Elisabeth Thurnher 108-jährig verstorben
Elisabeth Thurnher 108-jährig verstorben

Pionierin der Vorsorge

Elisabeth Thurnher, geboren 1918, erlebte zwei Weltkriege, trotzte dem NS-Regime mit bemerkenswertem Mut und Humor, wurde Oberärztin sowie Pionierin der kostenlosen Vorsorgeuntersuchung in Österreich. Am 8. Mai 2026 ist die älteste Ärztin Wiens im Alter von 108 Jahren verstorben. Im Jahr 2025, anlässlich ihres 107. Geburtstags, porträtierte Ärzt*in für Wien die beeindruckende Zeitzeugin medizinischer Geschichte.

Stefan Eckerieder-Donovan

„In der Schule war ich die Beste – von hinten gerechnet. Ich wollte nie lernen und war sehr eloquent. Meine Mutter war regelmäßig an der Schule, um die Wogen wieder zu glätten“, sagte Elisabeth Thurnher mit einem schelmischen Lächeln im Gespräch mit Ärzt*in für Wien. Geboren in Polen, übersiedelte sie im Alter von sechs Jahren mit ihrer Familie nach Wien. Obwohl sie als Kind nicht zu den Fleißigsten in der Schule gehörte, bestand Thurnher nicht nur die Matura, sondern auch die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium.

„Meine Mutter sagte immer: ‚Du lernst nicht für die Professoren, sondern für dich selbst.‘ Das habe ich dann beherzt“, erzählte die Medizinerin. Dabei bewies sie schon früh Kampfgeist, denn das Studium während des NS-Regimes war für eine Frau – noch dazu polnischer Herkunft – alles andere als einfach. „Ich war eine fleißige Studentin. Im Fach Physiologie wäre ich allerdings fast durchgefallen. Der Professor, ein strammer Nazi, sagte zu Beginn des Semesters: ‚Polen werden bei mir nie durchkommen.‘ Ich habe dann gesagt: ‚Professor, ich bin eine Polin‘, weil ich immer frech war. Dass es der Professor mit seiner Ankündigung durchaus ernst meinte, zeigte sich schließlich beim Examen, wo er Thurnher zwei Mal durchfallen ließ. Ein weiteres Nichtbestehen der Prüfung hätte das Ende für ihren Traum bedeutet, Ärztin zu werden. „Ich habe schon überlegt, nach Graz zu gehen. Aber eines Tages, während ich im Skiurlaub am Semmering war, kam ein Anruf: Am nächsten Tag würde ein anderer Professor die Prüfung abnehmen. Ich stieg in den Nachtzug zurück nach Wien, war sehr nervös, aber ich habe bestanden“, erzählte sie.

Nach dem Studium arbeitete Thurnher in der „Internen“-Abteilung des AKH und leitete sie später als Oberärztin. „Dort habe ich den Spitznamen ‚die Kleine‘ erhalten. Jeder wusste, wer damit gemeint war.“ Als eine der wenigen Frauen in der Medizin zur Zeit der 1940er Jahre sei es wichtig gewesen, sich den Humor zu bewahren, sagte sie: „So gab es für mich umso mehr Möglichkeiten um zu flirten“. Auch als ein Patient sich weigerte, sich von ihr – einer Frau – behandeln zu lassen, behielt „die Kleine“ ihre Schlagfertigkeit bei. Später wurde der Patient sogar ihr Trauzeuge.

Mut und Menschlichkeit
Ihren unerschütterlichen Mut bewies Thurnher auch, als sie 1939 den jungen Psychiater Erwin Ringel vor der Gestapo im AKH versteckte, weil er an einer antinationalsozialistischen Großkundgebung teilgenommen hatte. Zu dieser Zeit lernte sie ihren Ehemann Bruno Thurnher kennen, mit dem sie 1945 in Innsbruck ihren Sohn Martin bekam. Dort lebte die Familie für einige Jahre, nachdem ihr Ehemann dort eine Stelle als Radiologe angenommen hatte.

Zurück in Wien führte Thurnher eine Zeit lang ihre eigene Praxis, in der sie in der Nachkriegszeit viele Menschen kostenlos behandelte, bis ihr Mann resignierte: „Wir können uns das nicht länger leisten.“ Später arbeitete sie bei Siemens und gehörte zu den ersten Arbeitsmedizinerinnen Österreichs. Ihre unverblümte Art brachte Thurnher in den 1960er Jahren ein ungewöhnliches Aufeinandertreffen mit der Spitzenpolitik ein. Die Medizinerin rief nach einer Veranstaltung ein Taxi, stieg in die erste schwarze Mercedes-Limousine und wies den verdutzten Chauffeur an: „Bennoplatz.“ „Sehr gerne, gnädige Frau“, antwortete Bundespräsident Adolf Schärf von der Rückbank seines Dienstwagens.

Ältere Dame in blauer Bluse lacht herzlich
Auch im hohen Alter blieb Thurnher aktiv: Sie bereiste viele Kontinente, besuchte Theater und Oper und unternahm noch vor zwei Jahren mehrwöchige Alleinurlaube. / Foto: Michaela Obermair


Vorsorge dank Freundschaft
Die enge Freundschaft mit Gesundheitsministerin Ingrid Leodolter führte zur Entwicklung eines Konzepts für kostenlose Vorsorgeuntersuchungen. Bei einem gemeinsamen Abendessen skizzierten sie auf einem A4-Blatt die wichtigsten Punkte, die in den 1970er Jahren umgesetzt wurden. Dafür ernannte Leodolter Thurnher zur Obermedizinalrätin. Bis zu ihrer Pensionierung mit 62 Jahren arbeitete Thurnher in einem Ambulatorium der Gebietskrankenkasse. Schwere Schicksalsschläge folgten: Ihr Mann starb an den Spätfolgen einer Hepatitis-C-Infektion, die er sich in den 1960er Jahren zuzog, als er sich beim Auswaschen einer Infektionsnadel verletzt hatte. Einige Jahre später verlor sie ihren Sohn Martin an Krebs. Seither unterstützte sie ihre Schwiegertochter Helga, die sich der Darmkrebsvorsorge verschieben hat.

Auch im hohen Alter blieb Thurnher aktiv: Sie bereiste viele Kontinente, besuchte Theater und Oper und unternahm noch 2023 sechs Wochen lang Alleinurlaube in Villach. „Ich habe das immer sehr genossen. Leider geht das jetzt nicht mehr", sagte sie damals, als sie mit 107 Jahren noch erstaunlich rüstig wirkte und täglich einen Spaziergang unternahm: „Wenn das Wetter es zulässt. Ich schlafe aber auch viel“, sagte sie lachend. Auf die Frage nach ihrem Geheimnis antwortete sie schmunzelnd: „Ich habe immer Sport betrieben, war von Kindheit an mit meinem Vater wandern und bergsteigen und später leidenschaftliche Skifahrerin. Doch abseits davon muss ich Sie enttäuschen: Ich habe keine Geheimformel.“

 

„Der Professor, ein strammer Nazi, sagte zu Beginn des Semesters: Polen werden bei mir nie durchkommen. Ich habe dann gesagt: Professor, ich bin eine Polin, weil ich immer frech war.“
Ältere Dame in blauer Bluse
Elisabeth Thurnher entwickelte in den 1970er Jahren gemeinsam mit der damaligen Gesundheitsministerin Ingrid Leodolter ein Konzept für kostenlose Vorsorgeuntersuchungen.
Foto: Michaela Obermair
„Ich habe immer Sport betrieben, war von Kindheit an mit meinem Vater wandern und bergsteigen und später leidenschaftliche Skifahrerin. Doch abseits davon muss ich Sie enttäuschen: Ich habe keine Geheimformel.“
 
© Ärztin für Wien | 20.05.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/panorama/pionierin-der-vorsorge