubereiten.

Denise Daum

Ärzt*in für Wien: Sie erhalten unzählige Pressepreise. Der Preis der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien ist allerdings etwas ganz Besonderes für Sie. Warum?
Baltaci: Der Pressepreis der Ärztekammer ist für mich der Wichtigste von allen. Ich freue mich sehr über dieses Zeichen der Wertschätzung, weil der Preis genau meinen journalistischen Bereich betrifft. Mein Leben besteht nun einmal größtenteils aus Medizinberichterstattung, also Gesundheit im klassischen Sinne, Gesundheitspolitik und Wissenschaft bzw. Forschung. Ich weiß, wie viele Einreichungen es jedes Jahr gibt und welche renommierten Kolleginnen und Kollegen diesen Preis schon gewonnen haben. Deswegen freue ich mich über diesen Preis immer noch am meisten.

Ärzt*in für Wien: Sie leben für den Gesundheitsjournalismus. Woher kommt diese Leidenschaft?
Baltaci: Ich führe das auf meine Sozialisierung zurück. Seit meiner frühesten Kindheit habe ich meine Eltern, Verwandte und sogar fremde Leute aus meinem türkischen Umfeld zu Ärzten begleitet und dort simultan übersetzt. Als Achtjähriger habe ich meiner Tante erklärt, dass sie eine Totgeburt haben wird, als Neunjähriger überbrachte ich die erste Krebsnachricht. Da ist mir klar geworden, wie wichtig es ist, aufgeklärt bei einem Arzt zu sitzen. Wie wichtig es ist zu verstehen, warum es zu welcher Diagnose gekommen ist und warum man welche Medikamente nehmen sollte. Ich habe also schon früh beobachtet, dass Menschen durch Kommunikationsdefizite in ihrer Gesundheit beeinträchtigt waren. Und bereits als Kind habe ich gelernt, zugunsten der Verständlichkeit zu simplifizieren.

Ärzt*in für Wien: Diese Erfahrungen hätten aber ja auch dazu führen können, dass Sie Medizin studieren? 
Baltaci: Stand auch einmal zur Debatte. Aber ich bin mit meiner Jobauswahl sehr glücklich. 

Ärzt*in für Wien: Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihre Karriere ausgewirkt?
Baltaci: Also aus beruflicher Sicht bin ich kein Pandemie-Verlierer. Durch meine gute Vernetzung und mein Verständnis für Medizinjournalismus hatte ich nach Ausbruch der Pandemie einen Vorsprung in der Berichterstattung, den ich gut genutzt habe. Und glücklicherweise ist das Interesse an Gesundheitsthemen auch nach der Pandemie nicht weniger geworden, sondern immer mehr.

Ärzt*in für Wien: Das Interesse an Gesundheitsthemen ist groß, journalistische Expertinnen und Experten gibt es aber vergleichsweise wenige auf diesem Gebiet. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Baltaci: Erstaunlicherweise ist es so. Meine These lautet, dass es immer noch dieses Missverständnis im Journalismus gibt, wonach man ein Allrounder sein sollte. Aber Gesundheitsberichterstattung ist so spezifisch, dass man im günstigsten Fall eine Vorausbildung hat – und wenn nicht, müssen alle Ressourcen in dieses Thema gesteckt werden. Dazu sind die Wenigsten bereit. Man muss immer die Extrameile gehen. Man muss seine Informantenpflege über viele Jahre auf höchstem Niveau halten. Man muss auch Begeisterung für das Thema an sich haben. Und ich bin verrückt danach, das räume ich ein. Mein ganzes Leben dreht sich um Gesundheitsjournalismus. Und irgendwie baue ich in dieses Leben Freundschaften und eine Beziehung ein.

Ärzt*in für Wien: Wie schaffen Sie es, die Balance zwischen der verständlichen Aufbereitung komplexer Themen und der notwendigen Präzision zu halten?
Baltaci: Das ist die zentrale Herausforderung: die breite Masse nicht zu überfordern und die Expertinnen und Experten in der Leserschaft nicht zu langweilen. Das ist ein täglicher Kampf, in dem man immer diese Balance finden muss. Ich liebe das, das ist fantastisch. Meine Strategie lautet: Ich frage mich, wie ich ein Thema, über das ich schreiben soll, meiner Mama, meinem Opa oder einer guten Freundin erklären würde. Also gewöhnlichen Personen ohne nennenswerte medizinische Vorbildung. Das ist für mich ein wunderbarer Leitfaden, um den herum ich mit all meiner Expertise und Erfahrung den Artikel baue.

Ärzt*in für Wien: Welche Momente gab es in Ihrer Karriere, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Baltaci: Da gibt es so viele. Das ist ja das Schöne – wenn man in seinem Bereich gesehen wird, wenn man also nicht irgendwie ins Anonyme hineinarbeitet, sondern wenn die Berichterstattung konkrete Auswirkungen hat. Ein Beispiel: Lange vor der Pandemie ging es in der öffentlichen Debatte um die Mammografievorsorge. Nach einer Artikelserie von mir hat das Gesundheitsministerium Gesetze zur Vorsorge geändert – und davon haben bis zum heutigen Tag Tausende Frauen profitiert.

Ärzt*in für Wien: Welche Person möchten Sie unbedingt einmal interviewen?
Baltaci: Roger Federer. Für mich ist er der perfekte Sportler. Ein unglaublich fleißiger Arbeiter in seinem Sport, gleichzeitig ein Genie. Er spricht mehrere Sprachen, hat ein soziales Engagement, das seinesgleichen sucht, und strahlt gleichzeitig Bescheidenheit aus. Allgemein – das wissen alle Journalisten – führen langersehnte Interviews leider sehr häufig zu Enttäuschungen und Ernüchterungen. Und umgekehrt sind Interviews, die man nur schnell hinter sich bringen wollte, dann sensationell spannend und interessant. 

Ärzt*in für Wien: Wie würden Sie Ihren Informantenkreis beschreiben?
Baltaci: Mein engster Informantenkreis besteht aus Medizinerinnen und Medizinern – großartigen Menschen, mit denen ich jeden Tag im Austausch bin. Mit ihnen läuft es super. Die Bedeutung eines guten Informantenkreises kann gar nicht oft genug erwähnt werden. Die Beziehung zwischen meinen Informanten und mir ist mir geradezu heilig. 

Ärzt*in für Wien: Wenn die Gesundheitsministerin Sie anrufen und Ihnen einen Job anbieten würde, bei dem Sie die Gesundheitspolitik mitgestalten könnten. Wie würden Sie reagieren? 
Baltaci: Es gibt nur zwei Jobs, die für mich außerhalb des Journalismus infrage kommen: Für den einen bin ich zu alt, nämlich Tennisprofi. Und der andere wäre Filmemacher, aber auch das ist mittlerweile eher unwahrscheinlich, fürchte ich. Ich bekomme tatsächlich regelmäßig Angebote von anderen Medien und Branchen. Allen sage ich das Gleiche: Ich habe schon einen Job, mit dem ich glücklich bin. Ich will in diesem Job und in diesem Unternehmen in Pension gehen.

„Gesundheitsberichterstattung ist so spezifisch, dass man im günstigsten Fall eine Vorausbildung hat – und wenn nicht, müssen alle Ressourcen in dieses Thema gesteckt werden.“
Gruppenbild mit drei Männern und einer Frau.
Präsident Johannes Steinhart, Denise Daum (Leiterin Öffentlichkeitsarbeit), Köksal Baltaci, Öffentlichkeitsreferent Hamid Schirasi-Fard (v.l.)
Foto: Stefan Seelig
Frau und Mann sitzend.
Sonja Schauer und Köksal Baltaci.
Foto: Stefan Seelig
„Ich habe schon früh beobachtet, dass Menschen durch Kommunikationsdefizite in ihrer Gesundheit beeinträchtigt waren.“
 
© Ärztin für Wien | 27.05.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/panorama/mein-ganzes-leben-dreht-sich-um-gesundheitsjournalismus