Operieren in einer Streichholzschachtel
Die Klinik Donaustadt war das erste Spital im Wiener Gesundheitsverbund, das das roboterassistierte Operationssystem Da Vinci bekommen hat. Primarius Thomas Benkö, Abteilungsleiter der Kinder- und Jugendchirurgie, erklärt, warum das Hightech-Gerät für alle ein Gewinn ist.
Im November 2021 übernahm Thomas Benkö die Leitung der Abteilung für Kinder- und Jugendchirurgie in der Klinik Donaustadt – eine der größten in Österreich. Im Frühjahr 2023 bekam er einen neuen OP-Assistenten: einen Da Vinci-Roboter. Primarius Benkö hat sich und sein Team ein halbes Jahr lang gezielt auf den Einsatz im Echtbetrieb vorbereitet. Mittlerweile wurden mehr als 110 Operationen absolviert.
Ärzt*in für Wien: Der heißbegehrte Da Vinci-OP-Roboter ist seit knapp 2,5 Jahren bei Ihnen im Einsatz. Wie war die Anfangszeit?
Thomas Benkö: Für uns war die Einführung der Roboterchirurgie nie eine technische Spielerei, sondern von Anfang an eine strategische Entscheidung, um die Qualität und Struktur der kinderchirurgischen Versorgung nachhaltig weiterzuentwickeln. Wichtig war für uns, zunächst unsere perioperativen Abläufe an der Klinik Donaustadt zu stabilisieren, bevor wir die Robotik schrittweise in die Kinderchirurgie integriert haben. Der erste Eingriff war im September 2023 – eine Cholezystektomie. Im selben Monat führten wir die ersten Fundoplikationen durch. Im weiteren Verlauf haben wir das Spektrum gezielt erweitert – mit Re-Fundoplikationen sowie ersten Milzteilresektionen bei Milzzysten im November und Dezember 2023.
Ärzt*in für Wien: Sie haben sich viel Zeit für die Vorbereitung eingeräumt. Warum das?
Benkö: Wir haben darauf geachtet, dass die Abläufe im Operationssaal – und damit meine ich nicht nur die Chirurgie, sondern auch die Kinderanästhesie, die OP-Pflege und die Assistenz – vor dem ersten Eingriff eingeübt und aufeinander abgestimmt sind. In dieser Phase haben wir das gesamte Setting strukturiert vorbereitet und parallel die Zertifizierung der Operateure durchgeführt. Viele dieser Schritte, insbesondere das Docking des Systems und die Abläufe im OP, lassen sich im Operationssaal außerhalb des laufenden Betriebs, also ohne Patientinnen und Patienten in Narkose, trainieren. Dadurch konnten wir beim ersten Einsatz im Echtbetrieb unnötige Verzögerungen vermeiden. Das hatte einen unmittelbaren Vorteil für die Kinder: Die Narkosezeiten wurden nicht durch Lernprozesse im OP verlängert, sondern wir konnten von Beginn an effizient und koordiniert arbeiten. Die investierte Zeit in der Vorbereitung zahlt sich jetzt bei jedem einzelnen Eingriff aus.
Ärzt*in für Wien: Sie haben ja nicht nur an den Stellschrauben gedreht, was die Eingriffe betrifft, sondern auch was das Alter und Gewicht der jungen Patientinnen und Patienten betrifft. Wie sind Sie da vorgegangen?
Benkö: Wir sind bewusst, schrittweise, zu kleineren Kindern übergegangen, häufig im gleichen OP-Setting zunächst bei größeren und anschließend bei kleineren Patientinnen und Patienten. Diese kontrollierte, stufenweise Einführung war aus unserer Sicht entscheidend für die Sicherheit und den nachhaltigen Erfolg des Programms. Maßgeblich war dabei nicht die Geschwindigkeit, sondern die Struktur. Wir verwenden aktuell das Da-Vinci-Xi-System, und ich bin von dieser Entwicklung überzeugt.
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Ärzt*in für Wien: Sie können mit dem Da Vinci-Roboter immer jüngere Kinder operieren. Wie ist es dazu gekommen?
Benkö: Die frühere Empfehlung von Anfang der 2020er Jahre, die Technik erst ab etwa 15 Kilogramm einzusetzen, hat sich zunehmend relativiert. Auch unser eigenes Kollektiv zeigt, dass die roboterassistierte Chirurgie bei entsprechender Planung und Expertise auch bei sehr kleinen Kindern angewendet werden kann – selbst unter einem Jahr und unter 10 Kilogramm. Das System wurde nicht für Kinder entwickelt, entspricht in seiner Konzeption aber genau dem Anforderungsprofil der Kinderchirurgie: hochpräzise, rekonstruktive Eingriffe auf sehr kleinem Raum. Ich vergleiche das gerne mit dem beidhändigen Nähen in einer Streichholzschachtel. Entscheidend dafür sind drei Faktoren: die Größe der Instrumente, die Distanz zum Zielgebiet und die Positionierung der Trokare. Bereits wenige Millimeter können den Unterschied machen. Die Strukturen liegen viel näher beieinander, und schon ein geringer Zug oder Druck kann dazu führen, dass sich das Operationsgebiet und die Anatomie deutlich verändern. Sowohl die Laparoskopie als auch die roboterassistierte Chirurgie sind minimalinvasive Verfahren. Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch darin, dass die Instrumente beim Roboter über zusätzliche Gelenke verfügen und sich im Körper abwinkeln lassen, während sie in der klassischen Laparoskopie weitgehend starr sind. Wir nutzen hier sehr die Abwinkelbarkeit der Instrumente. Da wir kein direktes haptisches Feedback haben, übernimmt das Auge diese Funktion. Das erfordert ein sehr präzises, vorausschauendes Arbeiten. Mit zunehmender Erfahrung und weiterentwickelten Abläufen haben wir gesehen, dass auch kleinere Kinder sicher operiert werden können.
Ärzt*in für Wien: Wie ist der Umstieg als erfahrener Chirurg beim Operieren mit Da Vinci?
Benkö: Wenn man Erfahrung in minimalinvasiver Chirurgie hat, ist das gut, aber die Robotik braucht ein völlig neues und eigenständiges Erlernen. Es ist ein klarer Prozess vorgegeben. Man verbringt viele Stunden an der Simulation, dann muss man weitere Trainingseinheiten absolvieren und dann erfolgt schrittweise die Einführung im Operationssaal. Man muss sich den Operateur wie einen Orgelspieler vorstellen, der mit Händen und Füßen in ständiger Bewegung alle Register und Hebel betätigt. Man könnte meinen, dass aus diesem Grund nur junge Ärztinnen und Ärzte dem Da Vinci-Roboter gegenüber aufgeschlossen sind. Aber es interessieren sich wirklich alle Altersgruppen dafür. Die Lernkurve bei rekonstruktiven Eingriffen, vor allem beim Nähen, ist deutlich rascher mit dem Da Vinci zu erlernen als etwa in der laparoskopischen Chirurgie.
Ärzt*in für Wien: Wann setzen Sie Da Vinci ein?
Benkö: Das Spektrum umfasst die Chirurgie des Oberbauches, etwa Zwerchfell, Gallenblase, Magen – bei Antirefluxchirurgie also Fundoplikation –, milzerhaltende Chirurgie – bei zystischen Raumforderungen oder bei Sphärozytose – und Darmresektionen bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Ebenso auch die Chirurgie der Niere, der ableitenden Harnwege (Nierenbeckenplastik) und Nebenniere. Auch Varikozelen, intraabdominelle Hodenhochstände und ovarerhaltende Tumor-Resektionen gehören zu unserem Spektrum.
Ärzt*in für Wien: Wie sehr hat sich die Aufenthaltsdauer im Spital durch die Eingriffe via Da Vinci verändert?
Benkö: Wir sehen in unseren Daten eine deutliche Reduktion des stationären Aufenthaltes – insbesondere bei der Milzchirurgie und bei rekonstruktiven Eingriffen wie der Nierenbeckenplastik. Die Nierenbeckenplastik ist dafür ein gutes Beispiel: Hier sind wir direkt von der offenen Chirurgie zur Roboterchirurgie übergegangen. Gleichzeitig haben wir im Zuge der Einführung der Robotik auch die perioperativen Abläufe neu gedacht und ausgerichtet – und davon profitieren auch Kinder, die offen operiert werden, durch eine frühere Entlassung. In der Milzchirurgie konnten wir den stationären Aufenthalt von median acht Tagen (offen) über sechs Tage (laparoskopisch) auf aktuell drei Tage bei roboterassistierten Eingriffen reduzieren. Auch bei rekonstruktiven Eingriffen wie der Nierenbeckenplastik sehen wir eine klare Verkürzung des stationären Aufenthaltes bei gleichzeitig hoher Sicherheit und stabilen Ergebnissen. Der Vorteil besteht für Patientinnen und Patienten, aber auch für Eltern, die sich für den Spitalsaufenthalt ihrer Kinder weniger lang freinehmen müssen. Zudem verbessert es die Bettensituation in den Spitälern. In Summe entlastet es also das gesamte Gesundheitswesen.
Ärzt*in für Wien: Gehen mit der Verwendung von Da Vinci auch weitere Prozesserleichterungen einher?
Benkö: Die Robotik unterstützt uns auch durch eine exakte Darstellung der Gefäßversorgung. Intraoperativ können wir mittels Fluoreszenzverfahren, Firefly, die Durchblutung der Milz beurteilen und so gezielt entscheiden, welcher Anteil reseziert und welcher sicher erhalten werden kann. Das erleichtert und beschleunigt die Entscheidungsprozesse enorm. Das ermöglicht eine funktionserhaltende Chirurgie mit gleichzeitig geringerem Risiko für Rezidive.
Ärzt*in für Wien: Besprechen Sie die Operationen im Nachgang?
Benkö: Nach jeder Operation gibt es ein genaues Debriefing – wie man es aus dem Flugbetrieb kennt. Alle Schritte werden da durchgegangen: wie spanne ich die Nadel im Bauchraum ein, damit der Prozess effizient durchgeführt wird und so weiter. Alle Schritte werden standardisiert. Damit verfolgen wir das Ziel, möglichst effizient und gewebeschonend zu sein. Derzeit haben wir noch die präoperative Vorbereitung im Feintuning.
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Ärzt*in für Wien: Wie ist die Rückmeldung der Patientinnen und Patienten bzw. der Eltern?
Benkö: Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Kinder und Eltern spüren die Auswirkungen der raschen Mobilisierung, den schnelleren Kostaufbau und die Auswirkungen der geänderten perioperativen Prozesse. Am Beispiel der Milzchirurgie mobilisieren wir die Kinder bereits nach 24 Stunden und ermöglichen eine frühere Rückkehr in den Alltag – inklusive sportlicher Aktivität. Je schneller Kinder wieder in den Alltag zurückkehren, desto größer ist auch die Entlastung für die Familien. Die Eltern werden im Vorfeld einer Operation auch genau informiert. Sie wissen Bescheid, wie das abläuft, welche OP-Methoden es gibt und dass der Roboter keine Schritte eigenständig durchführt, sondern vollständig vom Operateur gesteuert wird.
Wir laden Sie ein, einen Blick in den OP mit dem Da Vinici-Roboter zu machen. Primar Thomas Benkö wird von Ärzt*in für Wien-Chefredakteurin Kathrin McEwen interviewt - unter folgendem Link.
