Wie verdaulich die Abnehmspritze ist
Bianca-Karla Itariu ist eine starke Stimme der evidenzbasierten Therapie bei Adipositas. Die Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen über Vor- und Nachteile der Abnehmspritze.
Es war am ersten Tag des 1. Wiener Medizinischen Kongresses im Schloss Schönbrunn. Saal 8. Freie Sitzplätze? Kaum. Vorne am Rednerpult steht eine Medizinerin mit ruhiger Stimme, die sich für Menschen mit Adipositas ins Zeug legt: Bianca-Karla Itariu. Die Wiener Wahlärztin, Lektorin an der Medizinischen Universität Wien und Präsidentin der Adipositas-Gesellschaft, sagt: „Ich würde meinen, dass jeder in diesem Raum schon einmal abnehmen wollte. Und viele haben es auch geschafft.“ Doch in den meisten Fällen geht es um die Eliminierung kleiner Fettpölsterchen – nach der Wintersaison oder vor dem Sommerurlaub und nicht um die Beseitigung von 15, 20 oder 30 Kilogramm. Itariu ergänzt: „Und die meisten denken dann – Abnehmen ist doch eh einfach, warum haben andere solche Probleme damit.“
Ärzt*in für Wien: Wann und warum ist das Abnehmen wirklich ein Problem?
Bianca-Karla Itariu: Für Patientinnen und Patienten mit Adipositas, also mit krankhaftem Übergewicht, ist Abnehmen ohne Hilfe kaum möglich. Abnehmen ist Teil der Therapie, aber bei weitem nicht alles. Schon fünf bis 10 Prozent an Gewichtsreduktion bewirken eine Verbesserung der Outcomes. Aber langfristig das Gewicht unten zu behalten, ist ohne Therapie äußerst schwierig. Das ist vereinbar mit der Set-Point-Theorie, der zufolge ein biologisch festgelegtes Gewicht über Hormone und Stoffwechselprozesse verteidigt wird. Diäten führen daher zum Jo-Jo-Effekt, da das Gehirn das gewohnte Gewicht zurückverlangt beziehungsweise im adipogenen Umfeld das Gewicht unweigerlich zurückkommt. Das macht das Abnehmen und das Halten des Gewichts bei der chronischen Erkrankung Adipositas so schwer.
Ärzt*in für Wien: Welche Therapien stehen zum Abnehmen zur Verfügung?
Itariu: Die evidenzbasierte Medizin umfasst die metabolisch-bariatrische Chirurgie, also Eingriffe im Magen-Darm-Bereich, oder die medikamentöse Therapie über Inkretinhormone – sogenannte Abnehmspritzen. Und natürlich sind die beiden Therapieformen auch kombinierbar.
Ärzt*in für Wien: Wann spricht man heute von Adipositas?
Itariu: Für die WHO war von 1997 die Grenze, ab wann jemand Adipositas hat bei einem Body-Mass-Index von mindestens 30 erreicht. Doch dieser Messwert allein ist wenig aussagekräftig. Die Diagnose der klinischen Adipositas wird bei einem BMI ab 25 Kilogramm pro Meter zum Quadrat und einer „Waist-to-Height-Ratio“, also Verhältnis Bauchumfang zu Körpergröße, ab 0,5 gestellt, wenn gleichzeitig Beschwerden vorliegen. Wenn eine medizinische Komorbidität vorliegt, wie etwa Hypertonie, Typ-2-Diabetes, obstruktive Schlafapnoe, Inkontinenz oder gastrointestinale Erkrankungen, sprechen wir beispielsweise vom Edmonton Stadium 2 der Adipositas. Wenn die Patientin oder der Patient metabolisch gesund ist, aber aufgrund der erhöhten Fettmasse sich nicht mehr die Schuhe binden oder sich pflegen kann, dann ist das auch eine klinische Adipositas. Wer hingegen keine Vorerkrankungen und keine Co-Erkrankungen hat, der befindet sich in der präklinischen Adipositas und da ist man im Bereich der Prävention.
Ärzt*in für Wien: Sie sind Expertin für die Abnehmspritze. Können Ärztinnen und Ärzte die Abnehmpräparate ihren Patientinnen und Patienten guten Gewissens empfehlen?
Itariu: Zur Behandlung von Adipositas stehen uns heute evidenzbasierte Medikamente zur Verfügung – keine Lifestyle-Spritzen, sondern Therapien mit erdrückender Evidenz. Wir erreichen 10, 20 oder mehr Prozent Gewichtsverlust. Aber das Gewicht ist nur ein Teil der Geschichte: Diese Medikamente verbessern nachweislich kardiovaskuläre Endpunkte, senken den Blutdruck, schützen die Niere und die Leber. Das Sicherheitsprofil ist gut – wir müssen keine Angst vor Nebenwirkungen haben, aber wir müssen wissen, damit umzugehen.
Ärzt*in für Wien: Welche Medikamente sind zu empfehlen?
Itariu: Die beste Evidenz hat derzeit Semaglutid – bekannt unter dem Namen Wegovy – und Tirzepatid, das als Mounjaro auf dem Markt ist. Beide wurden kürzlich auch von der deutschen Stiftung Warentest positiv bewertet. Daneben gibt es weitere Wirkstoffe wie Orlistat, Bupropion/Naltrexon, Liraglutid und Setmelanotid – sie funktionieren zum Teil anders, das erfordert aber Erfahrung in der Handhabung.
Ärzt*in für Wien: Wie wirken Abnehmspritzen?
Itariu: Semaglutid und Tirzepatid, die Inkretinhormone, regulieren die Verdauung, verlangsamen die Magenentleerung und damit bleibt das Essen länger im Magen, was zu einem längeren Sättigungsgefühl führt. Die Patientinnen und Patienten denken sich, ich kann nicht mehr (essen). Die Wirkstoffe legen überdies auch einen Schalter zentral im Gehirn um und die Patientinnen und Patienten sagen, ich will nicht mehr (essen). Damit wird das Überessen vermieden. Die Substanzen wirken aber auch protektiv auf die Nieren. Wie man aus Studien mittlerweile weiß, haben sie auch gewichtsunabhängige Effekte. Dieser Anteil macht rund ein Fünftel aus. Das heißt, die Abnehmspritzen haben eine positive Wirkung auf die Leber, auf Herz, auf die Durchblutung, die Nieren und teilweise auch auf die Psyche.
Ärzt*in für Wien: Reicht es alleine, die Abnehmspritze zu nehmen?
Itariu: Die Medikamente helfen nicht nur bei der Gewichtsreduktion, sie helfen auch dabei, das Gewicht zu halten. Sie ermöglichen es den Patientinnen und Patienten, die notwendigen Lebensstilumstellungen umzusetzen. Und diese sind genauso wichtig. Denn gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung sind unerlässlich für eine erfolgreiche Therapie – aber ich bezeichne es als „artgerechte Haltung“, denn das sollten wir alle tun.
Ärzt*in für Wien: Warum werden die Abnehmspritzen nicht generell als Kassenleistung übernommen (siehe Zusatztext unten)?
Itariu: Diese Arzneimittel sind auch auf der vom Dachverband der Sozialversicherungsträger nach Paragraf 351c Absatz 2 ASVG erstellten Liste jener Arzneimittelkategorien, die im Allgemeinen nicht zur Krankenbehandlung geeignet sind, ausgewiesen, da sie – so in der Begründung – in der Regel nicht zur Behandlung einer der Übergewichtigkeit allenfalls zugrundeliegenden körperlichen oder geistigen Störung dienen und daher nicht zur Krankenbehandlung im Sinne des Paragrafen 133 Absatz 2 ASVG eingesetzt werden können. Das steht im Widerspruch zur wissenschaftlichen Evidenz. Die positiven Nebenwirkungen der Abnehmspritze sind enorm: Bluthochdruck, Diabetes, Fettleber, Herz-Kreislauf-Probleme, Gelenkschmerzen, Krebs, sogar Sucht nach Alkohol und anderen Drogen – das Risiko für all diese genannten Erkrankungen geht durch die Spritze und den Gewichtsverlust deutlich zurück. Jede einzelne Adipositas-Patientin bzw. jeder einzelne Adipositas-Patient weniger, erspart dem System viel Geld und personelle Ressourcen. Adipositas ist als chronische Erkrankung anerkannt, und diese Medikamente sind explizit zu ihrer Behandlung zugelassen. Außerdem fügt sich ein gesellschaftliches Stigma hinzu, dass das Leben mit Übergewicht für viele Menschen schwerer macht. Grundsätzlich gilt: Adipositas unbehandelt zu lassen, ist viel gefährlicher als die Nebenwirkungen.
Ärzt*in für Wien: Die Abnehmspritzen sind nicht gerade günstig. Was muss man bezüglich der Kosten auch für die Therapie bedenken?
Itariu: Im Schnitt kostet die Therapie bei voller Dosis rund 250 Euro pro Monat. Das ist nicht so wenig und belastet viele Budgets. Das kann für manche der Grund für einen vorzeitigen Therapieabbruch sein. Das sollte man beim Erstgespräch immer erörtern. Wie schon erwähnt, kommen viele nach Absetzen der Spritze wieder auf ihr ursprüngliches Gewicht zurück. Aus diesem Grund ist die Abnehmspritze eine Langzeittherapie.
Keine generelle Kostenübernahme der Abnehmspritze – Stellungnahme der ÖGK:
„Der Ersatz dieser konservativen Behandlungsmöglichkeiten durch die vermeintlich ‚einfachere‘ Gabe einer sogenannten ‚Abnehmspritze‘ ist nicht zweckmäßig und auch nicht durch das solidarische Gesundheitssystem finanzierbar. Zudem ist laut Studiendaten bis zu einem Drittel der Gewichtsabnahme nicht auf den Verlust von Fett-, sondern von Muskelmasse zurückzuführen. Aus den oben genannten Gründen kann die Österreichische Gesundheitskasse derzeit keine generelle Zusage zur Kostenübernahme der sogenannten GLP1-Analoga zur Gewichtsreduktion tätigen.“
Ausnahmen - so die ÖGK - würden aber gemacht, bei:
- Kindern und Jugendlichen mit massivem Übergewicht in Ergänzung zur Lebensstilmodifikation und Psychoedukation unter Observanz eines pädiatrischen Adipositaszentrums und regelmäßiger Kontrolle für maximal zwei Jahre.
- Erwachsenen, für die ein auf Adipositas spezialisiertes Zentrum einen Antrag stellt, wenn nach Ausschöpfung der konservativen Behandlungsmöglichkeiten aufgrund der weiterhin bestehenden Fettleibigkeit die Operationstauglichkeit für eine gewichtsreduzierende Operation nicht erreicht werden kann oder wenn aufgrund des Gewichts das Operationsrisiko sehr hoch ist bzw. die Operation ohne Gewichtsreduktion nicht durchführbar ist.
- Sowie in begründeten Einzelfällen, wo mit niedergelassenen Experten festgestellt wurde, dass ein zeitlich begrenzter Einsatz sinnvoll ist, erfolgen dementsprechend Einzelfallbewilligungen.
