Alarmzeichen im niedergelassenen Bereich
Alarmzeichen im niedergelassenen Bereich

Wiener Ärzteschaft zeigt sich zunehmend frustriert

Das Ergebnis einer aktuellen Umfrage unter 1.021 niedergelassenen Wiener Ärztinnen und Ärzten, die im März 2026 von Meinungsforscher Peter Hajek im Auftrag der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien durchgeführt wurde, ist ein deutliches Warnsignal. Knapp ein Drittel der Befragten überlegt, die ärztliche Tätigkeit zu beenden. 

Katharina Hemmelmair

Jede vierte Kassenärztin und jeder vierte Kassenarzt erwägt angesichts der aktuellen gesundheitspolitischen Maßnahmen ins Wahlarztsystem zu wechseln. Konzepte der Politik und der Sozialversicherungen wie zum Beispiel die verpflichtende Diagnosecodierung, die vorgeschlagene Honorarobergrenze und die verpflichtende Einbindung von Wahlärztinnen und -ärzten ins Kassensystem oder die Ausweitung von Kompetenzen anderer Berufsgruppen werden von einer deutlichen Mehrheit der Ärzteschaft als belastend, verunsichernd und als Gefährdung für die Versorgung der Bevölkerung wahrgenommen. 

Die Ergebnisse im Detail:

  • Drei Viertel (73%) der befragten Ärztinnen und Ärzte sehen durch solche Maßnahmen den freien Arztberuf gefährdet, 52% davon in hohem Ausmaß. 
  • 62 Prozent blicken als Ärztin bzw. Arzt unsicher in die Zukunft.
  • 61 Prozent fühlen sich durch die aktuellen Entwicklungen persönlich belastet.
  • Mehr als die Hälfte (55%) sieht durch die Maßnahmen die Versorgung im öffentlichen Gesundheitssystem gefährdet.
  • Ebenfalls 55 Prozent sehen durch diese Maßnahmen ihre wirtschaftliche Situation bedroht.
  • Knapp ein Drittel (30%) überlegt, die ärztliche Tätigkeit zu beenden.
  • Jede vierte Ärztin bzw. jeder vierte Arzt zieht einen Ausstieg aus dem Kassensystem in Betracht (24%).
Mann im Gespräch
Kammerpräsident Johannes Steinhart

„Das muss ein Weckruf für die Politik sein, das Kassensystem dringend zu reformieren und aufzuwerten“, kommentiert Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, diesen alarmierenden Befund. „Die aktuellen Maßnahmen erreichen das Gegenteil und vertreiben Kassenärztinnen und -ärzte aus dem System.“

In vielen Fächern stellt der Invertragnahme-Ausschuss fest, dass offene Kassenstellen im Bereich der Allgemeinmedizin, Dermatologie, Kinder- und Jugendheilkunde und Gynäkologie nicht besetzbar sind. Dadurch entsteht ein wachsender Versorgungsmangel für die Patientinnen und Patienten. Besonders angespannt ist die Lage in der Frauen- und Geburtsheilkunde: Die Gynäkologie ist die am schlechtesten bezahlte Fachgruppe, was die Nachbesetzung zusätzlich erschwert. Aktuell ist fast jede zehnte Stelle unbesetzt (9%). Zudem wird rund ein Viertel der Gynäkologinnen und Gynäkologen (26%) mit Kassenvertrag in den nächsten Jahren in Pension gehen.

„Wenn wir die Lücken im Gesundheitssystem schließen wollen, muss das solidarische Gesundheitssystem wieder attraktiv für junge Ärztinnen und Ärzte werden“, sagt Steinhart. „Die Einschränkung des Wahlarztsystems durch Honorarobergrenzen und Verpflichtungen ist dafür der falsche Weg. Dies führt nur dazu, dass Wahlärztinnen und -ärzte ihre ärztliche Tätigkeit beenden.“ Für die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien steht außer Frage, dass strukturelle Änderungen im Gesundheitssystem notwendig sind. Entscheidend ist jedoch, die Ärzteschaft aktiv in Entwicklung und Umsetzung einzubinden.

Kolportierte Modelle einer Gesundheitsreform

Aktuell werden medial Modelle und Ideen diskutiert, die eine Expertengruppe für die Umsetzung der geplanten Gesundheitsreform erarbeitet hat. Der zugrunde liegende Bericht wurde jedoch bislang nicht veröffentlicht.

„Von den Details, die durchdringen, gewinnt man den Eindruck, dass ein massiver Umbau der staatlichen Strukturen geplant ist: Verstaatlichung, Zentralisierung, Schwächung der Sozialpartnerschaft“, so Steinhart. „Die kolportierten Reformvorschläge gefährden das solidarische Gesundheitssystem. Es ist unser höchstes Gut, dass alle Patientinnen und Patienten – unabhängig von Einkommen, Alter oder Herkunft – sicher sein können, in Österreich eine hochwertige medizinische Versorgung zu erhalten.“ 

Problematisch sei zudem, dass keines der diskutierten Modelle die aktuellen Finanz- und Versorgungsprobleme adressiert. Zudem fehlt die Perspektive der Patientinnen und Patienten ebenso wie jene der Ärztinnen und Ärzte weitgehend. „Es kann nicht sein, dass die Ärzteschaft bei zentralen Verhandlungen nicht eingebunden ist“, kritisiert Steinhart. „Eine zukunftsfähige Gesundheitsreform ist ohne die aktive Einbindung der Ärzteschaft nicht möglich.“

Frau im Gespräch.
Vizepräsidentin Naghme Kamaleyan-Schmied

Einfach umzusetzende Lösungen

Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin und Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, ist überzeugt, dass viele Probleme rasch lösbar wären: „Während große Systemumbauten diskutiert werden, steht die Versorgung bereits jetzt unter massivem Druck.“ Notwendige Schritte wären insbesondere die Reduktion der Bürokratie und Befreiung von unsinnigen Belastungen, der Ausbau und die Stärkung der Primärversorgung ebenso wie die Attraktivierung und Flexibilisierung der Kassenverträge. „Junge Ärztinnen und Ärzte wollen Familie und Beruf vereinbaren können. Deshalb brauchen wir Modelle, die Teilung von Kassenstellen, Vormittagsordinationen und andere flexible Formen der Zusammenarbeit ermöglichen. Das könnte rasch Entlastung bringen – ohne zusätzliche Kosten.“ 

„Wenn wir die Lücken im Gesundheitssystem schließen wollen, muss das solidarische Gesundheitssystem wieder attraktiv für junge Ärztinnen und Ärzte werden.“
Frustrierte Ärztin sitzt am Schreibtisch vor ihrem Laptop.
Die gesundheitspolitischen Maßnahmen werden von den Ärztinnen und Ärzten als belastend empfunden.
iStock/damircudic
„Wir brauchen Modelle, die Teilung von Kassenstellen, Vormittagsordinationen und andere flexible Formen der Zusammenarbeit ermöglichen.“
 
© Ärztin für Wien | 07.05.2026 | Link: https://www.aerztinfuerwien.at/gesundheitspolitik/wiener-aerzteschaft-zeigt-sich-zunehmend-frustriert