Dispensierrecht
Dispensierrecht

Medikamentenagaben in Ordinationen verbessert Patientenversorgung

Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien fordert, dass künftig auch Medikamente direkt in der Ordination abgegeben werden dürfen. Das hätte gleich mehrere Vorteile für alle Beteiligte im Gesundheitssystem. Welche das sind, wurde im Rahmen einer Pressekonferenz präzisiert.

red

Bei der Pressekonferenz am Mittwoch, 13. Mai 2026, forderte die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien die Möglichkeit zur Medikamentenabgabe an Patientinnen und Patienten direkt in der Ordination. Dies folgt einem zweifachen Bedürfnis: Zwei Drittel der Wienerinnen und Wiener wollen Medikamente auch direkt bei der Ärztin bzw. beim Arzt erhalten und sechs von zehn der befragten Wiener Ärztinnen und Ärzte wünschen sich die Möglichkeit zu dispensieren.

Drei Personen sitzen nebeneinander - eine Frau und zwei Männer.
Naghme Kamaleyan-Schmied, Johannes Steinhart und Meinungsforscher Peter Hajek bei der Pressekonferenz (v.l.). / Foto: Stefan Seelig

Medikamentenabgabe in Ordis für schnelleren Therapiebeginn und attraktiverem Arztberuf 

Durch die Medikamentenversorgung direkt bei der behandelnden Ärztin bzw. dem behandelnden Arzt werden Ordinationen zur zentralen Versorgungsdrehscheibe. „Wir sehen die Medikamentenabgabe als sinnvolle Ergänzung, die sich positiv auf die Patientenversorgung auswirkt. Relevante therapeutische Aspekte hängen davon ab, ob ein Medikament unmittelbar und ohne Barrieren verfügbar ist", sagte Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Die Dispensiermöglichkeit würde überdies die Ordinationszeiten beflügeln: Unter der Voraussetzung des Dispensierrechts wären 42 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte bereit, Randzeiten abzudecken, und ein Drittel sogar die Öffnungszeiten generell auszuweiten. Vor allem für junge Wahlärztinnen und Wahlärzte wäre die Medikamentenabgabe eine Motivation, ins Kassensystem zu wechseln. Um den Bedarf und das Potenzial einer Medikamentenabgabe in den Ordinationen zu erheben, wurde im Auftrag der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien im März 2026 von Meinungsforscher Peter Hajek 1.021 Wiener Ärztinnen und Ärzte aus dem Kassen- und Wahlarztsystem befragt - Details siehe unten.

One-Stop-Konzept für bessere Therapietreue 

Eine moderne Gesundheitsversorgung muss darauf abzielen, Abläufe für die Bevölkerung zu vereinfachen und Wege zu verkürzen. „Ein One-Stop-Konzept in Ordinationen, bei dem Patientinnen und Patienten sowohl ärztliche Beratung als auch Medikamente direkt erhalten, führt zu einer deutlichen organisatorischen und zeitlichen Entlastung“, erklärte Johannes Steinhart. Alle niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte – mit und ohne Kassenvertrag – sollen das gesetzlich verbriefte Recht, das sogenannte Dispensierrecht, zur direkten Abgabe apotheken- und verschreibungspflichtiger Arzneimittel in ihren Ordinationen erhalten. „Wir sehen die Medikamentenabgabe als sinnvolle Ergänzung, die sich positiv auf die Patientenversorgung auswirkt. Relevante therapeutische Aspekte hängen davon ab, ob ein Medikament unmittelbar und ohne Barrieren verfügbar ist.“ 

Internationale Studien zeigen (siehe Quellenangabe unten), dass etwa zehn bis 25 Prozent der neu verschriebenen Rezepte nicht eingelöst werden. In Österreich zeigen erste Auswertungen (s. Quellenangabe unten) zur Einführung der elektronischen Medikationsliste und e‑Rezepte, dass etwa rund jedes zehnte rezeptpflichtige Medikament nicht in der Apotheke abgeholt wird. „Die direkte Abgabe in der Ordination kann diese Lücke schließen und die Therapietreue deutlich verbessern“, so Steinhart.

Am Foto ist eine Frau zu sehen, die gerade spricht.
Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte. / Foto: Stefan Seelig

Patientenversorgung ohne Umwege und im geschützten Bereich

Besonders an Randzeiten sind Patientinnen und Patienten immer wieder damit konfrontiert, die verschriebenen Medikamente nicht mehr abholen zu können. „Wenn Patientinnen und Patienten das Medikament direkt nach dem Arztgespräch mitnehmen können, sichert das einen sofortigen Therapiebeginn ohne Umwege,“ sagte Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Darüber hinaus erspart die direkte Abgabe kranken Menschen, chronisch Kranken oder Eltern mit kleinen Kindern oft lange Wege bis zur nächsten diensthabenden Apotheke, reduziert das Ansteckungsrisiko und erhöht die Diskretion. „Nicht nur für alte, sondern auch für kranke Menschen ist jeder Schritt und zusätzliche Weg eine große Belastung“, erklärte Kamaleyan-Schmied. „In der Praxis machen wir außerdem die Erfahrung, dass insbesondere Menschen mit stigmatisierenden Erkrankungen den Weg in die Apotheke scheuen und lieber im diskreten Behandlungsraum bleiben.“ 

Medikamentenabgabe als entscheidender Hebel für Kassensystem 

Die Medikamentenabgabe würde nur Vorteile für das Kassensystem bringen: erweiterte Öffnungszeiten, mehr Versorgung an Randzeiten und Wechsel ins Kassensystem sind die positiven Effekte. „Wir sehen in den Studienergebnissen ein enormes Potenzial, die Patientenversorgung zu verbessern und gleichzeitig den Beruf attraktiver zu machen“, so Kamaleyan-Schmied. Für jede fünfte Allgemeinmedizinerin und jeden fünften Allgemeinmediziner wäre die Medikamentenabgabe in der Ordination ein Grund, ins Kassensystem zu wechseln. Unabhängig vom Fach trifft das bei den unter 40-Jährigen sogar auf jede vierte Wahlärztin bzw. jeden vierten Wahlarzt zu. Darüber hinaus wären vier von zehn befragten Ärztinnen und Ärzten unter der Voraussetzung des Dispensierrechtes bereit, Randzeiten abzudecken, und ein Drittel würde sogar die Öffnungszeiten generell ausweiten. „Das ist ein entscheidender Hebel Ärztinnen und Ärzte ohne Zwang für das solidarische Gesundheitssystem zu gewinnen, den man angesichts der zunehmend schwierigen Situation in der kassenärztlichen Versorgung – insbesondere in Mangelfächern – nicht ungenutzt lassen darf“, sagte Kamaleyan-Schmied. 

Umsetzung gefordert

Aus einer Patientenbefragung 2024 ist bekannt, dass zwei Drittel der Wienerinnen und Wiener sich wünschen, Medikamente auch direkt bei der Ärztin bzw. dem Arzt erhalten zu können. Die nun vorliegenden Ergebnisse zeigen: Auch die Ärzteschaft ist bereit, diesen nächsten Schritt in der Versorgung mitzugehen. „44 Prozent der Wiener Ärztinnen und Ärzte würden an einem Pilotprojekt teilnehmen“, sagte Steinhart im Rahmen der Pressekonferenz. „Der Wunsch der Bevölkerung trifft auf eine hohe Bereitschaft in der Ärzteschaft. Das ist ein eindeutiger Auftrag an die Politik, rasch in die Umsetzung zu gehen, um neue Versorgungsmodelle im österreichischen Gesundheitssystem zu entwickeln.“ 

 

Die Ergebnisse der Ärzt*innen-Befragung im Detail:

  • 61 Prozent aller befragten Ärztinnen und Ärzte in Wien wollen Medikamente direkt in ihrer Ordination abgeben. Besonders hohe Zustimmung bei: 
    • jungen Ärztinnen und Ärzten (30-39 Jahre: 83%, 40-49 Jahre: 71%, 50-59 Jahre: 63%, 60+: 49%)
    • Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmedizinern (69%) 
    • Kassenordinationen (68%)
  • 42 Prozent würden dafür Randzeiten abdecken
  • 33 Prozent wären bereit, Öffnungszeiten zu erweitern 
  • Für 12 Prozent aller Wahlärztinnen und -ärzte wäre die Medikamentenabgabe in den Ordinationen eine Motivation ins Kassensystem zu wechseln. Insbesondere für:
    • 39 Prozent der unter 40-jährigen Wahlärztinnen und -ärzte.
    • Jede fünfte bzw. jeden fünften Allgemeinmedizinerin und -mediziner (21%).
  • 43 Prozent wären an einem Pilotprojekt interessiert. Besonders groß ist das Interesse bei: 
    • Kassenärztinnen und Kassenärzten (62%) 
    • Unter 40-jährigen Ärztinnen und Ärzten (68%)
  • Vorteile der Medikamentenabgabe aus Sicht der Ärzteschaft
    • Zeitersparnis (76%)
    • schnellerer Therapiebeginn (75%)
    • höhere Patientenzufriedenheit (74%)
  • Wirtschaftliche Aspekte spielen eine untergeordnete Rolle: nur 37 Prozent nennen dies als Vorteil.
  • Als größtes Hindernis wird klar der organisatorische bzw. bürokratische Aufwand (54%) gesehen; Lagerlogistik (18%) ist auf Platz zwei.

 

Links zu den internationalen Studien sowie zur Auswertung zur Medikamenteneinlösung, auf die im Text Bezug genommen werden:

 

„Wir sehen die Medikamentenabgabe als sinnvolle Ergänzung, die sich positiv auf die Patientenversorgung auswirkt. Relevante therapeutische Aspekte hängen davon ab, ob ein Medikament unmittelbar und ohne Barrieren verfügbar ist.“
Man sieht auf dem Bild die Hände eines Arztes, der gerade Medikamente an einen Patienten übergiibt.
Die Medikamentenabgabe in den Ordinationen ist ein entscheidender Vorteil.
Foto: iStock/AlexRath
„Es besteht ein enormes Potenzial, die Patientenversorgung zu verbessern und gleichzeitig den Beruf der niedergelassenen Ärztin bzw. des Arztes attraktiver zu machen.“
 
© Ärztin für Wien | 15.05.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/gesundheitspolitik/medikamentenagaben-ordinationen-verbessert-patientenversorgung